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Streit um Wasser-Test: "Irreführung und Desinformation": Mineralwasser-Industrie greift Stiftung Warentest an

Nur jedes zweite Mineralwasser schnitt bei Stiftung Warentest gut ab, Leitungswasser kam dagegen besser weg. Nun kontert die Mineralwasser-Industrie mit einer eigenen wissenschaftlichen Untersuchung – und wirft den Warentestern schwere Fehler vor.

Mineralwasser oder Leitungswasser

Mineral- oder Leitungswasser? Der Mineralwasserverband kritisiert die Empfehlung der Stiftung Warentest

Getty Images

Ein kritischer Mineralwasser-Test der Stiftung Warentest aus dem vergangenen Jahr sorgt für aktuellen Ärger: 32 stille Mineralwässer hatten die Warentester im Juni 2019 untersucht – und nicht einmal jedes Zweite für "Gut" befunden. Die Hälfte der Wässer sei "mit Keimen oder nennenswert mit kritischen Stoffen belastet oder mit Spuren aus Landwirtschaft und Industrie verunreinigt", schrieben die Warentester damals (mehr dazu lesen Sie hier). Zudem wunderten sie sich über den geringen Gehalt an Mineralstoffen. Zeitgleich veröffentlichte Warentest einen Test von Leitungswasser, das unterm Strich als bessere Alternative empfohlen wurde (mehr dazu hier).

Nun schlägt die Mineralwasserbranche zurück: Der Verband deutscher Mineralbrunnen (VDM) hat eine eigene Untersuchung beim renommierten Fresenius-Institut in Auftrag gegeben, unterstützt von einem wissenschaftlichen Gutachten der Hochschule RheinMain. Damit will die Mineralwasserlobby beweisen, dass die Stiftung Warentest den "Verbraucher in die Irre führt und Desinformation billigend in Kauf nimmt", wie VDM-Chef Karl Tack der "Welt" sagte.

Warentest "täuscht Vergleichbarkeit vor"

Tatsächlich kritisiert das Gutachten, das in den jeweiligen Tests von stillem Mineral- und Leitungswasser unterschiedliche Prüfverfahren zum Einsatz gekommen seien. "Die Berichterstattung in Heft 7/2019 täuscht dem schnellen Leser eine Vergleichbarkeit vor, die in dieser Form nicht vorhanden ist", zitiert die "Welt" aus dem Gutachten von Bernhard Heidel, Professor für Marketingforschung und Statistik an der Hochschule RheinMain. So fehlte beim Leitungswasser eine ausführliche mikrobiologische Analyse möglicher Keimbelastungen sowie ein geschmacklicher Sensorik-Test. Der Geschmackstest macht beim Mineralwasser die Hälfte der Note aus, beim Leitungswasser spielte er keine Rolle.

Zudem hält Wissenschaftler Heidel die Stichproben nicht für repräsentativ. Ein großes Problem sieht er darin, dass Warentest beim Leitungswasser nicht das Problem der sogenannten letzten Meile berücksichtige. Das bedeutet, dass die Leitungswasser-Qualität von Haus zu Haus schwanken kann, je nachdem wie gut der Zustand der jeweiligen Rohre und Armaturen ist. Die Fresenius-Untersuchung ergab laut VDM, dass die Keimbelastung von Leitungswasser in Privathaushalten im Schnitt höher sei als die von Mineralwässern, wobei auch hier lediglich 33 Haushalte untersucht wurden.

Das sagt Stiftung Warentest

Die Stiftung Warentest weist die Kritik an fehlender Objektivität ihrer Tests zurück. Dass die Testkriterien unterschiedlich seien, begründet Studienleiter Holger Brackemann gegenüber dem stern mit den Besonderheiten der jeweiligen Produkte. Beim Leitungswasser sei es darum gegangen, die Qualität der Wasserversorger zu testen, unabhängig von individuellen Unterschieden, die durch Hausleitungen oder verunreinigte Wasserhähne im einzelnen Haushalt entstehen können.

Daher habe man die Proben in öffentlichen Gebäuden genommen, in der Regel im jeweiligen Rathaus. Dafür seien die Tester sogar gezielt in Risikogebiete mit beispielsweise hohen Nitratwerten im Grundwasser gegangen. Die Methoden beider Wasser-Tests seien transparent dargestellt worden, sagt Brackemann. Er gibt aber auch selbstkritisch zu: "Grundsätzlich wird Leitungswasser durch die letzte Meile beeinflusst. Diesen Punkt hätten wir vielleicht deutlicher herausstellen können." Bekannt ist beispielsweise, dass das Leitungswasser aus Hähnen in Privathaushalten nach einem gewissen Vorlauf besser wird, weil dann das schon in der Leitung stehende Wasser herausgespült wurde.