Milliarden-Betrüger Madoff Wo sind Madoffs Milliarden?


Sein Schneeballsystem hatte Bernard Madoff am Ende auf 65 Milliarden Dollar aufgebläht und viele Anleger um ihr Vermögen gebracht. Ein Staranwalt fahndet weltweit nach dem verschwundenen Geld.
Von Sebastian Bräuer, New York

Eigentlich ist David Marchant nie um einen Kommentar zum Thema Finanzbetrug verlegen. Der Journalist ist eine kleine Legende, er sucht ausschließlich nach verschwundenen Reichtümern. Doch beim Fall Madoff ist auch Marchant - Spitzname "Offshore Pit Bull"- ziemlich ratlos: "Niemand weiß, wo das Geld ist." Einer der größten Finanzskandale der Geschichte ist weiterhin voller Rätsel. Mit einem Schneeballsystem hatte der Investor Bernard Madoff seine Anleger um ihr Vermögen betrogen. Der Schaden: unvorstellbare 65 Milliarden Dollar. Dafür hat ein New Yorker Gericht Madoff im Juni zu 150 Jahren Haft verurteilt. Sein Stellvertreter, Frank DiPascali, ist am Dienstag für schuldig befunden worden. Wo zum Teufel aber stecken die Milliarden? Geld verschwindet bekanntlich nicht. Jemand anderes muss es haben.

Diese Frage stellt sich Irving Picard täglich. Der Staranwalt von Baker Hostetler arbeitet den größten Betrug der Finanzgeschichte auf und jagt auf der ganzen Welt dem verschwundenen Geld nach: 13.705 Anleger haben bisher Schadensersatz beantragt - sie alle setzen darauf, dass Picard wenigstens einen Teil ihres Geldes auftreibt.

Suche nach den Profiteuren

Es ist verdammt schwierig. Rund 1 Milliarde Dollar hatte Picard bereits nach wenigen Wochen sichergestellt, seitdem sind nur 300 Millionen Dollar dazugekommen. Viele Partnerfonds von Madoff hätten Scheingewinne an Investoren weitergegeben, sagt John Coffee, Juraprofessor an der Columbia Law School. "Wenn die Gelder in den Händen von Dritten sind, entziehen sie sich dem Zugriff von Picard."

Es gibt bisher keine Hinweise, dass Madoff die Reichtümer außer Landes geschafft hat, um sich ein Leben in Saus und Braus zu finanzieren. "Er wollte ja, dass sein Schneeballsystem weiterläuft", sagt Coffee. "Also hat er Gewinne sofort wieder investiert." Dennoch gibt es Profiteure. Picard nimmt jeden unter die Lupe, der in den letzten Jahren geschäftlich mit Madoff zu tun hatte: private Investoren, Hedge-Fonds, Banken. Häufig führen die Spuren in die Karibik. Der Hedge-Fonds Harley International, der von den Kaimaninseln aus operierte, soll 1,1 Milliarde Dollar an Scheingewinnen abgezogen haben - das meiste davon in den zwei Jahren, bevor Madoffs Imperium zusammenbrach. Der New Yorker Richter Louis Stanton zerrte den Fonds vor Gericht.

In der Klageschrift heißt es, Harley habe von 1996 bis 2008 Jahreserträge von 13,5 Prozent von Madoff bekommen. Die ungewöhnlich hohen Ausschüttungen und die mangelnde Transparenz hätten ein erfahrenes Investmentunternehmen veranlassen müssen, die Legitimität von Madoffs Treiben zu hinterfragen, argumentiert Picard. Das Problem: Inzwischen ist Harley selbst pleite und wird liquidiert, der Treuhänder muss sich bei den anderen Gläubigern einreihen.

Dubiose Karibik-Fonds

Um das juristische Gezerre unter Palmen stemmen zu können, hat Picard Unterstützung vor Ort engagiert: den Anwalt Raymond Davern von der Kanzlei Higgs & Johnson. Seine Ernennung spricht dafür, dass Stanton auf den Kaimaninseln noch mehr Madoff-Gewinne vermutet. Mehr als 10.000 Hedge-Fonds sind in dem Offshore-Paradies registriert, das so viele Einwohner hat wie Lüchow-Dannenberg.

Dazu kommen Vertretungen von Großbanken. Aber die Anwälte äußern sich nicht, ob Madoff in der Inselhauptstadt George Town Spuren hinterlassen hat: Davern ist am Telefon kurz angebunden, verweist bei der Frage, was er genau mache, auf Picard. Der verweigert jeden Kommentar. Er beteilige sich nicht an Spekulationen und äußere sich aus Prinzip nicht zu laufenden Verfahren, lässt er einen Sprecher seiner Kanzlei ausrichten.

Bei Anlegern sorgt diese Verschwiegenheit für Unruhe, bei Juristen bekommt er Verständnis: "Er ist kein Eliot Spitzer, der viel von sich reden macht, aber wenig erreicht", sagt Peter Henning, Ex-Ermittler im Justizministerium. Spitzer ist als Generalstaatsanwalt in New York als rhetorischer Scharfrichter des Finanzsektors bekannt geworden, dann stolperte er über Kontakte zu einer Prostituierten, jetzt arbeitet er mit großem medialem Getöse an einem Comeback.

Der Treuhänder Picard setzt dagegen still und leise seine internationale Klageserie fort. Vizcaya Partners, beheimatet auf den Jungferninseln, soll 150 Millionen Dollar herausrücken. Bei den Hedge-Fonds von Kingate Management sowie der Bank of Bermuda vermutet Picard Scheingewinne von 257 Millionen Dollar. Weil sich die Auseinandersetzung mit der Bank schwierig gestaltet, beschäftigt der Treuhänder inzwischen auch auf den Bermudas einen Mitstreiter: Justin Williams von der Kanzlei Williams Barristers & Attorneys.

Ein schillernder Anwalt, der Kontakte in höchste Regierungskreise pflegt. Einmal machte der britische Ex-Premierminister Tony Blair Urlaub auf der Insel, er wurde dabei mit Sonnenbrille auf der Neun-Meter-Jacht "Knot Guilty" von Williams fotografiert. Williams verweigerte anschließend die Auskunft, ob das Tête-à-Tête auf hoher See privater oder geschäftlicher Natur war.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sehr Anwalt Irving Picard selbst von seiner Jagd nach den Milliarden Dollar profitiert.

Opfer oder Täter?

Die Nachforschungen in der Karibik sind auffällig. Doch die größten Einzelbeträge, denen Picard hinterherjagt, befinden sich nicht auf Inseln mit zweifelhaftem Ruf, sondern in den USA. Als größter Madoff-Profiteur, der weit mehr abgesahnt haben soll als der Schwindler selbst, gilt Jeffrey Picower. Zunächst sah der Philanthrop und Geschäftsmann aus Palm Beach wie ein Opfer aus. Aber eine Woche nach Madoffs Verhaftung musste die Picower Foundation schließen, die Einrichtungen wie die New York Public Library oder den Children's Health Fund unterstützt hatte.

Picard sieht den Investor nicht als Opfer. Denn Picower habe von 1995 bis 2008 über 6,7 Milliarden Dollar mehr eingenommen als eingezahlt, heißt es in der Klageschrift. Es sei das Geld anderer Anleger, die auf Madoffs Schneeballsystem hereingefallen seien. Picower hätte zumindest ahnen müssen, dass er von einem Betrug profitiert, sagt Picard. Schließlich waren die Jahresrenditen astronomisch: Einmal sollen es 500 Prozent gewesen sein, einmal gar 950 Prozent.

Auf der Liste von Privatpersonen, die unter Verdacht stehen, von Madoff profitiert zu haben, steht auch Stanley Chais. Der ehemalige Vermögensverwalter aus Beverly Hills, inzwischen 82 Jahre alt, betrieb einen der vielen Partnerfonds, die Madoff das Geld von Investoren zuführten. Nun fordert Picard von ihm 1,1 Milliarde Dollar zurück. In anderen Fällen ist der Treuhänder schon weiter: Santander, die größte Bank Spaniens, vermied durch eine Vergleichszahlung von 235 Millionen Dollar ein Verfahren. Sie ist nicht die einzige europäische Bank, die ins Visier Picards geraten ist: Die britische HSBC soll 578 Millionen Dollar zurückzahlen. Sie soll den Betrag im Auftrag eines Hedge-Fonds weniger als 90 Tage vor dem Auffliegen des Schneeballsystems abgezogen haben.

