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Frischluft Wo Fugging draufsteht, ist immer noch Fucking drin – und ein anderer Etikettenschwindel

Fucking
Aus Fucking wird im Januar Fugging
© Mladen Antonov / AFP
Die weltberühmte österreichische Ortschaft Fucking benennt sich in Fugging um. Unser Autor Michael Streck bezweifelt, dass dieser Schritt tatsächlich etwas nutzt und findet ein weiteres Beispiel für misslungenen Etikettenschwindel.

Aus dem Pandemie-geplagten Österreich erreichte uns die bestürzende Kunde, dass die Einwohner des Dörfchens Fucking bei Braunau am Inn ihre Gemeinde mit Beginn des neuen Jahres umbenennen wollen in Fugging (lesen Sie hier die Hintergründe dazu). Die Motive dafür sind ziemlich offensichtlich. Der Ortsname ist vor allem im angelsächsischen Sprachraum ein Hit, Touristen aus den USA und Großbritannien platzierten sich gern in eindeutiger Pose vor dem Ortsschild oder klauten es immer wieder. Fucking ziert als Mitbringsel die Vorgärten von Brisbane bis Birmingham. Jetzt ist Schluss mit lustig. Fucking ist tot. Es lebe Fugging.

Für die rund 100 Fuckinger, man kann sie irgendwie verstehen, war der Name längst nicht der reinste Spaß, obschon das Dorf beinahe 1000 Jahre so hieß, mithin erheblich älter ist als die 1475 erstmals erwähnte englische Vokabel und dem Vernehmen nach zurückgeht auf Adalpert von Vucckingen. Der gute Mann soll sich in der Region im 11. Jahrhundert herumgetrieben und bleibenden Eindruck hinterlassen haben, wie der Plattform Wikipedia zu entnehmen ist, die freundlicherweise unter dem Zwischentitel "Der Ortsname im öffentlichen Interesse" mit beinahe brachialer Nüchternheit erklärt, warum diese zwergenhafte Ansiedlung weltberühmt ist, nämlich deshalb: "Fucking ist im Englischen das Partizip Präsens bzw. das Gerundium zum Verb 'to fuck'. Durch die häufige bes. adjektivale Verwendung in der englischen Sprache und den starken Einfluss derselben in Kontinentaleuropa ist das Wort auch im deutschen Sprachraum sehr bekannt."

Der Union Jack auf Impfstoff-Ampullen?

Sehr bekannt. So ist das wohl oder übel. Es wird sich ab Januar weisen, ob mit der neuen Etikette Fugging wirklich alles besser, also ruhiger wird und Ortsschilder künftig nicht mehr einbetoniert werden müssen. Oder, tja, oder ob nicht doch alsbald wieder Busladungen von Briten die Gemeinde entern, weil sich tausend Jahre nicht einfach so ausradieren lassen mit einem vermeintlich lässigen Doppel g. Wo Fugging drauf steht, ist immer noch Fucking drin. Man ahnt es irgendwie.

Die Rückkehr der Briten und ihrer Vettern (ups, und Cousinen natürlich) aus den einstigen Kolonien hängt nun wiederum maßgeblich davon ab, ob bis zum Sommer die Pandemie einigermaßen unter Kontrolle ist, was wiederum maßgeblich davon abhängt, ob die Impfstoffe wie erhofft immunisieren.

Womit wir schon beim zweiten Etikettenschwindel des Tages wären und zwar im Heimatland des Partizip Präsenz von to fuck. Die britische Regierung, enthüllt die "Huffington Post", möchte offenbar, dass das in Oxford entwickelte Anti-Covid-Serum der Firma "AstraZeneca" mit einem kleinen Union Jack auf der Ampulle veredelt wird. Wo Britannien drauf steht, ist auch Britannien drin. So ungefähr. Ersonnen hat diesen grandiosen Unfug ein vor kurzem erst installiertes Polit-Büro des putzigen Namens "Union Unit", dessen vornehmliches Ziel es ist, die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu torpedieren.

Die Schotten könnten allergisch reagieren

Das ist per se schon etwas merkwürdig. Wird aber noch merkwürdiger, wenn man nur einen kurzen Blick auf die Lage der Nation wirft: In Großbritannien sind mehr Menschen an Corona gestorben als irgendwo sonst in Europa, vor einigen Tagen gelangte ein von der Regierung in Auftrag gegebener "vertraulicher Report" an die Öffentlichkeit, der vor einem "perfekten Sturm simultaner Desaster" warnt – Brexit, Grippewelle, Covid, epochale Wirtschaftskrise. Anti-Brexit-Protestler, noch ein Namenswechsel, taufen Kent in weiser Voraussicht bereits "Toilet of England“, weil sie ahnen, dass insbesondere Lkw-Fahrer nach dem EU-Austritt dort ewig im Stau stehen und an den Straßenrändern des vormaligen "Garden of England" ihre Notdurft verrichten, shit happens. Und in Downing Street fabuliert unterdessen ein Trupp von Patrioten mit ausdrücklicher Duldung des Gesundheitsministers fröhlich über britische Fähnchen auf Arznei-Gefäßen. 

Der Schuss könnte gewaltig nach hinten losgehen. Und zwar ausgerechnet im avisierten Zielgebiet der “Union Unit“: in Schottland. Die störrischen Schotten mögen den Union Jack noch weniger als Engländer, was schon eine Menge heißen will. Sie hissen stets und überall ihre eigene Flagge, den Saltire, weißes Kreuz auf blauem Grund. Die Mehrheit der Schotten dürfte auf den patriotischen Impfstoff wenigstens allergisch, möglicherweise sogar mit heftigen Abwehrreaktionen bis hin zur Abstoßung vom Königreich reagieren. 

Also keine richtig kluge Idee der “Union Unit“. Oder wie sie in Schottland neuerdings sagen: Fugging crazy.

wue

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