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Lidl-Skandal: Lidl entschuldigt sich

Lidl zieht die Konsequenzen aus dem Überwachungs-Skandal. Künftig sollen keine Detektive mehr zur Bespitzelung der eigenen Mitarbeiter eingesetzt werden. Zuvor hatten stern und stern.de aufgedeckt, dass das Unternehmen über Jahre die Beschäftigten akribisch überwacht hat.

Als Konsequenz aus den Bespitzelungsvorwürfen hat der Lebensmitteldiscounter Lidl die Zusammenarbeit mit Detekteien zur Überwachung von Beschäftigten mit sofortiger Wirkung beendet. Es würden keine Detektive mehr eingesetzt, sagte das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth. Komme es künftig zu Diebstählen, werde gemeinsamen mit den Mitarbeiter über Gegenmaßnahmen entschieden.

Wie der stern und stern.de aufdeckten, ließ der Lebensmitteldiscounter Lidl über Monate systematisch die Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Der Redaktion liegen mehrere Hundert Seiten interner Lidl-Protokolle vor, in denen jeweils mit Tag und Uhrzeit notiert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat, wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt." Die meisten dieser Einsatzberichte stammen aus Filialen in Niedersachsen, dazu kommen einzelne Abhörberichte aus Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein.

Lidl gibt Überwachungzu

Kisseberth sagte dazu, er könne nicht ausschließen, dass es tatsächlich stellenweise eine solche Überwachung von Mitarbeitern gegeben habe. Eigentlich sei es darum gegangen, vermehrt aufgetretene Diebstähle aufzuklären. Der Einsatz von Kameras sei dabei branchenüblich. In besonders betroffenen Filialen seien zudem Detekteien zur Aufklärung eingesetzt worden. Bereits vor längerem sei die Zusammenarbeit mit einer Detektei aufgekündigt worden. Kisseberth sagte, er sei bestürzt über die Berichte: "Es tut uns Leid. Wir können uns bei den betroffenen Mitarbeitern nur entschuldigen." Überwachungsmaßnahmen entsprächen nicht dem Stil des Unternehmens.

Kisseberth zufolge schaltete Lidl zwei Detekteien ein, um durch Diebstahl verursachte "Inventurverluste" zu vermeiden. Dies sei eine "handelsübliche Maßnahme". Die beiden Detekteien hätten aber nicht den Auftrag gehabt, Mitarbeiter auszuspähen. Lidl werde nun generell nicht mehr mit Detekteien zusammenarbeiten, kündigte er an. Etwaige Daten, die von Detektiven über Mitarbeiter gesammelt worden seien, würden nicht verwendet. Ein Bespitzeln von Mitarbeitern sei "nicht gewollt".

Entsetzen in der Politik

Der Verdi-Handelsexperte Achim Neumann sagte dem MDR, was Lidl gemacht habe, dürfe man nicht hinnehmen. "Wenn Unternehmen den Rechtsstaat mit Füßen treten, dann müssen sie weg." Er bekräftigte das Ziel, bei Verdi Betriebsräte durchzusetzen. Dann würden "solche Schweinereien" nicht mehr passieren.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, sagte dem stern, dass das Protokollieren eines Toilettenbesuchs und ähnliches einen schweren Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz darstelle: "Ich gehe davon aus, dass, wenn solche Vorgänge bekannt werden, die zuständige Datenschutzbehörde tätig wird und Ermittlungen einleitet."

Auch aus der Politik kam massive Kritik: Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rainer Wend, zeigt sich entsetzt über die Geschehnisse bei dem Discount-Riesen. Er erfuhr am Telefon davon. "Das ist ja schon krank", sagte er stern.de. "Das ist eine menschenverachtende Anmaßung, was dort stattfindet."

Für ihn komme dieser Fall jedoch nicht überraschend, dies sei in der Discount-Branche absehbar gewesen. "Man kann der Belegschaft jetzt nur raten, in Gewerkschaften einzutreten und Betriebsräte zu gründen. Irgendwann ist trotz allen Drucks Zivilcourage gefragt." Wend forderte die zuständigen Staatsanwaltschaften auf, die strafrechtliche Relevanz der Fälle zu prüfen.

msg/AP/DPA / AP / DPA