Konjunktur Schreckgespenst Stagflation


Die Angst vor der Stagflation geht um. Aber ist eine dauerhafte Kombination von hoher Inflation und niedrigem Wirtschaftswachstum in Deutschland überhaupt realistisch? Nein, meint Sebastian Dullien und erklärt den großen Unterschied zwischen der Situation in den 70er Jahren und heute.

Spätestens seit vergangener Woche ist das Reizwort "Stagflation" in aller Munde: Was die Deutschen derzeit vor allem an der Zapfsäule erleben, wurde vom Statistischen Bundesamt höchstamtlich bestätigt: Ganze 3,3 Prozent lagen die Verbraucherpreise höher als ein Jahr zuvor - die höchste Inflationsrate seit fast 15 Jahren.

Und weil durch die steigenden Preise die Lohnerhöhungen aufgefressen werden, schwächelt der Konsum. Konjunkturexperten revidieren so derzeit Woche für Woche ihre Prognosen für das deutsche Wirtschaftswachstum 2009 nach unten. Das Münchener Ifo-Institut sieht jetzt gar nur noch ein mageres Plus von einem Prozent - weniger als im Krisenjahr 2004.

Diese Kombination aus schwachem Wachstum ("Stagnation") und kräftig steigenden Preisen ("Inflation") wird derzeit von Schwarzmalern gerne als "Stagflation" bezeichnet. Damit wird suggeriert, dass es sich nicht um ein Jahr schwachen Wachstums oder eine vorübergehend etwas höhere Inflation handelt, sondern dass sich eine Phase wie in den 70er Jahren wiederholen könnte, als über mehrere Jahre die Wirtschaft weltweit kaum wuchs und die Preise stark kletterten. Bis in höchste Ebenen ist diese Angst schon vorgedrungen: Zahlreiche Medien berichteten diese Woche, dass selbst im Finanzministerium um Peer Steinbrück die Sorge vor der Stagflation wächst.

Stagflation ist unwahrscheinlich

Dabei ist bei genauerer Betrachtung das Risiko einer längeren Stagflationsphase heute sehr gering. Zwar sind sowohl höhere Inflation als auch ein Abrutschen der Wirtschaft in die Stagnation denkbar - beides zusammen wird aber wohl nicht passieren.

Die Inflation stammt derzeit daher, dass weltweit - besonders in Indien und China - die Nachfrage nach Öl und anderen Rohstoffen kräftig steigt, weil dort die Wirtschaft weiter robust wächst. Das treibt die Preise. Das kräftige Wachstum in diesen Regionen wiederum hält derzeit gleichzeitig auch die deutsche Wirtschaft am Laufen: Trotz kräftiger Euro-Aufwertung läuft der deutsche Export noch gut.

Denkbar ist natürlich, dass dies noch eine Weile so weiter geht: In einem solchen Szenario würden die Zentralbanken gerade in Asien versäumen, die Wirtschaft rechtzeitig abzubremsen. Die Wirtschaft dort würde weiter heiß laufen. Die Nachfrage - sowohl für Öl wie auch für deutsche Maschinen - aus Asien würde weiter steigen. Das würde heißen: Weiter hohe Inflation, aber eben auch ordentliches Wachstum - und damit gerade keine "Stagflation".

Zinserhöhung könnte zu Stagnation führen

Das Alternativszenario derzeit wäre, dass die Konjunktur in Europa einbricht. Dies könnte entweder der Fall sein, wenn die Wirtschaft in Asien lahmt. Das würde die Exporte der Europäer treffen und zu schwachem Wirtschaftswachstum führen. Denkbar wäre auch, dass die Wirtschaftspolitik in Europa versehentlich das Wachstum abwürgt. Aus Angst vor der hohen Inflation hat die Europäische Zentralbank (EZB) bereits angedeutet, die Zinsen zu erhöhen. Damit dürften Finanzierungskosten für Unternehmen und Hausbauer steigen, was Investitionen in Maschinen und Eigenheime bremst. Gut möglich, dass dies zusammen mit dem starken Euro reicht, um die deutsche und europäische Wirtschaft erneut in die Stagnation zu drücken - insbesondere, falls die EZB in den kommenden Monaten mit weiteren Zinserhöhungen nachlegt.

Dieses zweite Szenario aber würde bedeuten, dass auch die Inflation zurückgeht: Bei einem Einbruch der Konjunktur könnten die Unternehmen kaum kräftig steigende Preise durchsetzen, bei einem Einbruch des Wachstums weltweit würden auch die Ölpreise schnell wieder fallen. Ein solches Szenario würde bedeuten: Schwaches Wachstum, aber eben gerade auch eine fallende Inflation.

Also: Uns mag Inflation oder Stagnation bevorstehen. Beides zusammen über längere Zeit wird es aber wohl nicht geben.

Produktionsprobleme und Preissprünge

Warum aber hat es dann in den 70er Jahren eine echte Stagflation gegeben? Ganz einfach: Damals ist tatsächlich durch den Ölboykott der OPEC gegen die USA und Niederlande die Menge verfügbaren Öls für die westliche Welt rapide und plötzlich zurückgegangen. Im Sommer 1974 kam es in den USA zu echten Engpässen bei der Benzinversorgung. Als Folge gab es tatsächliche Produktionsprobleme, gleichzeitig schossen die Preise in die Höhe. Von solchen Szenarien sind wir heute dagegen weit entfernt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker