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Messe Hannover: Gestatten Wolter, Verstopfungen aller Art

Mehr als 200.000 Besucher sind zur größten Industriemesse der Welt nach Hannover gepilgert. Längst ist aus der Maschinen-Muskelschau ein Treffen von Erfindern und vereinter Erdregionen geworden. Fragt sich nur: Was ist eigentlich auf der Riesenausstellung zu hören?

Von Niels Kruse

Pfft, pfhh, schsch - wenn die Hannover Messe einen Sound hat, dann diesen Dreiklang der Hydraulikpumpen. Gerhard Wolter hat noch ein zusätzliches Geräusch mitgebracht: ein Plopp. So macht sein Maschinchen, wenn es artig einen Plastikstopfen übers Rohr saugt. Der freundliche Herr im besten Alter, mit stahlblauem Jackett und grauem Schnäuzer, hat sogar das weltexklusive Patent auf diese Form der Verstopfung. Beziehungsweise seine schwedische Firma Quick Set.

Wolter steht am kleinst anzunehmenden Stand der Hannover Messe, hinter ihm ein dutzend Spulen mit Kunststoffhülsen, in blau, gelb, rot. Er erzählt, dass das Unternehmen für das er arbeitet, gerade einmal zwölf Mitarbeiter beschäftigt und eigentlich Plastik am laufenden Band produziert. Vor drei Jahren dann hat Quick Set Maschinen entwickelt, die Kappen von alleine über Rohre, Bremsschläuche und Kabelenden ziehen. "Eine Arbeiterin in einem Automobilzulieferbetrieb muss in einer Schicht 30.000 Stopfen aufziehen", sagt er und verbiegt dabei auf ungesunde Art seine Hand. Soll sagen: Kaputte Gelenke müssen nicht sein, wir haben eine Lösung.

Eigentlich hätte Wolter den Messebesuchern ja gerne mehr Maschine gezeigt, so ein richtiges Testosteronexemplar: groß, breit und schnell stopfend. Doch dafür war dieses Jahr kein Platz mehr da. Die Riesen der Industriebranche haben sich breit gemacht: Siemens, ABB, BASF, Schaeffler und wie sie alle heißen. Mit mehrgeschossigen Bauten, die sich über Flächen erstrecken, auf denen gleich drei Einfamilienhäuser Platz finden würden. 6400 Aussteller sind dieses Jahr zur größten Industrie-Muskelschau der Welt gekommen. Das ist fast ein Viertel mehr als 2006. Den Unternehmen geht's gut, das wollen und müssen sie hier zeigen, auf der größten Industrie-Muskelschau der Welt.

Konkurrenz aus Fernost

Klar, Deutschland ist Exportweltmeister, doch schon längst ist Hannover nicht das Technologiemekka allein für die Marke "Made in Germany". Mehr als 50 Prozent der Aussteller kommen aus dem Ausland. Vor allem die Chinesen sind allgegenwärtig - der Export-Titelträger in spe ist bereits die zweitgrößte Ausstellernation. Noch kauern deren Vertreter in kleinen Kabuffs an den Hallenrändern, präsentieren dort lieblos aufgereihte Kabelstränge, Rohr-Enden, Plastikkarten, Zangensortimente und Einschweißapparate. Massenware ohne Witz und Esprit. So etwas ist natürlich nichts für die Handvoll Messe-Geschenkjäger, die sich unter das Fachpublikum mischt. Aber auch die Experten lassen die Asiaten links liegen. Sie zieht es eher zu Firmen wie Nanosight in Halle 6, Oberflächentechnik.

Hier, zwischen Lackier-Anlagen, automatischen Glasreinigern und Katalysatorenherstellern zeigt die Minifirma aus dem englischen Salisbury wie sie Nanoteilchen beobachtet. Auf einem Laptop-Bildschirm flimmern kleine weiße Punkte unruhig hin und her. Auf dem Fenster darunter das gleiche Bild, nur die Punkte rot und mit ein paar Kennziffern versehen. Es könnten Atome bei der Arbeit sein. Oder zumindest wie man sie sich als 14-Jähriger vorstellt.