Ein lohnendes Unterfangen

Einen beträchtlichen Teil des verschwundenen Madoff-Geldes vermutet Picard in unmittelbarer Nachbarschaft: Die Fairfield Greenwich Group logierte in der New Yorker Prachtstraße Third Avenue nur wenige Minuten von Madoffs Büro entfernt. Die Fondsmanager versuchten ebenfalls nach Kräften, sich als Opfer darzustellen. Fast die Hälfte ihrer Vermögenswerte, rund 6,9 Milliarden Dollar, hätten sie Madoff anvertraut. Picard glaubt nicht, dass Fairfield ausschließlich abgezockt wurde, im Gegenteil: Er verlangt 3,5 Milliarden Dollar zurück.

Weitere Klagen dazugerechnet, addieren sich die Forderungen auf rund 13,7 Milliarden Dollar. Doch Picard wird dieses Geld nicht in voller Höhe bekommen. "Einige der Klagen werden zumindest mit Vergleichszahlungen enden", prognostiziert Juraprofessor Coffee. Dafür wird der Treuhänder von seinen Maximalforderungen abweichen müssen. Eigentlich müsste Milliardenjäger Picard als Held gefeiert werden, der gegen Finanzbetrüger zu Felde zieht. Doch es gibt auch Unmut. Die einen beschweren sich, dass die Opferentschädigungen nicht schnell genug fließen. Ein paar Anleger haben Picard deswegen sogar schon verklagt. Andere monieren, dass er zu weit geht, dass er mit seinen Klagen auch Unschuldige trifft.

"Der verklagt jetzt jeden mit dem Nachnamen Madoff in den USA", entrüstete sich etwa Fox-Reporter Adam Shapiro, nachdem Picard Madoffs Ehefrau angeklagt hatte. Manch einer wirft dem Treuhänder vor, Eigeninteressen zu verfolgen. "Picard ist äußerst aggressiv", sagt Ex-Ermittler Henning. "Das ist verständlich, denn er verdient daran."

Die Vergütung von Picard, der mit seinen 68 Jahren längst im Ruhestand sein könnte, ist extrem erfolgsabhängig. Bis zu drei Prozent des sichergestellten Geldes bleiben beim Treuhänder, so sieht es das US-Insolvenzrecht vor. Das letzte Wort hat zwar der New Yorker Richter Louis Stanton, der einer astronomischen Ausschüttung den Riegel vorschieben könnte - aber die Debatte ist bereits voll entbrannt.

Keine Gnade für niemanden

Die Gesamtsumme aller Anlagen, die bei Madoffs Verhaftung in den Büchern standen, beträgt 65 Milliarden Dollar. Da die Abrechnungen reine Fantasiegebilde waren, dürfte die wahre Verlustsumme deutlich geringer sein, schätzungsweise 20 Milliarden Dollar. "Picard könnte es als Erfolg feiern, davon zehn Prozent sicherzustellen", sagt Henning. Selbst dann könnte Picard am Ende mit 60 Millionen Dollar entlohnt werden. Bei 10.000 Arbeitsstunden wäre das ein Stundenlohn von 6000 Dollar, rechnet der Jurist Lawrence Velvel in seinem Blog vor. Falls Picard 10 Milliarden Dollar auftreiben sollte, könnte er sogar 300 Millionen Dollar verdienen. "Die Vergütung ist irre", schreibt Velvel.

Wie gnadenlos der Milliardenjäger Picard vorgeht, musste Craig Kugel erfahren. Kurz vor seiner Verhaftung im Dezember wies Madoff seinen Personalreferenten an, ihm einen Mercedes S 500 zu besorgen, Kaufpreis 90.000 Dollar. Kugel musste den Leasingvertrag auf seinen eigenen Namen abschließen, weil Madoff seine finanziellen Informationen nicht angeben wollte. Jetzt sitzt Kugel auf den Schulden. Picard kaufte ihm die Geschichte nicht ab. Oder: Ihm war nicht nach einem Gnadenakt zumute.

FTD

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