Kommentar Vom Geschrei der Auto-Industrie


Autos blasen tonnenweise Kohlendioxid in die Luft, die EU will deswegen die Abgaswerte senken. Aber nun beginnt das alte Spiel: Die Industrielobby zetert, die deutsche Regierung knickt ein, die Umwelt bleibt auf der Strecke. Der Fortschritt übrigens auch.
Von Harald Kaiser

Die Bremser haben offenbar wieder gesiegt. Eigentlich ist es kaum zu glauben, welch ein absurdes Theater den Bürgern von Bundesregierung und Automobilindustrie vorgespielt wird. Da reißt dem zuständigen Umweltkommissar der EU der Geduldsfaden, weil er sich insbesondere von der deutschen Automobilindustrie an der Nase herumgeführt fühlt. Und schon wird, wie seit Jahrzehnten, auf bewährte Weise polemisiert. Es geht um die vor Jahren abgegebene Selbstverpflichtung der Autoindustrie, den Ausstoß von Kohlendioxid im Autoabgas auf 140 Gramm pro Kilometer zu reduzieren. Seit bekannt ist, dass die Autobauer dieses Versprechen nicht in der vorgegebenen Zeit bis 2008 einhalten können, wird geboxt. Tiefschläge inklusive.

Zuerst hat EU-Kommissar Stavros Dimas zu Recht gestunken, dass die Lenker der Autokonzerne ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Als Reaktion auf dieses Eingeständnis hat er angekündigt, das Limit auf 120 Gramm senken zu wollen für Autos, die ab 2012 in den Verkehr kommen. Kaum war dieses Vorhaben bekannt geworden, reagierten die Chefs der Blechkutschenbranche wie sie immer bei drohender politischer Einflussnahme reagieren: Dadurch stiege der Preis der Autos, weswegen dann weniger gekauft würden, was wiederum Arbeitsplatzabbau zur Folge habe. Dass die Bundesregierung inzwischen dem Druck der Autolobby nachgegeben hat und sich bei EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso für die Interessen der Autoindustrie stark macht, wundert nicht. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit will sie ohne Not nicht noch eine innenpolitische Front aufmachen.

Gott ist das Qartalsergebnis

Wer die Autoszene seit Jahrzehnten beobachtet, hat das Gefühl, ein Déjà Vu zu erleben. Richtig, das war nämlich bereits Mitte der 80er-Jahre so, als es um die Einführung bleifreien Benzins in Deutschland ging. Etwas später wurde gejault, als der Katalysator eingeführt wurde. Letztes Jahr die Rußfilter-Debatte und nun das Kohlendioxid-Geschrei. Immer rasselten die Autobauer dieselben Argumente runter: Das ist zu teuer, das geht technisch nicht oder nicht so schnell, davon gehen die Motoren kaputt, das will kein Kunde haben, das kostet Arbeitsplätze. Jedes Mal musste erst öffentlicher Druck aufgebaut werden, damit sich die Herrschaften bewegten. Man verlangte damals zum Beispiel längere Übergangsfristen für die Einführung neuer Techniken - natürlich auch in der Hoffnung, die drohenden neuen Vorschriften mit Hilfe ausgefuchster Lobbyarbeit irgendwann schon von der Tagesordnung schubsen zu können. Beispielsweise forderten die Konzerne im Zuge der geplanten Einführung des Katalysators, kleine Autos auf Dauer von der Katalysatorvorschrift zu befreien. Oder Daniel Goeudevert, schillernder Ex-Vorstandschef von Ford Deutschland, prophezeite zum selben Thema, dass Katalysatoren nur etwa 50.000 Kilometer halten würden.

Schon damals haben solche Manager nur an die kurzfristigen Auswirkungen neuer Vorschriften gedacht, die den Profit schmälern könnten. Das ist in Zeiten hysterischer Hetze nach Profit, dem Anbeten des vermeintlichen Gottes Quartalsergebnis und der ständigen Befürchtung, der Aktienkurs könnte bröckeln, nicht besser geworden. Eher umgekehrt.

Das Knautschzonenproblem

Dabei ist es kein Hexenwerk, Autos zu bauen, die weniger verbrauchen und damit weniger CO2 hinten raus blasen. Beispielsweise muss nur der Irrweg der letzten Jahre verlassen werden, ständig schwerer werdende Kraftfahrzeuge zu konstruieren. Warum muss ein Geländewagen zwei und mehr Tonnen wiegen? Oder warum muss der aktuelle Golf V nahezu doppelt soviel wiegen (1,3 Tonnen) wie der erste? Dass weniger mehr sein könnte, wird leider nicht beherzigt. Und wer sagt denn, dass richtig ist, was die Autohersteller nicht müde werden zu betonen, dass der Komfortwunsch und das gestiegene Sicherheitsbedürfnis der Kundschaft das Gewicht nach oben treibt? Entweder fehlen hier die Ideen, um diese Probleme mit Ingenieurskunst zu lösen, oder aber die Kostenkommissare verhindern die Umsetzung.

Man stelle sich nur vor, die Ideen eines Autogenies wie Béla Barényi wären nie umgesetzt worden. Der gebürtige Österreicher hat für Mercedes die Knautschzone und etliche andere Sicherheitsdetails erdacht - und damit vielen Hunderttausenden das Leben gerettet oder schwere Verletzungen erspart. Die Durchsetzung dieser Ideen hat nicht nur viel Kraft gekostet, sondern auch viel Geld. Denn immerhin musste vor etwa 50 Jahren eine ganze Firma umdenken, weil die falschen Autos gebaut worden sind. Diese Investition hat sich für alle gelohnt. Nur wer technisch die Nase vorn hat, kann sich später auch eine goldene Nase verdienen.


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