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Frischluft Trump, Corona – und die Aussicht auf einen goldenen Herbst

Als die heutige First Lady noch Melania Knauss hieß, hat stern-Kolumnist Michael Streck Donald Trump und sie mal im Trump Tower getroffen (Archivbild von 1999)
Als die heutige First Lady noch Melania Knauss hieß, hat stern-Kolumnist Michael Streck Donald Trump und sie mal im Trump Tower getroffen (Archivbild von 1999)
© John Barrett/CelebrityArchaeology.com / Picture Alliance
Unser Autor Michael Streck über einen seltsamen Besuch bei Familie Trump vor vielen Jahren und seine noch seltsamere Nebenrolle in einem sogenannten Enthüllungsbuch, das gar nichts enthüllte.

Nun, da die Tage kürzer werden und draußen das Virus durch den herbstlichen Nebel stiebt und wirklich jeder und jede darauf hinweist, dass die kommenden vier Monate lang werden (nämlich genau vier Monate lang), nun also suchen wir Menschen Trost in den kleinen und den großen Dingen. Ein Lichtblick etwa, wenngleich ein kleiner, dass Christian Lindner lediglich als Vorsteher einer Reclam-Partei an der unteren Grenze der Wahrnehmungsschwelle amtiert. Ein weiterer Lichtblick, etwas voluminöser schon, dass den Corona-Leugnern in dieser ungemütlichen Witterung die Alu-Hüte vom Kopf fliegen und sie nicht mehr die Straßen verstopfen mit Schweden- und Reichskriegsflaggen und fortan zu Hause quer oder auch gar nicht denken. So hangelt man sich mit kleinen Freuden durch den herbstlichen Alltag.

Die größte Linderung in dieser Zeit verheißt nun hoffentlich die Wahl in den USA. Mit dem potentiellen Ende von Donald Trump als Präsident könnte dieses verflixte Jahr 2020 auf den letzten Metern noch irgendwie die Kurve kriegen, zumindest ein paar Tage Balsam für Gemüt, man wird ja genügsam und bescheiden. Die Aussicht also darauf, dass er sich mit seiner Kleinfamilie zurückziehen muss in den goldenen Käfig seines Trump Tower und in jenes zweigeschossige Appartement hoch über New York City, das der ultimative Beweis dafür ist, dass chronische Geschmacklosigkeit lange vor Corona grassierte. Wie ich vor Jahren einmal selbst erleben durfte, diese Episode aber erfolgreich verdrängt hatte – bis mich vor einigen Monaten eine Mail einer Kollegin der "Washington Post" erreichte. Darin die Bitte, ob sie mich für ein Buch über Melania Trump interviewen dürfe, sie sei bei ihren Recherchen im Archiv auf meinen Hausbesuch bei den Trumps gestoßen. Ich antwortete freundlich, dass ich vermutlich wenig Erhellendes zu ihrem Projekt beitragen könne, aber falls sie dennoch reden wolle, bitte. 

Sie wollte. Das heißt, nicht ganz, aber fast. Zwei Wochen später meldete sich eine junge Dame, die sich als Assistentin der berühmten Reporterin zu erkennen gab und mir ein paar Fragen stellen wollte. Ich wunderte mich ein wenig darüber, dass amerikanische Reporterinnen und Reporter offenbar Assistentinnen oder Assistenten haben, die deren Arbeit und Recherche erledigen. Das ist natürlich sehr komfortabel, und so was kannte ich bislang nur vom Fernsehen. Nach der ersten Verblüffung erzählte ich von diesem Treffen vor vielen Jahren, 66 Stockwerke über Manhattan. 

