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Pfusch-Vorwürfe: Der GAU am Bau bei Bilfinger

Die am U-Bahn-Bau in Köln beteiligten Firmen nehmen heute öffentlich Stellung zu den Pfusch- und Betrugsvorwürfen. Darunter auch Bilfinger-Berger. Konzern-Chef Herbert Bodner feilt just jetzt an seinem Lebenswerk, dem Umbau vom Baukonzern zum Dienstleister. Doch die Vorwürfe gefährden das Projekt.

Von Michael Gassmann

Stoisch und souverän dirigiert der stämmige Mann per Handy und Handzeichen Bagger, Kranwagen und Menschen hin und her. Der Krach der Presslufthämmer scheint ihn nicht zu stören. Auf dem Kopf den Bauhelm, am Leib eine gelbe Sicherheitsjacke und klobige Schuhe an den Füßen. Hier wird die Düsseldorfer U-Bahn gebaut. "Bald rückt die Tunnelbohrmaschine an", sagt der Bilfinger-Berger-Mann. Eigentlich könnte alles nach Plan verlaufen.

Doch nun herrscht auch in Düsseldorf helle Aufregung. Am Dienstag hat der Baukonzern eingeräumt: Auch hier ist beim U-Bahn-Bau wahrscheinlich gepfuscht worden. Die Stadt hat als Bauherr Strafanzeige gegen zwei Mitarbeiter gestellt. Nach dem Skandal um den Bau der Kölner U-Bahn, der seit Tagen für immer neue Schlagzeilen sorgt, kündigt sich nun der nächste Bau-GAU an.

Hier wie dort spielt Bilfinger Berger die führende Rolle bei den Projekten, beschäftigte teilweise sogar dieselben, wegen Unregelmäßigkeiten verdächtigten Mitarbeiter. "Wie wir den Imageschaden wieder in den Griff bekommen sollen, weiß ich auch nicht", sagt der Bahn-Bauer aus Düsseldorf.

Bodners Vermächtnis steht auf dem Spiel

Seit Tagen reißen die Nachrichten über gefälschte Bauprotokolle und krumme Geschäfte mit Stützeisen nicht ab. Für Bilfinger Berger, mit zehn Milliarden Euro Umsatz und 61.000 Beschäftigten der zweitgrößte deutsche Baukonzern, ein Imagedesaster. Und auf Image, auf gute Referenzen ist die Baubranche ganz besonders angewiesen. Das Unternehmen, das derzeit selbst einer großen Baustelle gleicht, steckt in einer der größten Krisen seiner 130-jährigen Geschichte. Und wie es diese übersteht, hängt nun von einem Mann ab: Herbert Bodner.

Der 62-jährige Bilfinger-Chef hat seit Kurzem einen Lieblingssatz. "Die Untersuchungen sind in vollem Gange." Immer wieder sagt er das in den vergangenen Wochen. Es klingt wie eine Floskel, aber Bodner meint es ernst. Er ist entschlossen, den Ruf des Unternehmens zu verteidigen. Denn es steht viel auf dem Spiel, sein Kernprojekt, sein Vermächtnis, die Arbeit von vielen Jahren, beinahe alles, wofür Bodner zuletzt gearbeitet hat.

Sein Ziel ist die Neuaufstellung, ja Neuerfindung von Bilfinger - der weitgehende Rückzug vom Baugeschäft. Der Konzern soll Dienstleister werden. Es ist Bodners Antwort auf die schwierige Lage in der Bauwirtschaft. Auf zwei Milliarden Euro soll das Bauvolumen heruntergefahren werden. An seine Stelle tritt, so der Plan, das relativ gleichmäßige, margenstarke und eher krisenresistente Geschäft mit der Wartung von Kraftwerken oder Chemieanlagen. Um das zu finanzieren, will Bilfinger in den nächsten Wochen Bilfinger Berger Australia (BBA) an die Börse bringen. Es sollte der Schlussstein, die Krönung sein. Und nun das: Pannen, Berichte über Pfusch, Ärger mit vermutlich kriminellen Subunternehmen.

Die Deutsche Bahn macht bereits massiv Druck

Es waren vor allem die schwer kalkulierbaren Risiken bei Großprojekten, die Bodner zum Strategiewechsel bewegt haben. Nun haben sie ihn mit voller Wucht erwischt. Düsseldorf und Köln sind nicht die einzigen Fälle. An der ICE-Strecke Nürnberg-München werden 500 Erdanker geprüft, die der Konzern in die Böschungen unter der Gleisanlage eingebaut hat.

