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Lkw-Unfälle: FINGER WEG - STEHSATZ Die Angst vor schlafenden Brummifahrern

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: An 20 Prozent aller schweren Unfälle mit Lastwagen und Bussen sind müde Fahrer Schuld. Grund: Die von der EU geforderten Ruhepausen werden nicht eingehalten, weil die Strafen für Spediteure billiger sind als regelmäßige Lenker-Auszeiten.

Von Manuela Pfohl

Noch ist nicht geklärt, wie es zu dem tragischen Busunglück in Sachsen-Anhalt kommen konnte, bei dem am Montagnachmittag 13 Menschen getötet und 36 zum Teil schwer verletzt wurden. Nur soviel scheint nach ersten Ermittlungsergebnissen festzustehen: Ein 46-jähriger Lkw-Fahrer war mit seinem Baufahrzeug bei "recht hohem Tempo" auf den wegen eines Staus stehenden Reisebus gefahren, der daraufhin über eine Leitplanke eine sieben bis acht Meter hohe Böschung hinuntergestürzt war.

Die Staatsanwaltsschaft Dessau prüft inzwischen, ob die Ermittlungen gegen den Lkw-Fahrer in Richtung fahrlässige Tötung ausgeweitet werden müssen. Oberstaatsanwalt Folker Bittmann sagte, das bedeute jedoch nicht, "dass der Mann der alleinige ist, der Verantwortung für das Unglück trägt." Es könne sein, dass es weitere Mitschuld und Mitversagen gebe. Er kündigte an, dass Lkw und Bus technisch untersucht würden. In Augenschein genommen werden sollen unter anderem Bremslicht und Warnblinkanlage des Reisebusses. Erschreckend: Es war der dritte Unfall an diesem Tag auf dem betreffenden Autobahnabschnitt. Was läuft schief auf unseren Straßen?

18 Stunden am Lenker, davon 20 Minuten Pause

Mitte Dezember 2006 kontrollierten Mitarbeiter des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) einen italienischen Silozug auf der BAB 3. Sie entdeckten, dass der Fahrer innerhalb von 18 Stunden Lenkzeit lediglich eine Ruhezeit von 20 Minuten eingelegt hatte. Neun Stunden täglich wären Vorschrift. Kein Einzelfall.

Die Statistik des BAG für das vergangene Jahr klingt besorgniserregend. Danach wurden 2006 rund 611.000 in- und ausländische Fahrzeuge kontrolliert. Dabei wurden über 183.000 Verstöße festgestellt. In mehr als 17.000 Fällen war die akute Gefährdung des Verkehrs und der Umwelt so groß, dass die Weiterfahrt untersagt werden musste. Besonders bedenklich: "In rund 125.000 Fällen ging es um Verstöße gegen Fahrpersonalvorschriften", sagt Gaby Meyerhof vom BAG. Schwerpunkt seien Lenkzeitüberschreitungen, Nichteinhalten von Ruhezeiten und nicht ordnungsgemäßes Betreiben des Kontrollgerätes.

"Das sind alles vermeidbare Unfallursachen. Das ist die vielleicht schlimmste Erkenntnis", sagt Andreas Geißler von der "Allianz pro Schiene, einem bundesweiten Zusammenschluss Automobilclubs, Verbraucherverbände und Umweltorganisationen.

Nach Angaben der EU-Kommission sei Fahrerermüdung die Ursache für 20 Prozent aller schweren Unfälle mit Lastwagen und Bussen. Als Konsequenz daraus waren Anfang 2007 EU-weit neue Regelungen zu kürzeren Fahr- und längeren Ruhezeiten diskutiert worden. Eine Debatte, die auf wenig Gegenliebe bei Transportunternehmen stieß. So hatte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), Karlheinz Schmidt, der Nachrichtenagentur DPA erklärt, die Straßentransporteure seien gezwungen, gegen die Regelungen zu verstoßen.

"Die Wirtschaft am Laufen halten"

Schmidt: "Im stauverseuchten Deutschland kann kein Fahrer nach dem Stau ruhen, sondern muss mit seiner Lieferung die Wirtschaft am Laufen halten." Die Allianz pro Schiene hatte das scharf kritisiert. Es könne nicht angehen, dass ein Teil der Lkw-Branche vorsätzlich Rechtsbruch begehe und das mit wirtschaftlichen Interessen begründe.

Tatsächlich scheint es handfeste wirtschaftliche Gründe für den laschen Umgang mit Ruhe- und Lenkzeiten zu geben. So hat eine Prognos-Studie schon 2003 festgestellt, dass ein Lkw-Unternehmer durch Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten sowie Geschwindigkeitsbegrenzungen bis zu 17 Prozent seiner Kosten sparen kann.

Unter Berücksichtigung der nachgewiesenen Verstoßhäufigkeit würden so im Durchschnitt sechs Cent pro Fahrzeugkilometer gespart. Diese illegale Kosteneinsparung entspreche der halben Lkw-Maut, so Studienleiter Stefan Rommerskirchen. Er sagt: "Nicht die Kontrollpraxis auf der Straße ist der Engpass, sondern den Sanktionen fehlt der ökonomische Anreiz." Die Bußgelder in Deutschland liegen bei durchschnittlich 140 Euro pro Bescheid. Die illegalen Kosteneinsparungen könnten hingegen nach den Berechnungen von Prognos über 60.000 Euro pro Transportauftrag im Jahr betragen.

Den illegalen Gewinn abschöpfen

Als vielversprechende Alternative zu den wenig erfolgreichen Bußgeldsanktionen nennt Andreas Geißler von der Allianz pro Schiene einen Versuch, der Autobahnpolizei in Niedersachsen. "Statt Bußgeldern wird da seit einem Jahr von den Brummifahrern der illegale Gewinn aus dem Verstoß abgeschöpft." Das sei juristisch nicht ganz unumstritten. "Ist aber effektiv."

  • Manuela Pfohl