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M. Streck: Frischluft Das muss jetzt mal raus: Von Winden, Lego und deutschem Werbefernsehen

Wer deutsche Fernsehwerbung schaut, muss denken, die gesamte Nation leide unter Verstopfung und Blähungen, meint unser Autor Michael Streck.
Wer deutsche Fernsehwerbung schaut, muss denken, die gesamte Nation leide unter Verstopfung und Blähungen, meint unser Autor Michael Streck.
© Jens Wolf / Picture Alliance
Wer deutsche Fernsehwerbung schaut, muss denken, die gesamte Nation leide unter Verstopfung und Blähungen. Unser Autor Michael Streck hat sich deshalb auf eine kleine Erkundungstour durch den menschlichen Körper begeben.

Dem deutschen Fernsehkonsumenten, das ist keine Nachricht, wird einiges zugemutet, und zwar nicht nur im inhaltlich und innovativ sehr überschaubaren Programm, sondern auch und vor allem davor und dahinter, also zwischen den sogenannten Sendungen, also in dem, was hierzulande allgemein unter dem Rubrum “Werbung“ verstanden wird. Ärgerlicherweise auch da, wo es eigentlich gar keine Werbung bräuchte, im gebührenfinanzierten Fernsehen, vulgo: Erstes und Zweites.

Wo genau zwickt es, Deutschland?

Zugereiste Mitmenschen oder solche, die jahrelang kein teutonisches Fernsehen empfangen konnten (oder wollten), müssen sich speziell abends darüber wundern, in welches Land sie da geraten sind, nämlich offenbar in eines, in dem die gesamte Bevölkerung – ob Jung oder Alt – jenseits der Pandemie unter Verstopfung und Blähungen leidet. Armes Deutschland.

Zu besonders penetranter Perfektion bringt es diesbezüglich ein Hersteller einer auf die unteren Körperregionen spezialisierten Arznei, die nach Einnahme sofortige Linderung verspricht. Mal kreischt eine Dame im passend kreischroten Overall über weichenden Druck, mal lobhudelt ein Papa, dass sich seine Beschwerden nach Genuss jenes Mittelchens gewissermaßen in Luft aufgelöst hätten, visuell brav unterstützt von der kleinen Tochter, die sich leicht angewidert die Nase hält, worauf man ahnt, wie sich Papas Beschwerden tatsächlich in Luft auflösten und nunmehr als feine Partikelchen – ähnlich den neuerdings berühmten Aerosolen – durch Raum und Zeit schweben, glücklicherweise zwar nicht ansteckend sind, sehr wohl aber strenge olfaktorische Wirkungen entfalten, die sich selbst durch das Tragen der allgegenwärtigen Maske nicht vernünftig dämmen lassen.

Womit wir das weite Feld der Wissenschaft erreicht hätten und dort den Arbeitsbereich des Chemieprofessors Trevor Makal von der Universität von Virginia, der vor Kurzem das bis dahin eher unterschätzte Molekül des menschlichen Darmwindes (CH3SH) untersuchte und es zeitgemäß in Relation zum Coronavirus setzte. Die gute Nachricht: Der Corona-Übeltäter ist sage und schreibe 150 Mal größer und scheitert, klobig und protzig wie er nun mal daherkommt, einigermaßen zuverlässig am engmaschigen Mund-Nasen-Schutzwall. Die schlechte: Das vergleichsweise filigrane, schwefeldioxid-betriebene Stinker-Molekül passiert noch jede Maske, ob Stoff oder Papier. Der Professor nahm auf Twitter vorsichtshalber noch den Masken-Gegnern den Wind aus Segeln und griff – aus gegebenem Anlass? – zu leicht verständlicher Metaphorik: "Zu glauben, dass Masken nichts taugen, weil ich durch sie auch riechen kann, ist wie eine mittelalterliche Burg ohne Tor gegen Reiter zu verteidigen. Zwar können Mäuse immer noch durchs Tor, aber sind die berittenen Soldaten nicht die viel größere Gefahr?" Eben.

Lego-Arm mit Durchhaltevermögen 

Wir bleiben, Stichwort Linderung, noch einen Moment im Gesundheitssegment und kommen zu einer wunderbaren und garantiert Corona-freien Nachricht, die uns aus dem fernen Städtchen Dunedin in Neuseeland erreichte. Sie handelt von dem sieben Jahre alten Sameer Anwar, der vor zwei Jahren ein winziges Lego-Teilchen versehentlich durch die Nase inhalierte, was die Eltern verständlicherweise beunruhigte, die ihren Sohn prompt zum Kinderarzt brachten. Der gute Mann konnte den im Nasenflügel verschollenen Miniatur-Arm leider auch nicht bergen, verwies aber tröstend darauf, dass er den vermutlich üblichen Werdegang nehmen werde und sich irgendwann in der Kloschüssel wiederfinden werde.

Das tat er leider nicht, aber der Kleine – Kind möchte man wieder sein – vergaß die Beschwerden, und vor wenigen Tagen schnupfte er das Ding aus. Sehr zur Freude seiner Eltern und ganz gewiss auch eines britisch-australischen Forscherteams, das sich bereits vor Jahren wissenschaftlich mit Verzehr und Verdauung von Lego-Spielzeug beschäftigte und pünktlich zur Weihnacht 2018 erleichternde Ergebnisse veröffentlichte. Die Damen und Herren schluckten in einem "noblen Akt des Selbst-Experiments", wie sie schrieben, etwa ein Zentimeter große Lego-Happen, ersannen feinsinnig die Maßeinheiten "Shat" (Stool Hardness and Transit) und "Fart" (Found and Retrieved Time) und kamen zu dem Schluss, dass der dänische Exportschlager für die problemlose Reise durch den Körper gerade mal zwischen 1,1 und 1,7 Tagen benötigte. Kein Grund zur Besorgnis für Eltern und ergo frohes Fest.

Was das nun alles mit dem deutschen Fernsehen zu tun hat? Zugegeben nicht richtig viel, außer vielleicht: Selbst Lego ist leichter bekömmlich.


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