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Nürnberg: Obdachloser legt sich zum Schlafen in Altpapiercontainer - und landet im Müllwagen

Es klingt wie eine Szene aus einem Gruselfilm, was einem Obdachlosen frühmorgens in Nürnberg widerfuhr: Der Mann legte sich in einen Altpapiercontainer - und landete in einem Wagen der Müllabfuhr. Der Fall wirft Fragen auf.

Nürnberg Obdachloser Müllwagen

Ein Obdachloser landete in Nürnberg in einem Müllwagen und wurde dabei lebensgefährlich verletzt (Symbolbild)

In der Nacht ist es lausig kalt - der Wetterdienst misst Temperaturen um die null Grad. Ein frierender Obdachloser hält einen Altpapiercontainer für einen geeigneten Schlafplatz und legt sich hinein. Als frühmorgens die Müllabfuhr anrückt, nimmt das Unglück seinen Lauf: Die Mitarbeiter der Nürnberger Abfallwirtschaft leeren den Container - ohne zu wissen, dass darin ein Mensch schläft. Der Mann wird samt Papierunrat ins Innere des Mülllasters gekippt.

Als der Wagen losfährt, hört ein Müllwerker auf dem Trittbrett plötzlich Hilferufe aus dem Laderaum. Sofort lässt er den Lastwagen und das Schubwerk stoppen, das den Papiermüll im Innern zusammenschiebt. Zunächst finden die Arbeiter niemanden. Erst, nachdem sie Altpapier beiseite geschoben haben, entdecken sie den Mann im Laderaum.

Obdachloser erleidet schwere innere Verletzungen

Wie ein Sprecher der Nürnberger Polizei am Freitag berichtete, erlitt der 41-Jährige womöglich schwere innere Verletzungen. Er schwebt in Lebensgefahr. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das sich in Deutschland zusehends verschärft.

2016 waren rund 860 000 Menschen, darunter etwa 440 000 anerkannte Flüchtlinge, bundesweit ohne Wohnung. Seit 2014 gab es einen Anstieg um rund 150 Prozent, wie kürzlich die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) mitteilte. Für das laufende und das kommende Jahr rechnet sie mit einem weiteren Zuwachs um 350 000 auf dann rund 1,2 Millionen Menschen.

Es ist eine Entwicklung, die der BAG W-Geschäftsführer Thomas Beck nicht nur mit der Zuwanderung erklärte. Die wesentlichen Ursachen für Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit lägen in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik in Deutschland, in Verbindung mit der unzureichenden Armutsbekämpfung, betonte er kürzlich.

Auch Nürnberg kennt die Probleme mit zunehmender Obdachlosigkeit. Doch müsse keiner im Papiercontainer übernachten, erklärte ein Vertreter des städtischen Amts für Existenzsicherung und soziale Integration auf Nachfrage. Dafür gebe es im Winter 150 Plätze in Notschlafstellen, die von freien Trägern oder einer Einrichtung der Stadt betrieben würden. In diesen Unterkünften liege die Auslastung in der Regel bei rund 90 Prozent, es gebe immer unbelegte Restplätze.

In Nürnberg seien zudem in Pensionen rund 900 Menschen untergebracht, die nach dem Sozialgesetzbuch Anspruch auf Grundsicherung hätten, sagte der Fachmann. "Wenn sich jemand in einen Container legt, macht er das nicht, weil wir ihn nicht unterbringen konnten."

"Das kann morgen wieder passieren"

Warum sich der Obdachlose für einen Container als Übernachtungsort entschied - darüber kann der Behördenvertreter nur spekulieren. Es gebe obdachlose Menschen, die womöglich viele Schlafgenossen "auf einem Fleck" nicht ertrügen. Diese zögen dann Schlafplätze unter Brücken oder in Containern den Notunterkünften vor, weil sie ihre Ruhe haben wollten. Viele Obdachlose seien zudem drogenabhängig und daher nicht Herr ihrer Sinne, sagte er. Wo die Menschen letztlich übernachteten, "können wir nicht steuern".

In Notschlafstellen würden Betroffene abends aufgenommen, am folgenden Tag gebe es ein Beratungsgespräch mit einem Sozialpädagogen. Dieser kläre die Menschen über weitere Möglichkeiten der Unterbringung auf. Die Behörde kenne aber viele Betroffene, die "unbedingt ihren Platz unter der Brücke" haben wollten, obwohl "wir gefühlt 100 Mal Angebote gemacht haben".

Der Fall des im Müllwagen gelandeten Obdachlosen sei tragisch, heißt es nun in Nürnberg. "Aber das kann morgen wieder passieren und übermorgen auch wieder", warnte der städtische Beamte. "Das müsste nicht sein."

Bernard Darko / DPA