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KRIMINALITÄT: FlowTex-Betrüger sollen jahrelang hinter Gitter

Zusammengerechnet werden allein für Milliardenbetrüger Manfred Schmider 978 Jahre Gefängnis gefordert. Er ist verantwortlich für einen Schaden von 4,3 Milliarden Mark.

Ex-FlowTex-Chef Manfred Schmider soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft für 12 Jahre und 5 Monate ins Gefängnis. Staatsanwalt Reinhard Hofmann sagte donnerstags vor dem Landgericht, dass Schmider hauptverantwortlich für den strafrechtlichen Schaden von 4,3 Milliarden DM ist, den der Ettlinger Schwindelkonzern angerichtet hat. Die FlowTex-Gruppe hatte im größten Betrugsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte von 1991 bis 1999 in einem Schneeballsystem rund 3.000 nicht existente Bohrsysteme an Leasingfirmen verkauft. Außerdem wollte das Gauner-Unternehmen mit einer faulen Anleihe 300 Millionen Euro von Investoren erschwindeln.

Vorwurf von Mauscheleien

»Der Fall ist einmalig in dieser Größenordnung«, sagte der Staatsanwalt. Nach Ansicht der Anklage war die FlowTex-Führung eine kriminelle Bande. Schmiders Ex-Kompagnon Klaus Kleiser soll 11 Jahre und 2 Monate hinter Gitter. Für Geschäftspartnerin Angelika Neumann beantragte der Staatsanwalt 8 Jahre und 11 Monate. Für den 1998 als »letztes Bandenmitglied« hinzugekommenen Finanzchef Karl Schmitz forderte Hofmann 7 Jahre und 11 Monate. Mögliche Höchststrafe wäre für alle vier jeweils 15 Jahre. Der Ankläger wehrte sich öffentlich gegen den Vorwurf von Mauscheleien zwischen Justizbehörden und den FlowTex-Bossen: »Es hat keine Absprachen gegeben«, sagte er. Der Vorwurf rührt daher, dass Schmider vor seiner Verhaftung als Vorzeigeunternehmer mit guten Kontakten zu führenden baden-württembergischen Landespolitikern galt.

Auch Großbanken hingen mit drin

Belogen und betrogen wurden neben kleinen Leasingfirmen auch internationale Größen wie Dresdner Bank, Commerzbank und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Dresdner Bank und Commerzbank schrammten nur ganz knapp an einem noch viel größeren Desaster vorbei, weil sie die faule Anleihe nach der Verhaftung Schmiders und Kleisers im Februar 2000 noch in letzter Sekunde stoppen konnten. Bei den voran gegangenen Werbeshows für die Investoren wurde die falsche FlowTex-Bilanz von einem ebenso falschen Finanzchef präsentiert, der nicht einmal bei FlowTex arbeitete. Banker und Investoren merkten nichts. »Das war eigentlich das größte Schelmenstück«, sagte der Staatsanwalt. Alle vier hatten sich auch selbst bedient: Schmider zweigte allerdings mit 325 Millionen DM mehr als zehn Mal so viel aus dem Unternehmen ab wie sein Kompagnon Kleiser, der es auf die vergleichsweise bescheidene Summe von 27 Millionen DM brachte.

Zusammengerechnet 978 Jahre Knast

Rekordverdächtig an dem Fall ist nicht nur die Höhe des Schadens: Für die Schmider vorgeworfenen 244 separaten Betrugsfälle forderte der Staatsanwalt zusammen gerechnet Einzelstrafen in Höhe von 11.745 Monaten - das wären theoretisch 978 Jahre und 9 Monate Gefängnis. Glück für Schmider: Anders als in den USA können im deutschen Strafrecht die Einzelstrafen nicht addiert werden. Stattdessen wird eine Art Durchschnittswert gebildet. In der kommenden Woche folgen die Plädoyers der Verteidiger. Das Urteil soll am 18. Dezember gesprochen werden.