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Streit um Testsieger: "Es reicht": Warum die Matratzenindustrie gegen die Stiftung Warentest wütet

Der Fachverband Matratzen-Industrie wirft der Stiftung Warentest vor, Verbraucher mit ihren Matratzentests in die Irre zu führen - und sich am Verkauf des Warentest-Siegels zu bereichern. Der Grund ist ein unliebsamer Testsieger.

Die alteingesessenen Matratzenhersteller fühlen sich von der Stiftung Warentest benachteiligt

Die alteingesessenen Matratzenhersteller fühlen sich von der Stiftung Warentest benachteiligt

Getty Images

Ärger ist man bei der Stiftung Warentest gewohnt. Regelmäßig beschweren sich Hersteller über angeblich unfaire Bewertungen, manche Konzerne hetzen der Testinstitution gar ihre Anwälte auf den Hals. Die Beschwerde des Fachverbands Matratzen-Industrie über den aktuellen Matratzentest aber ist selbst für die Warentester ein Sonderfall. "Die Matratzentests der Stiftung Warentest schaden dem Markt und der Angebotsvielfalt", lautet die Überschrift einer Stellungnahme des Verbands, in der sie der Stiftung Intransparenz, Irreführung von Verbrauchern und sogar implizit Profitsucht vorwirft.

Grund des Unmuts ist ausnahmsweise kein schlechtes Qualitätsurteil. Ein solches gibt es in dem Test nämlich gar nicht: Alle 28 Matratzen im Test sind "gut". Das liegt daran, dass die Warentester diesmal nicht neue Modelle getestet haben, sondern die am besten bewerteten Matratzen aus den Tests der vergangenen zehn Jahre. "Die Besten der Besten" ist der Test überschrieben, für den auch Jahre alte Topmodelle erneut eingekauft wurden, um das aktuell gültige Testprogramm zu durchlaufen. Im Großen und Ganzen konnten die Kandidaten ihre guten Noten bestätigen. Warum also regt sich der Matratzenverband auf?

Kritik am Dauertestsieger Bodyguard

Stein des Anstoßes ist der Testsieger. Die erstmals 2015 getestete Matratze "Bodyguard" des Onlineanbieters "Bett1" bestätigt im aktuellen Test ihren Status als "beste Matratze, die wir je im Labor hatten", wie Warentest schreibt. "Auf ihr schlafen alle Körpertypen gut", lautet das klare Urteil.

Das schmeckt dem Matratzenverband aber überhaupt nicht. "Die Matratzenbranche kritisiert daran, dass Testtabellen und Berichte zum wiederholten Mal einseitig auf einen einzelnen Anbieter und seine Einheitsmatratze ausgerichtet sind", heißt es in dem Schreiben. "Sie ist der Meinung, dass Stiftung Warentest damit starken Einfluss auf den Matratzenmarkt ausübt. Und den Verbraucher mit einer einseitigen und intransparenten Bewertung in die Irre führt." Denn die Eine-für-alle-Matratze gebe es nicht. Zudem sei Warentest zwar laut Stiftungszweck selbstlos tätig, nehme aber mit ihren Testsiegeln Millionen ein.

Sehen Sie hier im Video: "So sieht es im geheimen Prüflabor der Stiftung Warentest aus"

Reportage: So sieht es im geheimen Prüflabor der Stiftung Warentest aus

"Anti-Kartell-Matratze" mischt den Markt auf

Um den Furor des Branchenverbands, der Hersteller wie Schlaraffia, Diamona oder F.A.N. vertritt, zu verstehen, muss man die Matratzenbranche etwas genauer kennen. Jahrzehntelang war diese nämlich fest in der Hand von Branchengrößen wie den vom Verband vertretenen Unternehmen.

2015 aber gelang es dem Berliner Start-up Bett1, den Markt mit seiner selbsternannten "Anti-Kartell-Matratze" aufzumischen. "Ein David zeigt es den Goliaths", jubelte Stiftung Warentest beim ersten Test der "Bodyguard"-Matratze. Die Schaumstoffmatratze des kleinen Berliner Onlinehändlers schnitt nicht nur besser ab als alle Modelle der etablierten Konkurrenz, sie ist mit 199 Euro zudem ausgesprochen günstig.

Seit drei Jahren muss die Matratzenindustrie nun ertragen, dass die Stiftung Warentest bei jedem halbjährlich erscheinenden Test erneut erwähnt, dass die Bodyguard-Matratze besser ist als alle schönen neuen Modelle im jeweils aktuellen Test. Und das Testsieger-Label der Stiftung Warentest, für deren Nutzung die Firmen Geld zahlen müssen, ist ein mächtiges Verkaufsargument. Bett1 hat das Testsieg-Abo genutzt, um in wenigen Jahren vom unbedeutenden Start-up zum Big Player mit Millionenumsätzen zu werden.

Allerdings sehen die Regeln der Stiftung Warentest vor, dass sich ein Unternehmen maximal drei Jahre lang mit den Testsieg-Lorbeeren schmücken darf. Die Nutzungsrechte von Bett1 wären also in diesem Jahr ausgelaufen - wenn Stiftung Warentest sie im neuen "Besten der Besten"-Test nicht erneut zum Testsieger erklärt hätte.

"Es reicht", klagt daher nun Matratzenverbandschef Ulrich Leifeld, der die Felle seiner Mitgliedsunternehmen davonschwimmen sieht. "Jetzt wird sich - das ist das Dramatische - der bisherige Trend zugunsten eines Anbieters und einer Matratze fortsetzen. Denn der jüngste Test ist der Auftakt für weitere Jahre massiver Werbung unter dem Siegel von Stiftung Warentest. Zum Schaden der Verbraucher, die dadurch den falschen Eindruck gewinnen, dass es 'die eine' Matratze für alle gäbe."

Stiftung Warentest weist Vorwürfe zurück

Die Stiftung Warentest hat auf die Vorwürfe des Matratzenverbandes mit einer ausführlichen Stellungnahme reagiert. Darin betont sie ihre absolute Neutralität bei Produkttests, erklärt die Prüfkriterien und wie sich das Gesamturteil zusammensetzt. Auch wie das Geschäft mit den Siegeln funktioniert, von dem ja jeder gut bewertete Anbieter profitieren kann, wird transparent erklärt.

Den Vorwurf, Werbung für die Bett1-Matratze zu machen, weist Testleiter Holger Brackemann zurück. "Die Body­guard-Matratze von bett1.de ist jedoch die beste bisher von uns untersuchte Matratze. Und wir haben das Ergebnis inzwischen auch mehr­mals über­prüft; dafür wurde die Matratze immer neu anonym einge­kauft", sagt Brackemann. "Wir sehen uns hier gegen­über unseren Lesern und Internetnutzern in der Pflicht, auf dieses Produkt immer wieder hinzuweisen, zumal es mit etwa 200 Euro eher im unteren Preis­bereich angesiedelt ist."

Da hilft alles Lamentieren nicht: Die Matratzenhersteller müssen wohl oder übel eine Matratze entwickeln, die besser ist als der aktuelle Testsieger.