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Entscheidung der Europäischen Zentralbank: Zinssenkung: Folgen für die Verbraucher

Geld wird billiger, aber die Preise steigen. Das ist die Folge der neuen Politik der Europäischen Zentralbank. stern.de sagt, wie Verbraucher davon profitieren und welche Nachteile sie haben.

Von Peter Neitzsch

Zwei Tage nach dem Amtsantritt von EZB-Präsident Mario Draghi hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Euroraum überraschend gesenkt - trotz der relativ hohen Inflation. Die Begründung der Währungshüter: Sie wollen damit gegen die drohende Rezession kämpfen. Doch was bedeutet ein solcher Schritt für Verbraucher? Wie können Sie davon profitieren? Wo drohen Ihnen Nachteile?

Wem nutzen die niedrigen Zinsen?

Wenn die Zinsen sinken, verbilligen sich Kredite. Das ist die gute Nachricht. Unternehmen können mehr investieren, Verbraucher können mehr kaufen, was sie nicht sofort aus eigener Tasche bezahlen können oder wollen. Beides wiederum kann die Konjunktur ankurbeln. So kann es sinnvoll sein, größere Anschaffungen jetzt vorzunehmen, wenn Geldanlagen ohnehin nur geringe Zinsen abwerfen und die Preise in absehbarer Zeit eher steigen.

Von den niedrigen Zinsen dürften insbesondere die hochverschuldeten Euro-Staaten wie Griechenland, Portugal, Irland, Spanien oder Italien profitieren. In diesen Ländern bremsen derzeit teils rigide Sparauflagen die Konjunktur.

Was ist schlecht daran, wenn das Geld billig ist?

Billiges Geld kann zu Inflation und zur Überhitzung der Wirtschaft führen. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken mahnen denn auch prompt, die EZB müsse die Entwicklung der Verbraucherpreise im Euroraum sehr sorgfältig beobachten. Und Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker sagte: "Inflation ist wie Zahnpasta: Sie drückt sich leicht aus der Tube raus, aber sehr schwer wieder rein."

Inflation steht für Geldentwertung. Das heißt: Je mehr das Geld entwertet wird, desto weniger Waren und Dienstleistungen können Verbraucher kaufen. Die Kaufkraft sinkt also, ebenso der Wert der Ersparnisse. Auf der anderen Seite zehrt die Inflation aber auch Schulden auf, weil das Geld gemessen an Sachwerten wie einer Immobilie weniger wert ist. Das kann hochverschuldeten Staaten Erleichterung verschaffen - aber auch privaten Schuldnern.

Von Inflation wird gesprochen, wenn die Preise auf längere Zeit auf breiter Front steigen und sich die Teuerungsrate entsprechend längerfristig über der Zwei-Prozent-Marke bewegt. Die EZB sieht bei einer Inflationsrate bis knapp unter 2,0 Prozent die Preisstabilität gewahrt. Das ist schon seit einigen Monaten nicht mehr der Fall.

Werden jetzt Kredite auch für Verbraucher billiger?

Grundsätzlich ja. Allerdings geben Finanzinstitute bei Krediten in der Regel höhere Zinsen schneller an ihre Kunden weiter als niedrige. Gerade für Dispokredite bei Girokonten werden die Verbraucher wohl auch weiterhin Wucherzinsen zahlen müssen. Ein Sonderfall sind Hypothekenkredite: Weil das Ausfallrisiko bei der Immobilienfinanzierung relativ gering ist, geben die Banken den günstigen Zinssatz hier schneller weiter.

Die Bauzinsen für einen Immobilienkredit mit einer Zinsbindung von zehn Jahren liegen derzeit bei etwa 3,4 Prozent. "Wir haben im Augenblick ein absolutes Niedrigzinsniveau", sagt der Chef der unabhängigen Finanzberatung FMH, Max Herbst. Nach der EZB-Entscheidung dürfte dieser Zinssatz eher noch sinken. Zum Vergleich: Wer seine Immobilie in den Jahren 2001 bis 2004 finanziert hat, musste noch Zinsen zwischen fünf und sechs Prozent zahlen.

Bekomme ich bald weniger Zinsen auf dem Sparbuch?

Wenn sich die Banken Geld günstig bei der EZB leihen können, geben sie in der Regel weniger Geld für die Spareinlagen ihrer Kunden aus: Der Niedrigzins wird an die Verbraucher weitergegeben. Zwar untersagte der Bundesgerichtshof den Banken Willkür bei der Zinsgestaltung. Dennoch machen Verbraucherschützer die Erfahrung, dass Banken eine Leitzinssenkung schneller umsetzen als eine Erhöhung, wenn es um Produkte zugunsten der Kunden geht. Verbraucher sollten daher Angebote genau vergleichen.

Schnelle Wechsel sind vor allem bei Tagesgeld- und Festgeldkonten sowie bei Sparverträgen möglich. Hier sind die Zinsen zuletzt etwas gestiegen. Allerdings ist es auch weiterhin nur mit einem kleinen Teil der Angebote möglich, die aktuelle Inflationsrate in Deutschland von 2,3 Prozent auszugleichen. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken - bei ihnen hat ein Großteil der Sparer sein Geld angelegt - zahlen in der Regel deutlich weniger als zwei Prozent Zinsen. Wie viel Zinsen welche Bank bietet, können Sie mit dem Tagesgeldrechner von stern.de vergleichen.

Peter Neitzsch (mit DPA)