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Frischluft Von der Sehnsucht nach Schlapphüten – Spione in der Coronakrise

Spione haben es in der Corona-Zeit schwer. Viele Tätigkeiten gehen wegen Pandemie und den Maßnahmen nicht. 
Spione haben es in der Corona-Zeit schwer. Viele Tätigkeiten gehen wegen Pandemie und den Maßnahmen nicht. 
© Jochen Tack/imageBROKER / Picture Alliance
Spione haben in Großbritannien einen legendären Ruf, nicht nur James Bond, auch die echten. Nun hat der Geheimdienstchef über sein kriselndes Gewerbe in Zeiten von Corona ausgepackt. Und auch unseren Autoren Michael Streck beschleicht so etwas wie Mitleid.

Die Pandemie, wer wüsste das nicht außer Attila Hildmann und Herrn Wendler und anderen Verquerdenkern, schüttelt die Welt ziemlich durch. Jeder ist betroffen, die einen mehr (Hoteliers), die anderen weniger (Bestatter). Aber nun erreicht uns ausgerechnet aus dem Vereinigten Königreich die Kunde, dass es auch einen Berufsstand erwischt hat, dessen Primärtugend das Geheimnis ist: Spione.

Es muss schlimm stehen ums Spitzelgewerbe, wenn sich der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, Ken McCallum, aus der Deckung wagt und entgegen sonstiger Gepflogenheit der Öffentlichkeit sein Herz ausschüttet. Es ist nämlich so: Das vermaledeite Virus fegt die Straßen leer, McCallums Personal kann sich deshalb nicht mal mehr konspirativ treffen mit lieb gewonnenen Informanten oder Infiltranten, Beschatter haben nichts und niemanden zu beschatten, und zu allem Überfluss ist auch der neue Bond verschoben. "Die verdeckte Überwachung", sprach der MI5-Boss bekümmert, "ist nicht mehr so einfach." Unter dem Virus bröselt das Kerngeschäft wie das britische Pfund. 

Stasi, BND, Verfassungsschutz. Noch Fragen zum Sex-Appeal?

Die Menschen auf der Insel sind wirklich gebeutelt mit Boris Johnson als Premier und wieder rasant steigenden Corona-Fällen, jetzt auch noch mit schwächelnden Schlapphüten, zu denen sie seit jeher ein inniges Verhältnis pflegen. Der gemeine Agent (und selbstredend auch die gemeine Agentin) gelten nämlich in den Augen der meisten Briten als ziemlich cool, als ziemlich smart und ziemlich sexy. Die Frauen und Männer, die während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park die Enigma-Maschine der Nazis knackten und damit den Krieg verkürzten, werden heute noch als Helden gefeiert. Sie haben John Le Carré und 007, die Deutschen hatten die Stasi und haben den BND und den Verfassungsschutz. Noch Fragen zum Sex-Appeal?

Nun ticken Briten grundsätzlich etwas anders und pflegen beispielsweise ein merkwürdig entspanntes Verhältnis zur Überwachung und den allgegenwärtigen CCTV-Kameras (Closed Circuit Television). Eine Kamera kommt im Schnitt auf elf Bürger. Es gibt mehr von diesen Dingern als es Schotten gibt, fast sechs Millionen. Sie hängen überall. An Kreuzungen, in Pubs, in Kaufhäusern. Manchmal zeichnen sie Verbrechen auf, manchmal Verkehrsunfälle und manchmal auch nur schnöden Sex im Park oder im Aufzug. Meistens und gerade in diesen Zeiten allerdings die gediegene Langeweile, nämlich: nichts. 

Corona macht Spionen Strich durch die Rechnung

Das gilt leider auch für die Kameras von "Hunted", einer populären Channel 4-Serie des Inhalts, dass ein Haufen von Normalbürgern versucht, 28 Tage unter dem Radar zu bleiben und irgendwo im Land abzutauchen. Ein Team aus Polizisten, Psychologen, pensionierten Agenten und Profilern wiederum versucht, diese flüchtigen Normalos aufzustöbern. "Hunted" ist eine Mischung aus sozialem Experiment und Leistungsschau der Überwachungstechnologie: CCTV, soziale Netzwerke, Telefonüberwachung, Geldautomaten und neuerdings natürlich Drohnen. Am Ende schnappen die Profis den Großteil der Amateure. Aber jetzt auch hier das große Nichts: Drehpause. Corona. Wie im richtigen Leben.

Im richtigen Leben, dozierte der MI5-Chef, verbringen seine Leute Tag und Nacht auf Dachböden und platzieren Mikrofone, im richtigen Leben beschatten sie auf den Straßen, im richtigen Leben treffen sie Quellen, das ist bei allem technischen Fortschritt immer noch so wie früher zu Zeiten von Le Carré und “Dame, König, As, Spion“.

Das Problem ist, dass es momentan kein richtiges Leben gibt. Es gibt ja zurzeit nicht mal ein falsches Leben im richtigen. Und also bemühen sich die Agenten gerade vor allem darum, dass Russen und Chinesen keine Impfstoff-Geheimnisse aus den britischen Laboratorien klauen. Schon aus ureigenem Interesse: Kommt Impfstoff, kommt irgendwann auch das richtige Leben zurück. Kommt das richtige Leben zurück, haben alle wieder Arbeit, natürlich auch die Spione und sogar James Bond. In Zeiten der Alu-Hüte wächst die Sehnsucht nach Schlapphüten. Wer hätte das gedacht?

rw

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