Milchstreik "Bauern Europas vereinigt Euch"

Seit über einer Woche streiken die deutschen Milchbauern gegen niedrige Preise. Doch: Machen Sie dabei alles richtig? Ja, sagt Frankreichs Streik-Koriphäe José Bové im stern.de-Interview, und meint, auch Frankreichs Bauern sollten sich dem Boykott anschließen.

Herr Bové, seit vergangenen Dienstag sind die Milchbauern in Deutschland in den Ausstand getreten. Wie machen sich die Deutschen so, können sie mit den streikgeübten Franzosen mithalten?

Auf jeden Fall. Wir Franzosen können sogar noch was lernen von deutschen und österreichischen Milchbauern.

Das heißt, die Aktionen sind spektakulär genug?

Ja. Es ist schon ein großes Opfer, seine Milch wegzuschütten anstatt sie zu verkaufen. Die Milchindustrie gerät stark unter Druck und ich hoffe, sie geben letzten Endes nach.

Was könnten die deutschen Bauern noch tun?

Die Bauern sollten sich mit Verbraucherorganisationen zusammentun: So könnten sie gemeinsam Druck auf andere Konsumenten ausüben und diese überzeugen, Milchprodukte zu boykottieren.

Unter anderem Österreichs und Hollands Landwirte unterstützen die deutschen Bauern schon. Was ist mit Frankreichs Bauern?

Leider haben sich die französischen Milchbauern bisher noch nicht den deutschen angeschlossen. Soweit ich weiß, wird das diskutiert. Konkrete Ergebnisse gab es bisher jedoch nicht. Allerdings wäre es interessant, wenn sich die Bewegung auf noch mehr Länder ausweiten würde.

"Bauern Europas vereinigt Euch", meinen Sie?

Ja. Denn: Je mehr Länder sich an dem Streik beteiligen, desto mehr Macht haben die Landwirte gegenüber der Industrie. Und Beispiele wie Österreich zeigen, dass ein Zusammenschluss möglich wäre.

Gibt es generell Pläne eines europaweiten Zusammenschlusses des Bauern?

Ein solcher Zusammenschluss ist gerade im Aufbau: Er nennt sich Via Campesina Europa und die konstituierende Versammlung ist Ende Juni in Madrid.

Sind die Bauern mit ihrem Streik nicht zu egoistisch? Schließlich schaden sie doch so der Gesellschaft.

Nein. Die Hauptleidtragenden dieses Streiks sind die Bauern. Denn, wenn sie keine Milch liefern, haben sie auch kein Einkommen. Das ist eine sehr verantwortungsvolle Aktion, die auch Konsumenten verstehen können.

Wie weit sollten die Milchbauern gehen?

Wenn sie einmal mit dem Streik angefangen haben, sollten sie ihn auch bis zum Sieg durchziehen. Den Ausstand abzubrechen und später wieder anzufangen, ist ungleich schwerer.

Ist es für Streikende in Deutschland schwieriger, ihre Forderungen durchzusetzen? Schließlich ist der französische Staat sehr viel stärker zentralisiert - da weiß man eher, wo man ansetzen muss.

Der französische Staat ist zwar stark zentralisiert, die wirtschaftliche Macht jedoch auch. Letzten Endes ist der Grad der Zentralisierung nicht so relevant. Wenn man als Streikende gut organisiert ist, kann man überall seine Interessen durchsetzen.

Werden die deutschen Milchbauern erreichen, was sie verlangen?

Ich hoffe doch - Recht haben sie jedenfalls.

Interview: Lisa Louis

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