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KOMBILOHN: »Nur ein Tropfen auf den heißen Stein«

Das Arbeitsamt Neuruppin testet seit einem Jahr den Kombilohn nach dem Mainzer Modell. Neue Stellen sind dadurch aber nicht entstanden.

Die Müllsäcke sind schwer, und Leona Ritter ist eine kleine Frau. Große Abfallmengen wuchtet die Reinigungskraft durch lange Büroflure, in eineinhalb Stunden hat sie ein ganzes Schulgebäude gewischt. Ihre Arbeit ist anstrengend, aber die 42-Jährige ist froh, überhaupt wieder eine Beschäftigung zu haben. Knapp sieben Jahre war sie arbeitslos, bevor sie im vergangenen Sommer von der Dreieck-Dienstleistungsgruppe im brandenburgischen Neuruppin eingestellt wurde.

18% Arbeitslosenquote in Neuruppin

Zunächst hat die allein erziehende Mutter von drei Kindern nur eine Teilzeitstelle mit 20 Wochenstunden. »Das ist besser, als immer zu Hause zu sitzen«, sagt sie. Dass sich ihre Arbeit auch finanziell wieder lohnt, verdankt Leona Ritter dem Kombilohn-Projekt des Neuruppiner Arbeitsamtes. Dessen Bezirk nördlich von Berlin mit einer Arbeitslosenquote von knapp 18 Prozent ist eine von zwei ostdeutschen Regionen, in denen seit einem Jahr die staatliche Förderung geringer Einkommen nach dem Mainzer Modell erprobt wird.

Bundesweiter Kobilohn

Angesichts wachsender Probleme auf dem Arbeitsmarkt soll dieser Kombilohn nach dem Willen der SPD demnächst in der ganzen Bundesrepublik eingeführt werden. Dann könnten Arbeitnehmer einen befristeten Zuschuss auf Sozialbeiträge und Kindergeld erhalten, wenn sie gering bezahlte Stellen mit einem Bruttoeinkommen zwischen 321 und 889 Euro annehmen. Somit hätten sie netto mehr in der Lohntüte.

Versuchsprojekte laufen

Leona Ritter kommt im Rahmen des Versuchsprojektes schon jetzt in den Genuss des höheren Gehalts. Von ihrem Arbeitgeber erhält die Teilzeitkraft knapp 460 Euro netto. Vorher lebte sie von 500 Euro Arbeitslosenunterstützung. Nur wegen der zusätzlichen 102 Euro aus dem Mainzer Modell hat sie jetzt mehr Geld im Portemonnaie.

Viele sind skeptisch

Der Sprecher des Neuruppiner Arbeitsamtes beurteilt das Projekt trotzdem skeptisch. »Neue Stellen werden damit nicht entstehen«, sagt Rüdiger Conrad. In den vergangenen zwölf Monaten konnten seine Sachbearbeiter auf Grund der geforderten Voraussetzungen nur 63 Anträge auf Kombilohn bewilligen. »Das ist bei mehr als 50.000 Arbeitslosen im Bezirk ein Tropfen auf den heißen Stein«, resümiert Conrad.

Niedriglohnjobs werden attraktiver

Bei einer Arbeitslosenquote von knapp 18 Prozent hätten die Vermittler auch vor dem Pilotprojekt keine Probleme gehabt, Stellen im Niedriglohnsektor zu besetzen. »Es gibt aber auch positive Seiten«, räumt der Arbeitsmarkt-Experte ein. »Die Attraktivität der gering bezahlten Jobs wird erhöht, ohne das dies wieder die Sozialkassen belastet.«

Lohnzuschüsse mit anderen Fördermitteln kombinieren

Nach den Erfahrungen im Umgang mit dem Mainzer Modell hat das Neuruppiner Arbeitsamt unter anderem vorgeschlagen, die Einkommensobergrenzen für Zuschüsse zu erhöhen. »Dann könnten mehr Arbeitnehmer unterstützt werden«, sagt Conrad. Außerdem sollten Förderprogramme für Unternehmer mit den Kombilöhnen kombiniert werden können, fordert er: »Damit würde es für die Betriebe attraktiver, neue Leute einzustellen.«

Entlastung der Personalkosten

Beim Geschäftsführer der Dreieck-Dienstleistungsgruppe stößt dies auf Zustimmung. Bernd-Rainer Vogt verweist auf die Personalkosten, die mit 85 Prozent aller Ausgaben als größter Posten in seinem 500-Mann-Unternehmen zu Buche schlagen: »Eine neue Stelle zu schaffen, ist so teuer, dass ich mir das als Arbeitgeber zehn Mal überlegen muss. Da kommt jede Entlastung recht.« Er verweist darauf, dass das Modell von der Hoffnung lebt, über eine Teilzeitstelle wieder den vollständigen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu schaffen.

Ziel sind Vollzeitjobs

Das wünscht sich auch Leona Ritter. »Ein richtiger schöner Vollzeitjob wäre natürlich das Beste«, sagt sie. Im kommenden März zahlt ihr das Arbeitsamt zum letzten Mal den befristeten Lohnzuschuss. Ob sie dann aber bei der Dreieck-Gruppe mehr Stunden als bisher arbeiten kann, steht in den Sternen.

Sven Kästner