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Frischluft CNN und die Renaissance der alten, weißen Männer

John King, Journalist des US-Senders CNN
John King, Journalist des US-Senders CNN
© Erik S. Lesser / Picture Alliance / DPA
Unser Autor Michael Streck konnte sich bei den US-Wahlen tagelang nicht vom Fernseher lösen. Auch deshalb, weil die beiden CNN-Veteranen John King und Wolf Blitzer ein großartiges politisches Kammerspiel zur Aufführung brachten.

Es ist vorbei, die Stimmen sind gezählt, die Welt schaut ein bisschen freudvoller und besser aus und weniger orangefarben und wutrot. Der Alltag kehrt zurück, und das ist auch gut so.

Ein paar lieb gewonnene Gewohnheiten aus diesen tumultösen Tagen werden dennoch fehlen. Etwa: Fernsehen an, CNN an – und auf die beiden CNN-Oldies Wolf Blitzer, 72, und John King, 59, warten. Die vor ihrer "Magic Wall" standen, der magischen Wand im Studio, auf der die US-Bundesstaaten aufploppten und King Kreise zog um Counties und Zahlen eintrug und zum Beispiel vorrechnete, warum von einem winzigen Sprengsel in Erie County, Pennsylvania, das Wohlergehen der Nation und eigentlich des ganzen Planeten abhängen könnte. Erie County, nicht mal 270 000 Bewohner, ist jetzt mindestens weltberühmt.

King scheint jedes County in den USA zu kennen, und es gibt mehr als 3000 davon. Er dozierte kenntnisreich und liebevoll vom demografischen Wandel in DeKalb County in Georgia oder von den Problemen der Native Americans in Navajo County in Arizona an der Grenze zu New Mexico und von den vielen jungen Leuten, die aus Kalifornien nach Arizona gezogen seien und nunmehr den Staat politisch von rechts auf links drehten.

King tat das mit im allerbesten Sinne onkelhafter Attitüde und im Duett mit dem CNN-Veteran Wolf Blitzer – erst stundenlang, dann tagelang, ein paar Stunden Schlaf, Eier und Speck und Kaffee, viel Kaffee. Zwei Männer in Hochform vor der magischen Wand. Manchmal braucht es nicht mehr zum Binge-Watching. Zuweilen zeichnete King mit flinken Fingern frische Ergebnisse auf die Wand und kalkulierte dann prozentual, wie es denn für Donald Trump stünde, falls sich genau dieser Trend aus Bucks County, Pennsylvania, fortsetzen würde in den noch fehlenden Bezirken und kam zu dem erfreulichen Schluss: nicht gut.

King und Blitzer, die Space Cowboys von CNN

Dem Amtsinhaber, sekundierte in diesen Momenten der graue Wolf Blitzer, stünde ein "uphill battle" bevor, was nichts anderes als ein Euphemismus für ziemlich aussichtslos ist. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Duo jede Sekunde dieses Marathons genoss, weil fast jedes Resultat zum Nadelstich für Trump geriet. 

Die Herren brachten tagelang ein großartiges politisches Kammerspiel zur Aufführung, mit Zwischentönen und Nuancen, nie laut, stets wohl temperiert. Das Ganze wirkte wie eine kurzzeitige Renaissance der alten, weißen Männer aus analoger Zeit, in ihrem Fall war's auch ein Triumph der geballten Sachkenntnis über die superschnellen und supersmarten und superjungen Datenjäger. King und Blitzer, die Space Cowboys von CNN.

Als wir in den USA lebten, waren die beiden natürlich auch schon da. Sie waren eigentlich immer da. John King, das Haar noch etwas dunkler, als Korrespondent im Weißen Haus, Blitzer, das Haar bereits damals weiß, im Studio. Irgendwann übertönt und überdröhnt von den rechtskonservativen Fox-News-Kollegen, die im Rating an CNN vorbeizogen. Diese Wahl war wie eine späte Genugtuung. Fox News mäandert auf der Suche nach dem richtigen Kurs; sie hatten sich an Trump verkauft, und der ist bald weg. Was nun?

Die Deutschen brauchen keine magische Wand

Das frage ich mich ehrlich gesagt auch, denn der Corona-Alltag hat uns abermals im Griff, an die Stelle der magischen Wand tritt wieder das Robert Koch-Institut. Lothar Wieler statt John King und Wolf Blitzer, die nun schlafen, viel schlafen. Ich werde sie vermissen. Ich werde Erie County vermissen und überhaupt alle 3141 Counties.

Im kommenden Jahr sind jede Menge Landtagswahlen in Deutschland und natürlich die Bundestagswahl. Die Deutschen brauchen keine magische Wand. Um fünf nach sechs erscheint rituell die erste Hochrechnung, und die ist rituell fast immer auf den Prozentpunkt genau. Teutonisch präzise, fehlerlos, makellos und grenzenlos langweilig, "im Vergleich zu den letzten Wahlen hat die CDU…". Nie Drama, nicht mal Dramolett. Das höchste der Gefühle: Scheitert die FDP an den fünf Prozent? Sodann ab zur Elefantenrunde. Fertig.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich wünsche mir keinesfalls amerikanische Verhältnisse, schon gar kein amerikanisches Wahlsystem. Alles was ich mir wünsche fürs nächste Jahr wäre eine magische Wand, davor John King mit flinken Fingern Kreise ziehend und darüber referierend, dass es für den Kanzlerkandidaten Markus Söder im Landkreis Traunstein nicht gut ausschaut. Worauf Wolf Blitzer altersweise raunt: "Das wird für ihn ein uphill battle."

fs

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