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Nach der Insolvenz: Was von Arcandor übrig bleibt

Weil die Bundesregierung keine Staatshilfen gewähren will, hat der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor Insolvenz angemeldet. Auch jahrelanges Missmanagement hatte den Konzern in die Krise gestürzt. Jetzt droht die Zerschlagung. Für die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens könnte das sogar die beste Lösung sein.

Von Marcus Gatzke

Er steht auf einer einfachen Baumarktleiter, ohne Krawatte und Jacket. "Wir kämpfen bis zur letzten Minute", ruft Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick den Beschäftigten am Montag vor der Konzernzentrale in Essen durch ein Megafon zu. Stürmischer Applaus der Protestierenden, die Transparente ("Wir sind ein Stück Deutschland", "Es geht um 56.000 Arbeitsplätze") werden in die Höhe gestreckt.

Der Kampf hat nichts gebracht: Am Dienstag hat das Unternehmen einen Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt. Bund und Länder hatten sich zuvor geweigert, dem Unternehmen mit Bürgschaften und Krediten unter die Arme zu greifen. Der Insolvenzverwalter Horst Piepenburg hat nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" seine Arbeit bei Arcandor bereits aufgenommen. Er soll dem Konzern in den kommenden Wochen beratend zur Seite stehen.

Der schwächelnde Einzelhandel, der seit Jahren von einer Krise in die nächste taumelt, und jahrelanges Missmanagement haben den Konzern in eine Existenz bedrohende Schieflage gebracht. Arcandor sitzt auf einem Schuldenberg in Höhe von derzeit rund 2,6 Milliarden Euro, der bereits 2005 und 2008 Rettungsaktionen der Großaktionärin Madeleine Schickedanz und später des Bankhauses Sal. Oppenheim nötig machte. Analysten weisen dabei schon seit längerem auf ein grundlegendes Problem von Arcandor hin: Es fehlt ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Aber was passiert mit einem Großkonzern, wenn er Insolvenz anmeldet? Auch wenn die Mieten für die Karstadt-Häuser im Juni bereits nicht mehr gezahlt worden sind: Das Unternehmen ist keineswegs ein Ramschladen, der einfach dicht gemacht wird.

Die Insolvenz kann auch einen Neuanfang bedeuten - wenn vermutlich auch nicht mehr unter dem Namen Arcandor. Selbst wenn dem Konzern die Zerschlagung droht, haben die einzelnen Teile des Unternehmens gute Chancen, überleben zu können. Allein dass es genug Kauf-Interessenten gibt, ist schon ein Zeichen, dass das Unternehmen oder besser gesagt: dessen Bestandteile so schlecht nicht sein können.

Hier lesen Sie, welche Chancen die einzelnen Unternehmensteile haben und wie ihre Zukunft aussehen könnte. Zudem erklären wir, wie ein Insolvenzverfahren in Deutschland in der Regel gestaltet wird.

Thomas Cook

Die Arcandor-Touristiksparte Thomas Cook ist mittlerweile der einzige verlässliche Gewinnbringer des Unternehmens und steuert 57 Prozent des gesamten Umsatzes bei. Ex-Konzernchef Thomas Middelhoff baute die Touristik durch die Fusion der Thomas Cook AG mit dem drittgrößten europäischen Reiseanbieter MyTravel zum größten Geschäftsbereich aus. Thomas Cook beschäftigte Ende 2008 knapp 29.000 Mitarbeiter. Zu dem Reiseveranstalter zählen Marken wie "Neckermann Reisen", "Bucher Last Minute", "Condor" oder "Sunset Holidays".

Das Unternehmen bleibt bei der Insolvenz erst einmal außen vor. Arcandor hält auch nur knapp 53 Prozent an Thomas Cook und zudem wurden die Anteile bereits bei den Banken als Pfand für Kredite hinterlegt. Eine Kauf-Interessenten für Thomas Cook gibt es aber bereits. Die Kölner Rewe-Gruppe, zu denen Touristikmarken wie Dertour, ITS und Tjaereborg gehören, will expandieren. Denkbar ist auch, dass die Gläubigerbanken die Anteile über die Börse verkaufen.

