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Freiwillige Helfer Ein Hoch auf Stäbchen in der Nase und die stillen Helden der Pandemie

Niedersachsen, Nordhorn: Ein Abstrich für einen PCR-Test wird von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum genommen
Niedersachsen, Nordhorn: Ein Abstrich für einen PCR-Test wird von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum genommen
© Sina Schuldt / DPA
Unser Autor Michael Streck lässt sich einmal in der Woche testen. Den Job übernehmen junge Freiwillige, die meisten von ihnen Studentinnen und Studenten. Sie kennen ihre Kommilitonen gerade nur als Kacheln. Höchste Zeit für eine Danksagung.  

Einmal in der Woche gehen wir zum Corona-Test. Nicht, dass es besonders schön wäre, sich in einem an Lobotomie erinnernden Prozedere ein Stäbchen durch die Nasenflügel Richtung Hirnstamm rammen zu lassen. Aber wenn in Deutschland gerade irgendetwas gut funktioniert, dann Stäbchen in Hirnstämme jagen. Testen klappt. Unser Corona-Testzentrum ist ein Sportlerheim ganz in der Nähe. An den Wänden hängen blaue und rot-weiße Wimpel, und Pokale erzählen Geschichten aus einer Zeit, als noch um Tore, Punkte, Meisterschaft gespielt wurde. Die Pokale setzen langsam Staub an.

Testen ist ja neuerdings ganz einfach: Man registriert sich online, beantragt einen Slot, und in zehn von zehn Fällen bekommt man den auch. Den Job des Stäbchen-in-die-Nase-Rammens im Sportlerheim erledigen freundliche, junge Menschen, die einem erklären, dass es jetzt für ein paar Sekunden unangenehm werden könnte. Die meisten von ihnen sind Studenten und Studentinnen (oder wie die Studenten und Studentinnen wohl sagen würden: Studierende), und weil Studierende gerade nicht richtig studieren können, machen sie sich auf diese Weise nützlich und bekommen neben ihrem Salär ganz gutes Trinkgeld, das sie in normalen Zeiten vermutlich auch pronto in Bier umsetzen würden.

Die jungen Leute tun mir leid in dieser Pandemie. Jeder redet von Kindern und Jugendlichen und Kitas und Schulen, vor allem die Eltern natürlich. Kaum jemand redet von Jugendlichen aufwärts, die nicht in die Unis können und die, falls gerade frisch eingeschrieben, ihre Kommilitonen nur als Kacheln kennen.

Alle haben eine Lobby, nur die Jungen nicht

Bundespräsident Steinmeier hat neulich recht treffend von "vollverkachelten Semestern" gesprochen. Er stand in der Berliner Staatsbibliothek, auf den Treppen saßen in großem Abstand junge Menschen und lauschten stellvertretend für den Rest ihresgleichen; das Ganze wurde gestreamt, vollverkachelt. Sah aus wie eine Vorlesung unter erschwerten Bedingungen, hörte sich aber besser an. Immerhin hat einer mal an sie gedacht und sich an sie gewandt.

Alle haben eine Lobby, wirklich alle. Es gibt, Stand heute, 2287 beim Bundestag registrierte Lobby-Gruppen, von der "Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände" bis zum "Zweckverband der ostdeutschen Bau-Industrie". Es gibt den "Backzutatenverband", den "Fachverband Glücksspielsucht", den "Deutschen Verband für Podologie" und den "Verband Deutscher Podologen", was Freunde des höherklassigen Klamauks womöglich an Monty Pythons "Judäische Volksfront" und deren Konkurrenz von der "Volksfront von Judäa" erinnert. Es gibt den "Europäischen Verein zur verbrauchsabhängigen Energiekostenabrechnung", "Den runden Tisch Amateurfunk" und tatsächlich den "Bundesverband der Geldwäschebeauftragten".

Die Liste der eingetragenen Lobbyisten ist 835 Seiten lang. Studenten und Studentinnen tauchen auch auf, aber eher als Randnotiz. Da ist etwa die segensreiche "Organisation Albanischer Studenten und Alumni", der weniger segensreiche "Verband Alter Corpsstudenten" und der offenbar wetterfeste "Ring Christlich-Demokratischer Studenten" (RCDS). Eine echte Lobby haben die Jungen nicht. Das gilt nicht nur für Studierende, sondern für die Jungen grundsätzlich und gerade jetzt.

Diese Generation geht unter in der ganzen Pandemie-Debatte. Wenn man über sie spricht, dann ungefähr so wie im vergangenen Sommer, als sie sich draußen treffen konnte, und sie endlich mal wieder unbeschwert trinken konnten und tanzten und cornerten, was zu meiner Zeit noch schnöde herumlungern hieß. Schon wurde gezetert, die rücksichtslosen Jungen würden die Inzidenzen treiben, und schwupps war's aus mit dem bisschen Spaß. Nun schlagen die Bäume aus, es wird Frühling und wärmer, und nicht mal draußen saufen und tanzen und cornern geht wegen Ausgangssperre.

Sie sollen sich mal richtig einen kacheln

In meinem Alter macht das nichts, ich muss nicht mehr cornern, tanzen war nie mein Ding, trinken…nun ja, schon eher. Aber ich erinnere mich vage daran, auch mal jung gewesen zu sein und an die Hörfunklegende Klaus Jürgen Haller, der unsereins im WDR-Mittagsmagazin um zwölf gern mit dem Intro "Guten Tag meine Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten" begrüßte. Ich erinnere mich also sehr wohl an Zeiten, in denen es mir was ausgemacht hätte und bewundere deshalb die Jungen von heute und ihren Langmut mit Alten wie mir. Ein verlorenes Jahr tut mit Mitte 50 weniger weh als mit Anfang 20. Die Jungen sind die stillen, ungehörten Helden der Corona-Zeit.

Niemand weiß, wie sich ihre Job-Situation entwickelt, wenn erst mal alle geimpft sind. Beim Impfen kommen sie ja auch ganz zum Schluss. So ist das in einem überalterten Land, das immer älter wird und immer mehr Junge braucht, um die Alten zu pflegen und die Renten zu sichern. Den Generationenvertrag haben sie sich gewiss anders vorgestellt. Senioren und Rentner haben natürlich auch mehr Lobbyisten.

Nächste Woche gehen wir wieder zur Lobotomie. Ich werde mich aufrichtig bei den jungen Freiwilligen dafür bedanken, dass sie mir das Stäbchen ins Hirn schieben, und mir, bis jetzt zumindest, 20 Minuten später per Mail mitteilen, dass ich noch kein Corona habe. Ich werde wie immer ein ordentliches Trinkgeld geben und mir wünschen, dass sie es gleich abends im Park versaufen und sich richtig einen kacheln. Meinetwegen gern auch nach 21 Uhr und mit lauter Musik. Ich habe nix gesehen und gehört. Das bringt das Alter so mit sich.


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