Junge Polen Ab in den Westen


Gleich nach dem EU-Beitritt saßen viele junge Polen auf gepackten Koffern. Die Busverbindungen nach London, Dublin, Malmö und Stockholm waren auf Wochen ausgebucht. Doch für Tausende endete die Reise enttäuschend.

Die ersten Wochen nach dem polnischen EU-Beitritt schienen die Sorgen all jener zu bestätigen, die lange Übergangsfristen für Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt gefordert hatten. Viele Polen vor allem aus den Armutsregionen im Norden und Osten des Landes saßen auf gepackten Koffern. Die internationalen Busverbindungen nach London und Dublin, Malmö und Stockholm waren auf Wochen ausgebucht.

Tausende wurden enttäuscht

Die voller Hoffnung angetretene Reise endete für Tausende mit Enttäuschungen. Sie mussten einsehen, dass der Traum vom Wohlstand im Westen nicht so leicht zu verwirklichen ist, vor allem ohne Sprachkenntnisse und gute Vorbereitung. Hinzu kam, dass unseriöse Vermittler manchem Arbeitssuchenden die letzten Zloty abnahmen, der versprochene Arbeitsplatz aber existierte nicht. Viele kehrten enttäuscht nach Polen zurück, andere bissen sich in der Fremde durch, verließen sich auf die Tipps der polnischen Gemeinde im Exil, schufteten auf Baustellen, putzten, kellnerten und warteten auf die Chance, mit verbesserten Sprachkenntnissen auch einen besseren Job zu bekommen.

Andere planten den Wechsel in den Westen sorgfältig, studierten erst die Angebote der Arbeitsämter in ihren Wunschländern. In den vergangenen Monaten ist eine gewisse Ernüchterung eingetreten - den meisten auswanderungswilligen Polen ist bewusst, dass der Weg hart und langwierig sein kann. Doch diejenigen, die nun auswandern wollen, sind immer besser vorbereitet. In den meisten polnischen Zeitungen gibt es bei den Stellenanzeigen inzwischen eine Beilage zur "Europraca" - der Arbeit in der EU. Darin werden nicht nur aktuelle Angebote aufgelistet, sondern auch Informationen über Lebenshaltungskosten, Steuern und Versicherung. Sogar eine Zeitschrift über die Arbeit im Ausland hat den Weg auf den polnischen Zeitungsmarkt gefunden.

Zukunftsperspektive Auslandsjob

Angesichts einer Arbeitslosigkeit von knapp 20 Prozent lautet das Motto vieler Polen fast ein Jahr nach dem EU-Beitritt weiterhin: Go West. Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zufolge würden fast 40 Prozent aller Polen am liebsten im Ausland nach Arbeit suchen. Bei den 15- bis 29-jährigen sind es sogar 60 Prozent, die für ein paar Jahre oder auf Dauer Polen verlassen wollen - meist nicht aus Abenteuerlust, sondern weil sie keine Zukunftsperspektiven sehen.

"Wenn ich als Krankenschwester nicht so einen Hungerlohn verdienen würde, würde ich bleiben", sagt etwa die 28-jährige Marta Kuska, die sich auf eine Stelle in Italien beworben hat. "Zum Leben hat es einfach nicht gereicht", meint auch der 30 Jahre alte Tomasz Rudnicki, der mit seiner Frau nach London ging. "In Schottland suchen sie Arbeitskräfte, und hier sehe ich keinerlei Perspektive", begründet die 23-jährige Jurastudentin Flora Pozniak ihren Entschluss, Polen zu verlassen.

Mediziner sind heiß begehrt

Viele Arbeitgeber wenden sich direkt an die polnischen Arbeitsämter, um Hilfskräfte einzustellen. Ob Erntehelfer in Frankreich und Griechenland, Zimmermädchen in Spanien oder Pflegekräfte in Deutschland oder Belgien - das Angebot im Ausland ist für viele Polen der rettende Strohhalm aus Armut und Hoffnungslosigkeit. Manche Polen werden sogar regelrecht umworben - etwa Mediziner und Pflegekräfte, die in Großbritannien oder Skandinavien gesucht werden. Sprachkurse und Integrationshilfen wie auch die Aussicht auf Weiterbildung machen ihnen den Abschied aus Polen mit seinem finanziell maroden Gesundheitssystem leicht.

Eva Krafczyk/DPA DPA

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