Primondo

Die Versandsparte Primondo trägt gut 20 Prozent zum Konzernumsatz bei. Zu ihr zählen die Traditionsmarke Quelle und Spezialversender wie "Bogner Homeshopping", "mirabeau", "Hess Natur" und "Baby-Walz" sowie seit einiger Zeit der Fernseh-Shopping-Kanal HSE 24. Lange ein Sorgenkind sieht das Management Primondo nach dessen Umstrukturierung inzwischen auf einem guten Weg.

Denn Spezialversender sowie der Verlustbringer Neckermann wurden abgestoßen, tausende Stellen gestrichen. Ende 2008 zählte Primondo annähernd 16.000 Beschäftigte. Experten geben der Sparte gute Chancen, nach einer Insolvenz eigenständig weiterbestehen zu können.

Karstadt

Rudolph Karstadt gründete 1881 sein erstes Warenhaus in Wismar. Derzeit besitzt Arcandor 91 Karstadt-Filialen und 27 Sport-Häuser. Die Sparte steuert rund 21 Prozent des gesamten Umsatzes bei - im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 4,2 Milliarden Euro. Die Sparte schreibt aber seit längerem Verluste. Zum Jahresende zählte Karstadt fast 24.000 Beschäftigte.

Bereits unter dem einstigen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wurde der Unternehmensteil komplett umgebaut. Der durchschlagende Erfolg ist jedoch ausgeblieben. Middelhoff verkaufte 75 kleinere Warenhäuser im September 2004 an einen Finanzinvestor. Ein Jahr später folgten die Warenhausimmobilien. Beides zusammen spülte rund 1,8 Milliarden Euro in die Kassen. Das Geld war jedoch schnell aufgebraucht, wohl auch deshalb, weil das Unternehmen gezwungen ist, deutlich überhöhte Mieten an den neuen Eigentümer zu zahlen. Jährlich überweist Arcandor rund 350 Millionen Euro. Zudem können unrentable Standorte nur schwer geschlossen werden. Die Mietverträge laufen über Jahrzehnte.

Aber auch für diesen Unternehmensteil gibt es Interessenten: Allen voran die Metro AG, die mit der Galeria Kaufhof selbst eine Warenhauskette bereibt. Im Gegensatz zu Arcandor ist Metro selbst Eigentümer der meisten Kaufhof-Standorte. Der Konzern will bei einer Übernahme von Karstadt mindestens 60 der 89 Filialen erhalten.

Für die restlichen 30 Häuser mit rund 4000 Mitarbeitern gibt es nach Ansicht von Metro Interesse von einer ganzen Reihe von Handelsketten. Ein massiver Stellenabbau wäre aber bei einer Fusion in keinem Fall zu vermeiden. Für die insgesamt 27 Sporthäuser interessiert sich dem Vernehmen nach der Otto-Versand.

Was geschieht in einem Insolvenzverfahren?

Ein Insolvenzverfahren ist in ein Eröffnungs- und ein Hauptverfahren unterteilt. Nach dem Insolvenzantrag wird geprüft, ob die Insolvenz begründet ist und genügend Vermögen existiert, damit die Einleitung des Hauptverfahrens überhaupt rentabel ist. Für die Dauer des Eröffnungsverfahrens - in der Regel drei Monate - wird ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt. Mit der Einleitung des Hauptverfahrens wird dieser normalerweise zum Insolvenzverwalter. Er erhält damit größere Befugnisse, wie die endgültige Verfügungsgewalt über das Betriebsvermögen. Im Rahmen des Hauptverfahrens, das Jahre dauern kann, melden die Gläubiger ihre Forderungen an, die so weit wie möglich mit dem vorhandenen Vermögen befriedigt werden. Mit dem Hauptverfahren endet auch das Insolvenzgeld. Die Bundesagentur für Arbeit bezahlt es an die Mitarbeiter des Unternehmens als Ersatz für Löhne, die nicht mehr geleistet werden können. Es ist auf die drei Monate vor der Eröffnung des Hauptverfahrens begrenzt. Eine Sonderform ist die sogenannte Insolvenzen in Eigenregie, bei der die bisherige Geschäftsführung versucht, das Unternehmen zu retten. Dabei darf das Unternehmen weiter über sein Vermögen verfügen, allerdings unter Aufsicht eines Sachwalters, der die Interessen der Gläubiger vertritt.´

AP


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