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Inflationsangst: Das Schreckgespenst aus dem Blätterwald

Kaum liegt die Inflationsrate über zwei Prozent, bekommen wir Deutschen Angst vor der Geldentwertung. Doch was ist dran am Schreckgespenst Inflation?

Von Peter Neitzsch

Inflationsalarm! Bundesbank weicht den Euro auf", titelt die "Bild" am Freitag. Und appelliert an die Urangst der Deutschen: die Geldentwertung. Das sind gleich zwei Desinformationen in einer Schlagzeile. Denn erstens ist ein wenig Inflation halb so schlimm und zweitens die Bundesbank ein zahnloser Tiger. "Die Bundesbank kann die Inflation gar nicht bekämpfen", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Michael Frenkel, Rektor der WHU - Otto Beisheim School of Management. "Selbst wenn sie das wollen würde, hätte sie dazu nicht die Mittel."

Auch Bundesbankchef Jens Weidmann bezeichnete die Berichte, die Bundesbank werde künftig höhere Inflationsraten akzeptieren, in der "Süddeutschen Zeitung" daher als "absurde Diskussion". Die durchschnittliche Inflationsrate bleibe auch weiterhin bei knapp zwei Prozent. Das könne jedoch "im Einzelfall" bedeuten, dass die Inflation in Deutschland "zeitweise über dem Durchschnitt und gleichzeitig in anderen Euro-Ländern unter dem Durchschnitt liegt". Seit Monaten liegt die Inflationsrate hierzulande knapp über zwei Prozent; im April bei 2,1 Prozent.

Vor allem Energiekosten sind Preistreiber

Die nationalen Notenbanken sind verpflichtet, auf den gesamten Währungsraum zu blicken und nicht auf einzelne Länder, erläutert der Ökonom Frenkel. Allenfalls die Europäische Zentralbank (EZB) könne die Inflation bekämpfen. Ihr stärkstes Mittel: der Leitzins - also der Zinssatz, zu dem sich Banken von der EZB Geld leihen können. Der ist seit Dezember im Euroraum sehr niedrig: Er liegt bei lediglich einem Prozent. Wird der Leitzins angehoben, wird Geld teurer, und Produkte sind im Durchschnitt wieder für weniger Geld zu haben.

Allerdings sagt Frenkel: "Für die aktuellen Preisanstiege ist nicht die Geldpolitik verantwortlich, sondern die hohen Energiepreise." Auch im April waren es erneut die Rekordpreise für Benzin und Diesel, die die Inflationsrate in Deutschland über der Zwei-Prozent-Marke hielten. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich Energie um sechs Prozent verteuert. Würde die EZB versuchen, geldpolitisch gegenzusteuern, würde sie eine Rezession riskieren, ist Frenkel sicher.

Schuldenstaaten profitieren von der Inflation

Ausgelöst wurde die Debatte durch eine Stellungnahme der Bundesbank für den Finanzausschuss des Bundestags. Darin heißt es, dass Deutschland in der EU eher überdurchschnittliche Inflationsraten ausweisen werde, wenn sich die Wettbewerbsfähigkeit der Schuldenländer gegenüber Deutschland verbessern solle. Eine hohe Inflationsrate würde deutsche Produkte verteuern und sie damit im Vergleich zu Südeuropa weniger wettbewerbsfähig machen.

Doch von der Inflation profitieren nicht nur die hochverschuldeten Euro-Staaten wie Griechenland, Portugal, Irland, Spanien oder Italien. In diesen Ländern bremsen derzeit teils rigide Sparauflagen die Konjunktur. Auch Deutschland spart Geld: Für deutsche Staatsanleihen bekommen Anleger seit Monaten Zinsen, die zum Teil deutlich unter dem Inflationsniveau liegen. Der Effekt: Die Bundesrepublik leiht sich Geld quasi zum Nulltarif. Der Schuldenberg wächst langsamer.

"Ein wenig Inflation ist wünschenswert"

Sanieren sich die Staaten also auf Kosten der Deutschen, wie es die "Bild"-Zeitung unterstellt? Richtig ist: Je stärker die Geldentwertung, desto stärker sinkt die Kaufkraft und der Wert der Ersparnisse. Auf der anderen Seite zehrt die Inflation aber auch Schulden auf, weil das Geld gemessen an Sachwerten wie einer Immobilie weniger wert ist. Das kann hochverschuldeten Staaten Erleichterung verschaffen - aber auch privaten Schuldnern. Wer sein Eigenheim mit einem Kredit finanziert hat, weiß, dass das Geld zum Zeitpunkt der Rückzahlung weniger wert ist als die Immobilie, die er damit erwirbt.

Der Umstand, dass das Geld auf dem Sparkonto an Wert verliert, ist also auch gut für die Konjunktur. Denn wer sein Erspartes nicht verlieren möchte, muss investieren. Und wer morgen weniger für sein Geld bekommt, der wird eine Anschaffung auf heute vorziehen. Beides sorgt dafür, dass die Wirtschaft brummt und Jobs entstehen.

"Ein wenig Inflation ist nichts Schlechtes, sondern wünschenswert", sagt Wirtschaftswissenschaftler Frenkel. Dadurch entstehe Wirtschaftsbewegung: "Wenn Preise steigen oder sinken, wird gehandelt." Erst wenn die Preise explodieren, gebe es negative Effekte. Kritisch wären Teuerungsraten von über zehn Prozent. Bis dahin hätten hohe Inflationsraten vor allem einen psychologischen Effekt. Beispielsweise wenn viele Menschen aus Angst vor einer Geldentwertung ihr ganzes Kapital in Sachwerte wie Immobilien oder Gold steckten.

Sparer erhalten weiterhin solide Zinsen

Selbst Kleinsparer sind in der aktuellen Situation nicht unbedingt schlechter gestellt. Zwar geben die Banken in der Regel weniger Geld für die Spareinlagen ihrer Kunden aus, wenn sie es billig von der EZB bekommen. Doch die Gefahr, dass das Ersparte schrumpft, ist auch in Zeiten mit niedriger Inflation gegeben: Jahrelang lagen die Zinssätze für Tages- und Festgeld unter der Inflationsrate - trotz der eher geringen Inflation.

Derzeit sind die Konditionen für Tages- und Festgeld dagegen vergleichsweise gut: Um trotz der Euro-Krise die von der EU-Bankenaufsicht vorgeschriebene Kapitalquote von neun Prozent zu erreichen, decken sich europäische Geldhäuser beim deutschen Sparer ein - und zahlen dafür bis zu 3,6 Prozent Zinsen pro Jahr für auf drei Jahre angelegtes Festgeld. Das ist zwar teurer als sich Geld von der EZB zu leihen. Dafür muss es nicht zu festen Terminen zurückgezahlt werden und steht länger zur Verfügung.

"Deutsche reagieren sehr viel allergischer auf hohe Inflationsraten als beispielsweise Südeuropäer oder Amerikaner", sagt Frenkel. Doch zur Panik bestehe derzeit kein Anlass: "Momentan sehe ich in Deutschland keine Inflationsgefahr." Alles was sich zwischen zwei und drei Prozent Teuerungsrate bewege, sei noch im Rahmen.

Von Peter Neitzsch
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