Krach um Jobabbau Siemens-Chef legt sich mit Betriebsrat an


Ein Jahr nach seinem Amtsantritt stößt Siemens-Chef Peter Löscher seine Belegschaft vor den Kopf. Aus Konzernkreisen sickerte am Wochenende durch, dass Siemens 17.150 Stellen abbaut, davon allein 6450 in Deutschland. Die Arbeitnehmerseite ist empört.
Von Angela Maier und Doris Grass

"Wir haben von dem Stellenabbau aus der Presse erfahren, noch bevor der Wirtschaftsausschuss und der Aufsichtsrat darüber informiert worden sind", kritisierte Betriebs- und Aufsichtsrätin Birgit Steinborn. Ein Siemens-Sprecher wies dies zurück. Die Informationen seien erst an die Gremien gegangen und dann an die Öffentlichkeit gelangt.

Die Arbeitnehmerseite fühlt sich übergangen - und das ausgerechnet in einem der größten Kürzungsprogramme der Firmengeschichte. Peter Löscher hatte bislang immer Wert darauf gelegt, Entscheidungen im Einklang mit der Belegschaft zu treffen. "Nicht mit den Arbeitnehmern zu verhandeln, sondern die Tatsachen gleich in der Presse zu lancieren ist Teil des neuen Cowboystils im Management", klagte Betriebsrätin Steinborn. "Herr Löscher geht vor wie der Elefant im Porzellanladen", sagte Rüdiger Skrobarczyk aus dem Gesamtbetriebsrat. Am 7. Juli sind die Stellenstreichungen Thema im Wirtschaftsausschuss.

Löscher lobt Mitbestimmung als Wettbewerbsvorteil

Ungeachtet des Streits lobte Löscher am Freitagabend auf der "Deutschen Corporate Governance Konferenz" in Berlin das deutsche System der Mitbestimmung als "essenziellen Wettbewerbsvorteil". "Die Arbeitnehmer sind das wichtigste Gut, das wir haben", sagte er. "Wir müssen sie einbinden, überzeugen und mitnehmen." Betriebsräte bei Siemens kritisieren dagegen schon seit Wochen, dass sie zu spät, unvollständig und zum Teil unverständlich informiert würden.

Siemens leidet nach Löschers Analyse unter deutlich zu hohen Verwaltungskosten. "Mit 17 Prozent vom Umsatz liegen wir fünf Prozentpunkte über dem Niveau der besten Wettbewerber", hatte er im November gesagt. Bereits damals kündigte er an, bis 2010 mindestens zehn Prozent der Verwaltungs- und Vertriebskosten sparen zu wollen - 1,2 Mrd. Euro.

Großteil des Abbaus in der Verwaltung

Aus Konzernkreisen verlautete jetzt, dass mit 12.500 Stellen der größte Teil des Abbaus in der Verwaltung stattfinden wird. Diese Arbeitsplätze werden durch den drastischen Konzernumbau überflüssig, den Löscher im ersten Halbjahr durchgezogen hat: Aus acht Geschäftsbereichen wurden drei Sektoren, aus 70 Regionalgesellschaften 20 Cluster.

Die langjährige Problemsparte Bahntechnik und die Medizintechnik werden zudem jeweils über 1000 Arbeitsplätze streichen. Ferner will der Konzern die Montagetochter Siemens Industry Montage Services mit 1300 Mitarbeitern an einen Mittelständler verkaufen.

Von dem Stellenabbau sind laut Löscher vor allem das von ihm "Lehmschicht" genannte obere und mittlere Management betroffen. Konzernkreisen zufolge stehen in Deutschland 170 Arbeitsplätze der Direktorenebene und 1500 im außertariflich bezahlten, oberen Management zur Disposition. Die übrigen gut 4700 Stellen werden vornehmlich Führungskräfte der mittleren Ebenen sein. In einem Freitagabend versandten Brief an alle Mitarbeiter versprach Löscher, er wolle "möglichst auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten".

Löscher äußert Sorge

Löscher äußerte in dem Brief zudem die Sorge vor den "Risiken für die Weltwirtschaft durch hohe Rohstoff- und Energiepreise und die Finanzmarktkrise in den USA". Er gehe davon aus, "dass wir dies auch bei uns in den kommenden Monaten zunehmend stärker spüren werden". Vor einer Woche hatte Löscher noch geschwärmt: "Wir haben noch nie so volle Auftragsbücher gehabt."

Von dem Stellenabbau bei Siemens wird Bayern besonders stark betroffen sein. Allein in Erlangen sollen 1330 Arbeitsplätze wegfallen, in Nürnberg weitere 540. Am Konzernsitz in München werden 900 Jobs gestrichen. Berlin trifft es mit 340 Stellen. Siemens hat weltweit 435.000 Mitarbeiter, davon rund 130.000 in Deutschland.

FTD

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