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Nach Tod von Karl Albrecht: "Der Weg zu einem Gesamt-Aldi ist jetzt frei"

Aldi-Gründer Karl Albrecht ist gestorben. Wird das Unternehmen nach seinem Tod wiedervereinigt? Handelsexperte Thomas Roeb im Interview über die Zukunft von Aldi Nord und Süd.

Mit Karl Albrecht ist nun auch der zweite Aldi-Gründer gestorben. Eines der erfolgreichsten Unternehmen der deutschen Wirtschaftsgeschichte ist derzeit in zwei Hälften geteilt: Karl Albrecht leitete Aldi Süd, seinem Bruder Theo gehörte Aldi Nord. Nachdem nun beide Patriarchen verstorben sind, könnte ein neues Kapitel der Erfolgsgeschichte aufgeschlagen werden. Der stern sprach mit dem Handelsexperten Thomas Roeb über die mögliche Entwicklung des Discounters.

Professor Roeb, was bedeutet der Tod von Karl Albrecht für die Zukunft von Aldi?

Mit Karl Albrecht ist ein Symbol gestorben. Er ist ja als Mensch und als Persönlichkeit nie öffentlich in Erscheinung getreten. Was von ihm bleibt, ist das, wofür auch Aldi steht: Sein Name als Symbol für Effizienz und Sparsamkeit.

Welche historischen Gründe hatte die strikte Trennung des Unternehmens in Aldi Nord und Aldi Süd?

Ich glaube, dass Karl und Theo Albrecht zwei sehr unterschiedliche Charaktere waren. Die große Leistung ist: Als sie dies gemerkt haben, haben sie ihre Firma im Frieden aufgeteilt, bevor es zum Streit kommen konnte. Die Aufspaltung in zwei Gesellschaften hatte somit meiner Ansicht nach eher psychologische als ökonomische Gründe.

Unterscheiden sich Aldi Nord und Süd überhaupt wesentlich voneinander?

Ja, Aldi Süd, das Reich des jetzt verstorbenen Karl Albrechts, war und ist wirtschaftlich sehr viel erfolgreicher. Eine einzelne Filiale im Süden Deutschlands macht heute im Schnitt einen Umsatz von ca. 7,8 Millionen Euro, eine Filiale im Norden kommt mit ca. 4,5 Millionen auf deutlich weniger. Das ist schon ein gravierender Unterschied.

Warum war Karl am Ende so viel erfolgreicher als sein Bruder Theo?

Karl Albrecht begann ab Mitte der 80er Jahre an seinem Bruder vorbeizuziehen. Er hatte zunächst die geniale Idee, seine Läden auch auf der grünen Wiese aufzumachen. Sein Bruder Theo beschränkte sich dagegen noch lange ausschließlich auf die traditionellen Innenstadtlagen. Die neuen Standorte brachten Karl den Durchbruch. Mit diesen Geschäften erschloss sich Aldi Süd eine neue, wohlhabendere Kundschaft. Nämlich Kunden, die es sich leisten konnten, mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren.

Das waren Lehrer, Angestellte, die Mittelschicht eben, Kunden, die bereit waren, mehr Geld auszugeben. Diesen Kunden konnte Aldi jetzt nicht nur höherwertige Lebensmittel wie z. B. ab 1989 Räucherlachs anbieten. Aldi verkaufte auch Non-Food wie Haushaltsartikel und die berühmten Computer, um die sich die Kunden anfangs prügelten. Das war revolutionär. Die Umsätze schossen nach oben.

Theo Albrecht starb bereits vor zwei Jahren. Hat sich nach dem Tod von Karl nicht auch der Aldi Äquator überlebt, der die Republik in Süd und Nord aufteilt?

Ja, der Weg zu einem Gesamt-Aldi ist jetzt frei. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber langfristig ist die Wiedervereinigung der beiden Unternehmen durchaus eine Perspektive. Speziell im Einkauf kooperieren die beiden Gesellschaften bereits heute schon eng. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass diese Kooperation auch auf anderen Gebieten gesucht wird und auf diese Weise am Ende beide Unternehmen in der einen oder anderen Form zusammengeführt werden.

Was hätten die Kunden davon?

Im Norden würden sie von dem besseren Preis-Leistungsverhältnis und den attraktiveren Filialen profitieren. Selbst wenn sie während ihres Urlaubs im Ausland einkaufen gehen, hätten die Menschen noch etwas davon. Karl und Theo haben nämlich nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die ganze Welt unter sich aufgeteilt. Und im Ausland gilt das gleiche wie zuhause: Aldi Süd ist deutlich erfolgreicher, etwa in Großbritannien, in Österreich, aber auch in den USA oder in Australien. Bei Aldi Nord hingegen sieht es im Durchschnitt deutlich schlechter aus.

Aldi gilt als eines der verschwiegensten Unternehmen in Deutschland? Wird sich das nun nach dem Tod der beiden Brüder ändern?

Nein. Die Albrechts haben sich ihr Imperium aufgebaut, ohne allzu viel von sich preiszugeben. Warum sollten die Erben an diesem Erfolgsmodell etwas ändern?

Professor Thomas Roeb ist Handelsexperte an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und hat früher selber zwei Jahre für Aldi Süd gearbeitet. Er selber kauft schon seit er "denken kann" bei Aldi ein.

Interview: Silke Gronwald