Lebensmittelknappheit Unesco will weltweite Agrar-Reform


Die Lebensmittelpreise weltweit schnellen in die Höhe. Schuld daran seien falsche Prioritäten in der Landwirtschaft, meint die Unesco - und fordert eine globale Agrar-Reform. Für eine europäische Reform spricht sich Frankreich aus: Statt Biosprit sollten Nahrungsmittel angebaut werden.

Angesichts drohender Hungersnöte fordert ein Expertenbericht für mehrere internationale Organisationen eine schnelle Neuausrichtung der Landwirtschaft weltweit. "Der Status quo ist keine Option mehr", zitierte die UN-Wissenschaftsorganisation Unesco die Fachleute aus ihrem Bericht "Die Lage der Landwirtschaft in der Welt". Trotz unbestreitbarer Fortschritte in der Agrarwirtschaft seien diese auf der Welt "sehr ungleich verteilt" und hätten in vielen Fällen auch einen hohen Preis für Gesellschaft und Umwelt. Die Regeln in der weltweiten Agrarwirtschaft müssten deshalb dringend verändert werden.

In Europa und den Nordamerika übten multinationale Konzerne einen starken Einfluss auf die Agrarwissenschaften "und ihre Prioritäten" aus, gab die Unesco die Autoren des Berichts wieder, der am Dienstag in Paris offiziell vorgesellt werden soll. Arme Länder seien gleichzeitig vom Import von Lebensmitteln abhängig geworden, "wodurch die lokale Produktion gestört wurde". Fortan müsse zudem dem Schutz der natürlichen Ressourcen stärker Rechnung getragen werden. Dazu gehöre auch der Einsatz natürlichen Düngers und traditioneller Samenarten sowie "eine große Nähe zwischen der Produktion von Agrarprodukten und den Verbrauchern, für die sie bestimmt sind".

Nach UN-Angaben sind besonders arme Länder von den steigenden Lebensmittelpreisen betroffen. Die Importpreise für Getreide stiegen demnach in diesem Jahr um 56 Prozent. Die EU-Kommission macht dafür in erster Linie Preisspekulationen und die steigende Nachfrage in Asien verantwortlich.

Frankreich fordert europäische Initiative

Eine Neuausrichtung der Landwirtschaft hat auch Frankreich gefordert - und eine europäische Initiative gegen die hohen Lebensmittelpreise vorgeschlagen. Agrarflächen müssten vorrangig für Nahrung genutzt werden und nicht für die Herstellung von Biokraftstoffen, sagte der französische Landwirtschaftsminister Michel Barnier im Radiosender "BFM". Dafür warb Barnier bei seinen EU-Kollegen in Luxemburg um Unterstützung. Die Europäische Kommission wies den Vorwurf zurück, das EU-Ziel zum Ausbau von Biosprit trage zu dem Preisanstieg bei.

Beim Treffen der europäischen Minister für Landwirtschaft und Fischerei stellte Barnier erstmals den Vorschlag Frankreichs für eine europäische Initiative für die Sicherheit der Nahrungsversorgung vor. Dem Minister zufolge muss die EU "mehr und besser" produzieren, um der Lebensmittelknappheit zu begegnen. Die Reis- und Getreidevorräte sind weltweit auf einem niedrigen Stand. In der EU stiegen die Nahrungsmittelpreise nach Angaben des Statistikamts Eurostat im Februar um 5,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Die Initiative aus Paris stößt zweieinhalb Monate vor Beginn des französischen EU-Ratsvorsitzes am 1. Juli insbesondere bei Großbritannien aber auf Skepsis. Der französische Plan dürfe nicht "zu einem Widerstand gegen die Reform der gemeinsamen Landwirtschaftspolitik oder zu Druck für eine protektionistischere Politik" führen, warnte ein Diplomat. Hintergrund ist ein Streit um die geplante Kappung der milliardenschweren Subventionen für Agrarbetriebe. Frankreich ist einer der größten Empfänger.

Weltkarte des Hungers

Schützenhilfe für Biosprit

Ein Sprecher von EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel wies den Vorwurf zurück, die Biosprit-Produktion treibe die Preise noch weiter nach oben. In der EU würden derzeit nur zwei Prozent des Getreides zur Produktion von Biokraftstoffen wie Ethanol oder Biodiesel genutzt, sagte Fischer Boels Sprecher Michael Mann. Dies habe anders als etwa die US-Produktion von Biosprit "marginale Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise".

Die EU hat sich verpflichtet, den Biosprit-Anteil am Treibstoffverbrauch bis 2020 auf zehn Prozent zu steigern. Dafür müsste die EU nach Kommissionsangaben im äußersten Fall 17 Prozent ihrer Ackerfläche aufwenden - allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Dazu gehört die Marktreife von Biokraftstoffen der sogenannten zweiten Generation, die sich die Kommission bis 2015 erhofft. Der Biosprit der Zukunft soll aus Abfallprodukten wie Stroh gewonnen werden und würde damit nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Die Subventionen für Biokraftstoffe von derzeit maximal 90 Millionen Euro im Jahr sollen nach Vorstellung Fischer Boels fallen. Einen entsprechenden Vorschlag will die dänische Kommissarin laut ihrem Sprecher am 20. Mai machen. Dem müssen noch die Mitgliedstaaten zustimmen.

AFP AFP

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