N24-Chef Rossmann "Die ARD will Fakten schaffen"


Die Öffentlich-Rechtlichen wollen digitale Nachrichtenkanäle schaffen, die Privaten wehren sich. Im stern.de-Interview sagt Torsten Rossmann, Chef von N24, wie er den TV-Nachrichtenmarkt sieht - und warum er den ARD-Vorsitzenden für polemisch hält.

Herr Rossmann, quält Sie der Gedanke an einen neuen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal?

Ich halte einen solchen Kanal für nicht rechtmäßig. Die Europäische Union besteht darauf, dass zusätzliche öffentlich rechtliche Kanäle oder Programmerweiterungen erstmal auf Ihren Nutzen für die Öffentlichkeit geprüft werden müssten, bevor sie auf Sendung gehen können. Das News-Segment in Deutschland ist schon stark besetzt - mit N24, N-TV, Euro News, Bloomberg, CNN, BBC world news und natürlich auch Phoenix. Es gibt also nach meinem Dafürhalten keinen Grund, weitere öffentlich-rechtlichen News-Kanäle zu platzieren. Damit wäre keinem gedient. Weder dem Gebührenzahler noch dem Zuschauer.

Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff argumentiert, ein solcher Kanal sei durchaus rechtmäßig - das sei vom Grundauftrag der Öffentlich-Rechtlichen gedeckt. Bahnt sich ein Rechtsstreit an?

Das werden wir sehen. Wir werden mit der EU und den Ländern darüber sprechen müssen. Aber eins ist klar: Die Umrüstung von einem Kanal wie Eins Extra zu einen 24-Stunden-Nachrichtenkanal verändert dessen Programmgrundlage und würde einen Mehraufwand an Gebühren nach sich ziehen. Das ist nicht hinzunehmen. Die ARD versucht, diese Debatte zu umgehen und Fakten zu schaffen, bevor die notwendigen Prüfungen erfolgt sind.

Fritz Raff hat weiter gesagt, N24 und N-TV würden den Anteil an Nachrichten ohnehin zurückfahren - zugunsten von Dokus über beliebige Themen. Wie mager ist ihr Informationsangebot?

Das ist die übliche Polemik, die wir von der ARD gewohnt sind. Kurz nachdem ich als Senderchef angetreten bin, haben wir die Programmplätze für Dokumentationen reduziert. Im Augenblick senden wir zwischen 6 und 24 Uhr zu 40 Prozent aktuelle Informationen. Dokumentationen, Reportagen und Magazine gehören zu einem Nachrichten- und Informationssender dazu. Im Übrigen, wenn Sie sich Phoenix anschauen, dass sich bei seiner Gründung auf Parlamentsdirektübertragungen, Gesprächsrunden und Dokumentationen konzentrieren sollte, werden Sie feststellen, dass Phoenix reichlich Reportagen und Dokumentationen aus den Programmbeständen von ARD und ZDF sendet.

Hätten Sie gegen einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal überhaupt eine Chance?

Ich habe keine Sorgen um N24. Aber: Der Wettbewerb würde verzerrt, wir würden mit ungleichen Voraussetzungen kämpfen - wir müssen uns am Markt finanzieren, auf der anderen Seite wären Anbieter, die sich einfach aus dem Gebührentopf bedienen könnten. Der Druck würde größer werden und vermutlich zu Verdrängungen führen.

Die Prosieben-Sat.1-Gruppe, zu der auch N24 gehört, wurde vor kurzem heftig kritisiert, weil sie die Magazine "Sat.1 am Mittag" und "Sat.1 am Abend" abgeschaltet hat. Das Argument der Geschäftsführung war, dass sich mit diesen Programmen nicht genug Geld verdienen ließe. Können Informations- und Nachrichtenprogramme bei hohem Renditedruck überhaupt überleben?

Es ist schwierig, Nachrichten zu refinanzieren, aber sie gehören zu einem Vollprogramm dazu. Wie liefern sie für alle Sender der Gruppe. Informationsmagazine wie zum Beispiel "Taff" oder "Akte" können durchaus sehr erfolgreich laufen, auch wirtschaftlich.

Interview: Lutz Kinkel

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker