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Nikola-Chef tritt zurück Er wollte sein wie Elon Musk – doch sein gehypter Wunder-Truck soll ein Betrug sein

Nikola
Ein Handout von Nikola zeigt den "Truck Two", der nie in Serie ging
© DPA
Vom Hype zum Skandal: Trevor Milton galt manchen als zweiter Elon Musk. Nun ist der Gründer des Elektro-Truck-Unternehmens Nikola nach massiven Betrugsvorwürfen zurückgetreten.

Was Schein ist und was Sein – das ist in der Start-up-Welt nicht immer leicht zu beurteilen. Tesla-Gründer Elon Musk begleiteten jahrelang Zweifel, ob er es jemals schaffen werde, eine nennenswerte Zahl von Autos auf die Straße zu bringen. Heute steht Musk als gefeiertes Genie da, das sogar im Autoland Deutschland hofiert wird.

Die Geschichte eines anderen Automobil-Visionärs scheint dagegen nicht ganz so golden auszugehen. Trevor Milton, Gründer des US-Hybridtruck-Unternehmens Nikola, ist am Montag nach massiven Betrugsvorwürfen gegen sein Unternehmen zurückgetreten. Es ist der Sturz eines Wunderkindes, in dem manch einer schon einen zweiten Elon Musk gesehen hat.

Nikola-Chef: Meister des Hypes

Denn die Parallelen zwischen den beiden Gründern erschienen lange frappierend. Wie Musk brach Milton sein Studium ab, um Unternehmer zu werden. Und wie Musk nahm er sich nicht weniger vor, als die Autoindustrie zu revolutionieren. 2014 gründete er die Nikola Motor Company – ebenfalls benannt nach Elektro-Pionier Nikola Tesla – um mit Wasserstoff betriebene Elektro-Lastwagen zu bauen. Den benötigten Wasserstoff wollte Nikola gleich selbst herstellen und allein in Nordamerika 700 Tankstellen aus dem Boden stampfen – so weit zumindest die Vision. 

Als Unternehmer agierte Milton ebenso schillernd wie Musk und konnte namhafte Groß-Investoren für sich gewinnen. So investierten der deutsche Automobilzulieferer Bosch, der italienische Nutzfahrzeughersteller CNH und die südkoreanische Hanwha Gruppe jeweils mehr als 100 Millionen US-Dollar in Nikola. Für Aufsehen sorgte auch eine Großbestellung des Brauerei-Konzerns Anheuser-Busch InBev, der 800 Trucks orderte, obwohl bislang nur Prototypen existierten.

Der Börsengang Mitte dieses Jahres machte Nikola-Chef Milton zum Milliardär. Das Forbes-Magazin führte den 38-Jährigen im Juli mit einem Vermögen von 3,3 Milliarden US-Dollar auf Platz 249 der reichsten Amerikaner – vor Größen wie Uber-Gründer Travis Kalanick oder Oprah Winfrey.

Alles nur Betrug?

Doch am 10. September ließ der Finanzinvestor und Shortseller Hindenburg eine Bombe platzen. In einem 60-seitigen Report wirft der Börsenspekulant Nikola Lügen, "komplexen Betrug" und Vetternwirtschaft vor. Trevor Milton habe Geschäftspartner mit der "falschen Behauptung, über wichtige Technologien zu verfügen" bewusst in die Irre geführt. Nikola dementierte die Vorwürfe, doch die Aktie stürzte ab.

Kritiker verweisen schon länger darauf, dass der Auto-Pionier bislang zwar viel angekündigt, aber noch kein einziges fertig entwickeltes Auto präsentiert hat. So beziehen sich die Vorwürfe von Hindenburg unter anderem auf ein berühmt gewordenes Promo-Video aus dem Jahr 2017, in dem ein Nikola-Truck in voller Fahrt zu sehen ist. Tatsächlich ließ Nikola den Truck lediglich einen Berg hinunterrollen, wie das Unternehmen mittlerweile eingeräumt hat. "Nikola hat nie behauptet, dass sich der Truck in dem Video aus eigenem Antrieb bewegt", lautet das Statement des Unternehmens dazu.

Realität scheint für Trevor Milton jedenfalls ein dehnbares Konstrukt zu sein. Im Juli erklärte er in einem Podcast, die besonders starken 720-Kilowattstunden-Lkw-Batterien des Partners Bosch kämen "gerade jetzt in Ulm vom Fließband". Ein Bosch-Sprecher dagegen dementierte dies gegenüber Hindenburg deutlich: "Nein, die sind noch nicht fertig. Ich weiß das genaue Jahr nicht, aber wir arbeiten daran."

Elon Musk war nie Fan

Welche der großen Nikola-Ankündigungen noch als Marketing durchgehen und welche schon Betrug sind, das muss nun die Börsenaufsicht SEC klären, die Ermittlungen eingeleitet hat. Mini-Musk Trevor Milton, der immer noch 35 Prozent an Nikola hält, muss nun jedenfalls seinen Posten als Chairman des Unternehmens räumen. "Der Fokus soll auf der Firma und seiner die Welt verändernden Mission liegen, nicht auf mir", schrieb Milton zu seinem Abschied. Er werde sich gegen die falschen Anschuldigungen wehren.

Neuer Nikola-Chef wird Stephen Girsky, der bereits Mitglied im Verwaltungsrat der Firma war und ehemals als Manager bei General Motors arbeitete. Mit General Motors hatte Nikola erst Anfang September eine strategische Partnerschaft beschlossen. Der Börsenkurs war daraufhin in die Höhe geschossen, seitdem hat er sich halbiert.

Tesla-Chef Elon Musk war übrigens noch nie ein Freund von Nikola. Er hat sich in der Vergangenheit wiederholt abfällig auf Twitter über Miltons Firma geäußert. Die von ihr promotete Brennstoffzellen-Technologie sei "dumm" und "einfach nicht möglich". Tesla setzt auf die konkurrierende Technologie der Lithium-Ionen-Akkus.


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