Lebensversicherung "So sicher wie eh und je"


Die Erträge sollen besteuert werden, Gutschriften sind im Keller: Was taugt die lebensver-sicherung noch? Interview mit Allianz-Leben-Chef Gerhard Rupprecht.

stern: Herr Rupprecht, ist die Lebensversicherung am Ende?

Gerhard Rupprecht: Nein, wie kommen Sie denn darauf? Die Lebensversicherung ist das erfolgreichste Angebot zur privaten Vorsorge.

Der Bundestag hat entschieden, von 2005 an für neue Verträge die steuerfreie Auszahlung der Erträge abzuschaffen. Damit fällt Ihr wichtigstes Verkaufsargument weg.

Das darf nicht das letzte Wort der Politik bleiben. Das Gesetz muss ja noch durch den Bundesrat. Ich appelliere an die Länder, in einem Vermittlungsverfahren die geplante Bestrafung der privaten Vorsorge zu stoppen.

Handelt es sich nicht einfach nur um das Ende einer Bevorzugung Ihrer Branche?

Nein. Die Verbraucher zahlen in Zukunft aus voll versteuertem Einkommen in ihre Lebensversicherung ein. Die Erträge aus dem angesparten Alterskapital dann noch einmal voll zu besteuern, wäre ungerecht.

Die Deutschen fragen sich: Wie sicher ist die Lebensversicherung noch?

So sicher wie eh und je. Im heftigsten Aktienabschwung der Neuzeit und bei historisch niedrigen Zinsen haben die Lebensversicherungen in Deutschland bewiesen, dass sie auch extremen Entwicklungen standhalten.

Die Gutschriften der Versicherer sinken aber immer weiter, obwohl sich die Aktienkurse erholt haben und somit eigentlich wieder höhere Renditen möglich sein sollten. Beschummeln Sie Ihre Kunden?

Nein. Der Grund dafür sind die weiterhin sehr niedrigen Zinsen, die schlicht keine höheren Renditen hergeben. Dreht der Zinsmarkt, sind auch wieder höhere Gutschriften möglich.

Steigende Zinsen bedeuten aber, dass die Kurse alter Zinspapiere in Ihren Depots fallen. Droht nach den Aktienverlusten bald die nächste Abschreibungswelle?

Nicht für solide finanzierte Versicherungen, denn die decken ihre Auszahlungen mit den laufenden Einnahmen. Sie müssen dazu keine älteren Zinspapiere zu schlechten Preisen verkaufen. Oft übersehen wird auch, dass die zuletzt sehr niedrigen Zinsen mit sehr geringer Geldentwertung einhergegangen sind. Deshalb ist die Altersvorsorge der Versicherten real nicht weniger wert geworden als in früheren Jahren. Die Kunden haben zwar weniger Überschuss erhalten als früher, aber im Gegensatz zu anderen Sparformen nicht einen Cent verloren, sondern gewonnen.

Bei einer Variante der Lebensversicherung, den so genannten Fondspolicen, fließen Beiträge in Investmentfonds. Damit haben Kunden herbe Verluste eingefahren. Widersprechen solche Fondspolicen nicht grundsätzlich der Versicherungsidee?

Nicht, wenn sie am Ende der Laufzeit die Rückzahlung der eingezahlten Beiträge garantieren.

Und ohne diese Geld-Zurück-Garantie ...

... passen Fondspolicen nicht unmittelbar zum Marktauftritt eines Lebensversicherers. Mit der klassischen Lebensversicherung sind Verbraucher besser gegen Kapitalmarktschwankungen abgesichert als mit jedem anderen Sparangebot. Und bei der Altersvorsorge achten die Kunden verstärkt auf Sicherheit. Ob nach 30 Jahren ein bisschen mehr oder weniger herauskommen könnte, ist dabei nicht so entscheidend.

Sehen das nicht Versicherte, deren Baufinanzierungen per Lebensversicherung gerade platzen, ganz anders?

Ich empfehle solche Finanzierungen nur mit Luft für Zinsschwankungen, also nicht so, dass sie mit Jahresrenditen von sieben oder acht Prozent gerade so zur Tilgung ausreichen.

Genau so ist es aber oft verkauft worden.

Kunden sollten jetzt nicht die Nerven verlieren. Läuft ihre Finanzierung nur noch kurze Zeit, sehe ich kein gravierendes Problem. Eine etwaige Lücke dürfte nur sehr gering sein und könnte in aller Regel problemlos nachfinanziert werden. Dramatischer können Lücken erscheinen, wenn Finanzierungen noch 20 Jahre oder länger laufen. Aber auch dann besteht kein Grund zur Panik: Denn der jährliche Gewinnbericht rechnet lediglich vor, was am Ende herauskäme, wenn die Rendite so bliebe wie gerade für das aktuelle Jahr ausgewiesen. Das bedeutet aber nicht, dass es auch so passiert - Renditen können auf längere Sicht auch wieder steigen. Wir haben alle betroffenen Kunden schriftlich darüber informiert und beraten sie.