Ruhig und mit breitem Londoner Zungenschlag erklärt Mitarbeiter Jean Carr was seine Laserkamera so alles kann: Die Konzentration von Nanoteilchen in Flüssigkeiten bestimmen, sie lokalisieren, die Ergebnisse sofort in den Computer senden. Das alles, so Carr, weil Nanoteilchen zum Verklumpen neigten, was den Flüssigkeiten, denen sie beigemischt werden, nicht zuträglich sei. Mit dem elektronischen Auge von Nanosight aber lässt sich das gewünschte Mengenverhältnis von Flüssigkeit und oder Nanoteilchen in Echtzeit ändern. Die Firma verspricht sich Großes von ihrer Erfindung und "Business is runnin' well", sagt Carr. Die Geschäfte laufen gut.

Absatzmarkt: Die Welt

Vorbei an der Miniaturausgabe des "Straight Liner SL1", einem System für die Überwachung und Straffung der Fadenführung von Strickmaschinen, Hauptabsatzmärkte: China, Vietnam, Türkei, zeigt die Globalisierung ein weiteres Gesicht - mit viel Oberfläche, sehr viel Oberfläche. Etwa in Form des türkischen Pontus-Gebirges, arabischer Oasen oder der russischen Sprache.

Vielen können mittlerweile Leuchtsignalanlagen, energiesparende Motoren, Aluschienenkrümmer oder Sortiermaschinen für Plastikfiguren bauen, die einen besser die anderen schlechter. Und billige Arbeitskräfte finden die Unternehmen inzwischen selbst in Hochlohnländern. Deshalb mischen die so genannten Emerging Markets", die aufstrebenden Märkte oder solche, die es werden wollen auch auf der Industrie- und Technologiemesse mit: Pakistan, Indien, Ukraine, Weißrussland, selbst das Saarland und natürlich die Türkei, als Gastland der diesjährigen Messe.

Wie zum Beispiel der Zusammenschluss von 14 sibirischen Regionen, der sich auf einem Stand von der Größe eines halben Fußballfelds um so ziemlich alles buhlt, was noch mehr Geld in die erdölgetränkte Region bringen soll: Gut ausgebildete Leute, die sich um die Infrastruktur kümmern, Fabriken hochziehen, forschen, lehren und vor allem wohnen und Geld ausgeben. Mit niedrigen Arbeitskosten dagegen geht hier niemand hausieren. "Billige Arbeitskräfte?", fragt die Pressefrau vom Stand und zieht pikiert ihre Augenbrauen hoch, "billige Arbeitskräfte gibt’s bei uns bestimmt. Aber wir wollen unser Land voranbringen. Und dafür suchen wir nur die besten Leute." Was die dafür kriegen? "Geld, optimale Arbeitsbedingungen und eine sagenhafte Natur".

Vereinigung der Märkte

Wo sich Industrie mit Tourismus mengt, Standorte sich den Wettbewerb um die vielzitierten besten Köpfe liefern, da dürfen die Vereinigten Arabischen Emirate natürlich nicht fehlen. Zum ersten Mal ist das Emirat Abu Dhabi in der niedersächsischen Hauptstadt. Der Stand, in der Anmutung einer dieser sterilen Hotelwerbungen auf CNN gehalten, hat nichts zu bieten außer zwei Sitzecken in denen arabisch-lässig genetzwerkt wird. Während Dubai versucht, mit immer absonderlicheren Attraktionen Touristen anzulocken, setzt Abu Dhabi auf den Auf- und Ausbau einer eigenen Industrie. Chemie, Holz, Öl, Energie - all das.

Natürlich will auch Abu Dhabi nur die besten Leute, solche die sich teuere Wohnungen leisten können, viel und gerne arbeiten und möglichst Geld in großen Mengen ausgeben. Außer mit Dauer-Traumwetter lockt die Stadt am persischen Golf mit einem ziemlich unschlagbaren Vorteil: keine Steuer auf nichts. Vielleicht klingt die wahre Hannover Messe doch nicht nach dem Zischen der Hydraulikpumpen, sondern nach dem Rascheln von Bewerbungsmappen.