Es war nämlich so, dass Trump dem Fotografen und mir nach einem Interview gern auch sein Reich präsentieren wollte und außerdem seine Lebensgefährtin, eine Dame aus Slowenien. Wir traten abends ein, er führte uns durch die Räumlichkeiten, Gelsenkirchener Barock aus Gold. "Alles echt", sprach er und klopfte auf allerlei Geländer und Stühle und Lampen und Armaturen, tatsächlich alles Gold, was glänzte. Sodann deutete er auf ein anderes Goldstück. Die künftige First Lady kam die Treppe heruntergeschwebt, der künftige Präsident nannte sie "Honey". Sie war ungefähr auf der Hälfte angekommen, als er rief "Honey, dreh dich mal um". Honey drehte sich wie geheißen, präsentierte uns den freien Rücken eines knappen Abendkleides und darüber hinaus sehr lange Beine, die fast bis zum Erdgeschoss reichten. Er fragte "Und? Ist sie nicht perfekt?". Ich schaute aus dem Fenster über Manhattan, das Ganze hatte etwas von Viehversteigerung im Oldenburger Land. Dem Fotografen und mir war das immens peinlich, aber Melania offenbar ganz und gar nicht. Sie schien das öfter für Gäste zu machen.

Trump mochte die Deutschen damals noch

Eben diese merkwürdige Begebenheit schilderte ich der Assistentin der berühmten Reporterin. Die junge Frau erkundigte sich noch, in welcher Sprache wir kommuniziert hätten, und ich antwortete wahrheitsgemäß, dass mein Slowenisch blöderweise etwas eingerostet sei und wir schon deshalb und selbstverständlich englisch gesprochen hätten, falls wir überhaupt gesprochen hätten, denn meiner vagen Erinnerung zufolge sprach damals wie heute eigentlich nur einer: Trump. 

Trump sprach unentwegt. Er sprach von seinen deutschen Vorfahren, denn seinerzeit mochte Trump die Deutschen ganz gern und mochte vor allem deren Hygiene-Konzept, "Ihr Deutschen seid sauber". Er mochte aber vor allem die deutschen Frauen, Merkel war noch Kohls Mädel und nicht Mutti, aber Claudia Schiffer lebte in New York. Die mochte er natürlich auch. Er sagte wiederholt, er bevorzuge Europäerinnen, Melania sei ja auch eine und beherrsche außerdem vier Sprachen, welche wusste er nicht genau, irgendwas Europäisches. Nach 45 Minuten Ewigkeit verließen wir den goldenen Käfig. Rein intellektuell gehört dieser Besuch gewiss nicht zu den Höhepunkten meiner beruflichen Laufbahn. 

Melanies drollige Einlassungen über die Manneskraft

Im vergangenen Spätsommer erschien das Buch der Kollegin über Melania Trump. Es wurde mit großem Tam-Tam als "Tell-all-book" angepriesen, ging aber unter in einem Ozean aus anderen "Tell-all"-Büchern über Melanias Gatten. Die Geschichte von der Viehversteigerung auf der Treppe steht drin in ihrem Buch, vor allem aber fokussierten sich die Zeitungen bei den Rezensionen auf Melanias drollige Einlassungen, wonach die kleinen Hände des Gemahls keinerlei Rückschlüsse auf Größe und Funktionalität seines Gemächts zuließen. "He is a real man", wird sie zitiert. Womit auch das geklärt und zugleich alles gesagt wäre über das Buch der berühmten Reporterin.  

Ich hätte das blasse Werk längst wieder vergessen, wenn nicht jetzt Wahlen wären und nach den Wahlen vermutlich noch ganz viele so genannte "Tell-all"-Books erscheinen dürften von all denen, die sich nach vier furchtbaren Jahren endlich trauen. Vorausgesetzt natürlich, dass Trump von der Wählerschaft aus dem Weißen Haus getrieben wird und zurück ins Blattgold-Reich von Manhattan, wo ihn allerdings auch niemand mehr haben will. 

Vermutlich gehen sie nach Florida ins Exil. Sollen sie. Alles geschenkt. Solange sie bloß raus müssen aus dem Weißen Haus. Überall, wirklich überall, selbst im trüben Deutschland ginge dann die Sonne auf – und es könnte trotz Corona noch ein goldener Herbst werden.


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