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Neuer Vorstandschef: RWE beendet Machtvakuum

RWE-Chef Harry Roels wirft das Handtuch: Bereits Ende September macht der Niederländer den Spitzenposten bei Deutschlands zweitgrößtem Stromkonzern für seinen Nachfolger frei, den Stahlwerksbesitzer Jürgen Großmann.

Der Essener Energiekonzern RWE drückt bei dem seit mehr als einem halben Jahr angekündigten Chefwechsel aufs Tempo und holt den Stahl-Manager Jürgen Großmann bereits zum 1. Oktober. Ursprünglich sollte Großmann vom 1. November an zunächst als einfaches Vorstandsmitglied in den RWE-Vorstand eintreten, um dann nach dem Ausscheiden seines Vorgängers Harry Roels ab 1. Februar 2008 den Chefposten zu übernehmen. Roels habe den Aufsichtsrat die vorzeitige Beendigung seines noch bis zum 31. Januar 2008 laufenden Vertrages angeboten, um einen reibungslosen Führungswechsel zu ermöglichen, hieß es nach einer RWE-Aufsichtsratssitzung in Essen. Die Börse reagierte auf die Nachricht zunächst mit einem Plus für die RWE-Aktie.

Roels geht ohne Sonderzahlungen

Für den scheidenden RWE-Chef seien keine Extra-Leistungen oder Sonderprämien vereinbart worden, hieß es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats. Man könne jedoch davon ausgehen, dass der Vertrag mit Roels erfüllt werde. Die "Berliner Zeitung" hatte berichtet, dass dem Niederländer an der RWE-Spitze laut einer Klausel seines Vertrags bei einer vorzeitigen Aufgabe seines Amts "ohne eigenes Verschulden" eine zusätzliche Zahlung in Millionenhöhe zustehe.

Der zunächst mit der Frist von fast einem Jahr im voraus angekündigte Wechsel an der Konzerspitze hatte für zahlreiche Diskussionen um ein mögliches Machtvakuum an der Spitze des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns gesorgt. Bereits im Vorfeld der Entscheidung hatte es immer wieder Gerüchte um ein mögliches vorzeitiges Ausscheiden von Roels gegeben.

Dank für "strategische Neuorientierung"

In der vom Aufsichtsrat veröffentlichten Erklärung dankte RWE-Aufsichtsratschef Thomas Fischer dem scheidenden Konzernchef ausdrücklich für seine Verdienste. Seine unternehmerische Leistung seien eine "strategische Neuorientierung" und eine "nachhaltig verbesserte finanzielle Lage" des Konzerns. Roels hatte bei RWE unter anderem weite Teile des Wassergeschäfts auf die Verkaufsliste gesetzt und für eine Entschuldung des Konzerns gesorgt. Größere Zukäufe hatte es unter der Regie von Roels jedoch nicht gegeben.

Unter seiner Führung sei nach der Konzentration auf das Kerngeschäft eine Wachstumsphase eingeleitet worden mit dem größten Investitionsprogramm in der RWE-Geschichte, erklärte Fischer. Die Börse reagierte positiv auf die Entscheidung. Die RWE-Aktie gehörte mit einem Plus von 1,3 Prozent bis zum Nachmittag zu den Gewinnern im DAX.

Roels gehörte zu den Top-Verdienern

Roels galt schon länger als "lahme Ente", nachdem der RWE-Aufsichtsrat bereits im Februar Großmann zu seinem Nachfolger zu bestellt hatte. Kritiker hatten Roels Mangel an Visionen vorgeworfen und die hohen Barreserven bemängelt, die den Konzern als Ziel einer feindlichen Übernahme attraktiv erscheinen lassen könnten. Zudem wurde Roels nachgesagt, dass es ihm nie gelungen sei, in Essen heimisch zu werden, dass er Verbindungen zu den Wirtschaftskreisen an der Ruhr vernachlässige, dass er zu wenig Zeit im Revier und zu viel in den Niederlanden verbringe. Auch die Tatsache, dass der smarte Manager zuletzt zu den Topverdienern unter Deutschlands Wirtschaftslenkern gehörte, sorgte angesichts der Strompreisexplosion für negative Schlagzeilen. Sein Nachfolger Großmann ist zwar gut vernetzt in Politik und Wirtschaft, Erfahrungen in der Energiewirtschaft hat der 55-Jährige allerdings nicht.

DPA / DPA