Laut Stiftung Warentest sind solche Mitteilungen, die Sie an Ihre Kunden verschicken, kaum zu verstehen. Warum schaffen Sie da nicht mehr Durchblick?

Das Thema wird zu Recht aufgegriffen, denn die Berichtsqualität ist noch sehr unterschiedlich. Wir sollten zu einheitlichen Standards in der Branche kommen, die den Kunden möglichst genau zeigen, was sie im Alter zu erwarten haben. Zusammen mit einer ebenfalls verbesserten Information über die gesetzliche Rente sollte jeder auf einen Blick erkennen können, wie es um seine Altersversorgung steht.

Einige Versicherungen wollen ihren Kunden jetzt unterschiedlich hohe Überschüsse gutschreiben. Motto: Je höher der Garantiezins eines Versicherten bei Vertragsabschluss war, desto weniger kriegt er später vom jährlichen Gewinn obendrauf. Mehr davon sollen Kunden bekommen, die zu niedrigeren Garantiezinsen abgeschlossen haben.

Es gibt ernst zu nehmende Argumente dafür, dass höhere Garantien zu niedrigeren Renditen führen. Ob sich dieses Verfahren verbreiten wird, entscheiden letztlich die Kunden - also der Markt.

Das Vertrauen in die Lebensversicherung wird durch solche Rechenspielchen nicht gerade erhöht.

Deshalb haben wir bei Allianz Leben ganz bewusst entschieden, zum jetzigen Zeitpunkt keine unterschiedlichen Gewinnbeteiligungen zu vergeben. Wenn jemand 30 Jahre lang auf Konsum verzichtet und einzahlt, muss er sich darauf verlassen können, dass es sich hinterher gelohnt hat. Wir wollen auch in Zukunft für unsere Kunden Risiken übernehmen. Das bedeutet ein Geben und Nehmen zwischen den Versicherten über verschiedene Finanzmarkt-phasen hinweg. Denn ein Kunde, der 2040 in Rente geht, soll keine völlig andere Auszahlung bekommen als einer, der das 2035 tut. Dass wir das können, haben wir gerade unter schwierigsten Kapitalmarktbedingungen bewiesen. Und darauf sind wir auch ein bisschen stolz.

Rot-Grün hat beschlossen, dass Männer und Frauen bei der Riester-Rente gleiche Versicherungstarife bekommen müssen. Warum wehren Sie sich so vehement gegen diesen "Unisex-Tarif"?

Weil die Prämien für Frauen dadurch nicht sinken, aber die für die Männer steigen würden - und das nicht zu knapp. Bisher gleichen unterschiedliche Tarife die unterschiedliche Lebenserwartung der Geschlechter aus. Ein Unisex-Tarif zerstört die Solidarität zwischen Männern und Frauen in einer privaten Rentenversicherung.

Wäre das der Todesstoß für die Riester-Rente?

Todesstoß vielleicht nicht, aber Riester-Angebote würden teurer. Bei einem einheitlichen Tarif wissen wir vorher nicht, ob ihn mehr Männer oder Frauen abschließen. Für das Risiko, zu wenig Männer versichern zu können, müsste jeder Anbieter Sicherheitspolster bilden. Und diese Polster stehen nicht mehr zur Auszahlung an die Kunden zur Verfügung. So einfach ist das.

Riester-Sparen ist schon jetzt kein Kassenschlager. Nur rund zehn Prozent der Berechtigten sind bislang eingestiegen.

Das bedauere ich außerordentlich, weil die Einführung der Riester-Rente der erste wirklich glaubwürdige Schritt zur Neuordnung der Altersvorsorge war. Die Bundesregierung hätte diese richtige Weichenstellung stärker als eigene Leistung herausstellen können. Das ist aus meiner Sicht zu wenig passiert. Ich weiß nicht, warum.

Weil auch Ihre Branche sofort über die Riester-Rente gemeckert hat?

Das kann ich so nicht akzeptieren. Wir haben unglaublich viel in Schulung und Technik investiert und schon deshalb ein ureigenes Interesse am Erfolg. Kunden, die sich einmal dafür entschieden haben, bleiben dabei. Die Schwierigkeit ist der Ersteinstieg. Notwendig ist ein konzertiertes Marketing. Das schafft die Branche nicht allein. Wir brauchen eine Kampagne zusammen mit der Politik, die den Menschen sagt, Riester-Rente ist ein wirklich gutes Angebot - Macht es!

Frank Donovitz und Lorenz Wolf-Doettinchem print

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