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Milliarden-Betrug: Texas-Milliardär zockt Kleinanleger ab

Milliarden-Schwindel, High Society und Karibik - der spektakuläre Betrugsfall des texanischen Milliardärs Robert Allen Stanford hat das Zeug zum Hollywood-Thriller. Er lockte Kleinanleger mit hohen Zinsen. Nun sind acht Milliarden Dollar futsch - und in Südamerika wackeln die Banken.

Nur zwei Monate nach dem Madoff-Skandal wird Amerika vom nächsten Mega-Betrugsfall erschüttert. Die Schockwellen haben bereits über das Urlaubs- und Steuerparadies Antigua hinaus weite Teile Lateinamerikas erfasst. Tausende Anleger bangen um ihr Geld. In Europa schrillen erste Alarmglocken. Hauptfigur und Epizentrum des Skandals: Der US-Multimilliardär Robert Allen Stanford.

Acht Milliarden Dollar Schaden

Tagelang war der sonst so gar nicht öffentlichkeitsscheue Lebemann Stanford wie vom Erdboden verschluckt, obwohl ihn auch die US-Presse jagte. Die Bundespolizei FBI spürte den 58-Jährigen schließlich am Donnerstag im Städtchen Fredericksburg (Virginia) gut 80 Kilometer südlich von Washington auf. Die Beamten warteten laut US-Medien bei Verwandten von Stanford, als er mit seiner Freundin im Auto vorfuhr. Sie übergaben die Zivilklage der Börsenaufsicht SEC: "Massiver Betrug" mit acht Milliarden Dollar (6,3 Mrd Euro) Schaden, so der Vorwurf.

Zum Erstaunen der Öffentlichkeit zog das FBI jedoch ab, ohne den über 100 Kiloschweren, hochgewachsenen Banker festzunehmen. Es gebe noch keine strafrechtliche Grundlage, hieß es. Dabei ist in den USA die Empörung darüber noch nicht verhallt, dass der mutmaßliche Top-Betrüger Bernard Madoff nach wie vor statt in U-Haft in seinem New Yorker Nobel-Appartement sitzt. Und das obwohl er selbst den Schaden seines Schneeball-Systems auf 50 Milliarden Dollar bezifferte.

SEC ignorierte Hinweise

Stanford versprach mit viel Chuzpe für vermeintlich sichere Festgeldanlagen ungewöhnliche Gewinne von bis zu zehn Prozent. "Harte Arbeit. Klare Vision. Wert für den Kunden", so das Firmenmotto. Doch vollmundig dargestellte Kontrollen gab es nicht. Das Geld floss in riskante Immobilien und Beteiligungen. Und wohl auch zu Madoff: Der noch größere Finanzhai soll den kleineren Fisch Stanford um 400.000 Dollar geprellt haben. Bei Madoff räumte die SEC bereits jahrelange Versäumnisse ein, auch bei Stanford gab es offenbar früh Hinweise.

Zwischen mehreren Wohnsitzen in der Karibik und Texas spannte der schillernde Stanford ein Netz enger Beziehungen zu Politik und Sport. Am liebsten posierte der stets strahlende Schnauzbart mit Sportpromis vor Kameras. Der leidenschaftliche Cricket-Fan sponserte Wettbewerbe, steckte Politikern Spenden zu und soll womöglich gar für Mexikos Drogenmafia Geldwäsche betrieben haben. Das US-Magazin Forbes schätzte sein Privatvermögen 2008 auf 2,2 Milliarden Dollar.

Ritterschlag in der zweiten Heimat

Das zum britischen Commonwealth gehörende Antigua machte Stanford zu einem seiner Hauptstützpunkte. Sein Name ist von Bankfilialen bis zu Stadien überall auf der Insel zu sehen. Stanford hat neben der US-Staatsbürgerschaft auch die Antiguas. Der Doppelstaat Antigua-Barbuda schlug ihn gar zum Ritter als Sir Allen Stanford. Aber die Liebe der Inselbewohner erkaltete schnell, als die Nachricht vom Betrugsskandal aus den USA herüberschwappte. US-Ermittler hatten am Dienstag die Zentrale des Stanford-Finanzimperiums im texanischen Houston durchsucht. Prompt stürmten die Sparer auf Antigua die Bank und wollten ihr Geld zurück. Der lokale Bankenverband warnte vor einer Gefährdung des gesamten Finanzsystems des kleinen Staates.

Ganz ähnlich die Bilder in vielen lateinamerikanischen Ländern mit Töchtern der weit gefächerten Stanford Financial Group: Venezuela übernahm die Kontrolle der Bank, Mexiko begann Untersuchungen. In Kolumbien, Ecuador und Peru mussten mit Stanford verbunden Banken ihr Geschäft einschränken oder ganz einstellen. Überall bildeten sich lange Schlangen vor den Instituten.

Zweiter Vertrauensschock für US-Anleger

Weltweit soll die Stanford Group in 130 Ländern aktiv sein und 50 Milliarden Dollar verwalten. Großbritannien prüft schon Verbindungen nach Europa. Der frühere Schweizer Bundespräsident Adolf Ogi zog sich aus dem Beirat des Stanford-Imperiums zurück. Stanford selbst wollte laut Medien erst kürzlich noch einen Jet zum Flug von Houston nach Antigua chartern. Der Vermieter habe aber seine Kreditkarte nicht akzeptiert.

Für die USA ist Stanford nach Madoff der zweite ins Mark treffende Vertrauensschock binnen kurzer Zeit. US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sieht die Betrugsopfer gar als Metapher für Amerikas Kollektivschicksal in der Finanzkrise: "Eines Tages haben sie zu ihrem Entsetzen entdeckt, dass ihr angebliches Vermögen nur die Erfindung im Kopf eines anderen war", schrieb er in seiner Kolumne.

Roland Freund/DPA / DPA