Arbeitsunfähigkeit Krankheitsausfälle im Job weiter hoch - zu hoch?

Kanzler Merz hat einen hohen Krankenstand kritisiert - Gewerkschaften mahnen. (Archivbild) Foto: Philip Dulian/dpa
Kanzler Merz hat einen hohen Krankenstand kritisiert - Gewerkschaften mahnen. (Archivbild) Foto
© Philip Dulian/dpa
Erkältungen, psychische Probleme, Rückenschmerzen: Fehlzeiten von Beschäftigten wegen Krankheit halten sich hartnäckig, wie neue Daten zeigen. Sollten strengere Regeln für Krankschreibungen her?

Krankheitsausfälle bei der Arbeit sind nach einer Auswertung der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr auf einem hohen Niveau geblieben. Im Schnitt waren Beschäftigte 19,5 Kalendertage krankgeschrieben - annähernd so lange wie 2024 mit 19,7 Fehltagen, wie die Kasse nach eigenen Versichertendaten ermittelte. Wichtigste Ursachen waren Atemwegsinfekte, psychische Erkrankungen und Probleme wie Rückenschmerzen. Nach Kritik von Kanzler Friedrich Merz (CDU) am hohen Krankenstand wird über strengere Regeln diskutiert. Die Gewerkschaften warnen vor einem Generalverdacht. 

Gipfel im Kanzleramt?

DAK-Chef Andreas Storm forderte einen Gipfel im Kanzleramt, der Arbeitgeber, Gewerkschaften, Ärzte und Krankenkassen an einen Tisch bringen sollte. Die Analysen zeigten, dass sich der Krankenstand auf hohem Niveau einpendele. Deswegen sei eine fundierte Ursachenforschung richtig und notwendig. Als Baustein für neue Lösungswege schlug der Kassenchef die Einführung einer Teilkrankschreibung bei bestimmten Erkrankungen vor. Gemeint ist, nur für einen Teil der täglichen Arbeitsstundenzahl krankgeschrieben zu werden. 

Der DAK-Auswertung zufolge blieb der Krankenstand im vergangenen Jahr mit 5,4 Prozent auf einem erhöhten Niveau stabil. Es waren also an jedem Tag des Jahres im Schnitt 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben. Für die Analyse wertete das Berliner Iges-Institut den Angaben zufolge Daten von rund 2,4 Millionen Beschäftigten aus, die bei der Kasse versichert sind.

Psychische Probleme nun häufiger als Rückenschmerzen 

Ursache Nummer eins blieben im vergangenen Jahr Atemwegserkrankungen wie Erkältungen und Infekte mit 378,3 Fehltagen je 100 Versicherte nach 381,7 Fehltagen 2024. Auf Platz zwei lagen nun psychische Erkrankungen wie Depressionen, die von 341,8 Fehltagen je 100 Versicherte auf 365,5 Fehltage zunahmen. Es folgten Muskel-Skelett-Probleme etwa am Rücken, die mit 346,9 Fehltagen je 100 Versicherte stabil blieben. Nach Berufen betrachtet, gab es im Gesundheitswesen mit durchschnittlich 22,5 Fehltagen die häufigsten Ausfälle - und am seltensten in der Datenverarbeitung mit durchschnittlich 12,6 Tagen.

Merz hatte einen aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand beklagt und die Möglichkeit infrage gestellt, bei leichteren Erkrankungen auch telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung zu bekommen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelung zu überprüfen. Union und SPD hätten sich im Koalitionsvertrag verständigt, Missbrauch auszuschließen, sagte sie dem "Tagesspiegel". "Genau das werden wir angehen und die aktuellen Regelungen auf den Prüfstand stellen. Wir brauchen praktikable Lösungen."

Ab wann sollen Krankschreibungen Pflicht sein?

Der Kanzler hatte davon gesprochen, dass Beschäftigte im Schnitt auf 14,5 Krankentage kämen. "Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?" Nach Angaben des Statistischen Bundesamts, die auf Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit zurückgehen, waren Beschäftigte 2024 im Schnitt 14,8 Arbeitstage krankgemeldet, also Werktage. Die DAK-Daten beziehen sich auf Kalendertage. 

Bei Berechnungen zum Krankenstand generell nicht erfasst ist, wenn Beschäftigte nur ein oder zwei Tage fehlen, ohne zum Arzt oder einer Ärztin zu gehen. Nach aktueller Rechtslage müssen Arbeitnehmer eine Bescheinigung dann vorlegen, wenn sie länger als drei Kalendertage arbeitsunfähig sind, also am vierten Tag. Der Arbeitgeber darf sie aber auch schon früher verlangen. 

DGB warnt vor Generalverdacht  

Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi nannte es "inzwischen hoch unanständig, in welchem Ausmaß krankgemeldete Beschäftigte unter den Generalverdacht gestellt werden, sie wären Drückeberger und Faulenzer." Nachgewiesen sei, dass viele krank zur Arbeit gingen - auch wegen Angst um ihren Arbeitsplatz. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel warnte: "Es gibt nicht mehr wirtschaftliches Wachstum, wenn Leute verschnupft oder erkältet bei der Arbeit sind. Das Einzige, was da Wachstum zeigt, sind die Bakterien am Nachbartisch und in der Belegschaft."

CSU-Chef Markus Söder hatte kürzlich eine frühere Krankschreibepflicht zum Beispiel schon ab dem dritten Tag befürwortet. In der Debatte gab es auch bereits Forderungen aus der Wirtschaft, einen "Karenztag" einzuführen - also, dass Beschäftigte für den ersten Krankheitstag keine Lohnfortzahlung erhalten.

dpa