Über allem schwebt die Frage: Wer trägt Schuld am Zusammenbruch des Kölner Stadtarchivs mit zwei Todesopfern vor einem Jahr? Bilfinger hat die Federführung der Arbeitsgemeinschaft, die vor dem Gebäude grub.

Massenhaft sollen Mitarbeiter in Köln Eisen verschoben haben, statt es wie vorgeschrieben in kritische Stützwände einzubauen. Dutzende Messprotokolle sehen sich verdächtig ähnlich, sie sollen manipuliert worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Vernehmungen fördern immer mehr Verdachtsfälle zutage. Die Deutsche Bahn macht wegen der ICE-Strecke bereits gehörig Druck. "Wir fordern Bilfinger Berger ultimativ auf, uns sofort alle Informationen offenzulegen, die eine Überprüfung konkreter Bauwerke ermöglichen", verlangt Infrastrukturvorstand Volker Kefer.

"Vielleicht war die Reaktion gegenüber der Öffentlichkeit zu spät"

Und Bodner? In seinem charmanten Grazer Akzent wiederholt er seinen Lieblingssatz, wird nicht müde, Kooperationsbereitschaft mit Staatsanwälten und Auftraggebern sowie umfassende Prüfungen zuzusagen. Inhaltlich bleibt er hart: Erst müssten die Tatsachen auf den Tisch, dann komme es zu Entscheidungen. Vielen geht das zu langsam. In Köln haben Bürger Angst vor Evakuierungen, der Bürgermeister stellte Bodner an den Pranger. Die Öffentlichkeit will Aufklärung - und einen Schuldigen. Bodner ist inzwischen klar, dass die Kommunikation suboptimal gelaufen ist: "Vielleicht war die Reaktion gegenüber der Öffentlichkeit zu spät, weil ein technisch geprägter Konzern dazu tendiert, zuerst einmal zu untersuchen und erst zu kommunizieren, wenn er etwas verstanden hat", räumte er am Montagabend ein.

Dabei haben Bodner und sein Vorstand mehr Erfahrung mit Krisenkommunikation, als ihnen lieb sein dürfte. Immer wieder laufen seit einigen Jahren Projekte schief, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Mal war es die Technik wie in Ohio. 2004 brach an einer Bilfinger-Brückenbaustelle ein Baugerüst über dem Maumee River. Vier Arbeiter kamen ums Leben. Ein anderes Projekt, der Cross-City-Tunnel in Sydney, rechnete sich nicht wie erwartet. Zu wenige Autofahrer nutzten die 2,1 Kilometer lange, von Bilfinger gebaute und betriebene Röhre, Bodner musste die Gewinnprognosen senken.

2008 liefen zudem die Kosten der norwegischen Autobahn E18 aus dem Ruder - wieder korrigierte der Konzern die Prognosen. Letztes Jahr war es dann eine Schnellstraße in Katar: Nach einem Streit mit der Straßenbaubehörde Ashgal stoppte Bilfinger die Bauarbeiten, schob 80 Millionen Euro in die Rückstellungen und verhandelt nun über einen Vergleich.

Aktienkurs ist um fast elf Prozent abgestürzt

Lange Zeit haben die Kapitalmärkte das Unternehmen für die Fehler kaum abgestraft. "Bilfinger hat diese Einzelfälle schnell verdaut", sagt Marc Gabriel, Analyst von der Düsseldorfer Lampebank. Jetzt aber mehren sich die Zweifel, ob der Konzernchef sein Risikocontrolling im Griff hat. "Bilfinger Berger muss alle Hebel in Bewegung setzen, um Schwächen aufzudecken", fordert Heiko Hammann, Analyst bei der Nord/LB.

In den vergangenen vier Börsentagen ist der Aktienkurs um fast elf Prozent eingebrochen. Kein Zweifel: Die Turbulenzen um die deutschen Baustellen beunruhigen die Investoren zunehmend - und sie verdrängen die guten Nachrichten. Vor wenigen Tagen hat Bodner die vorläufigen Zahlen zum Geschäftsjahr 2009 verkündet: Die Dividende wurde auf zwei Euro angehoben, das operative Ergebnis fiel mit 250 Millionen Euro besser als erwartet aus, die Bauleistung ist im Krisenjahr kaum gesunken.

Skeptische Investoren kann sich Bilfinger für den Börsengang der australischen Tochter BBA aber nicht leisten. Denn Märkte brauchen eine gute Geschichte - und bisher war es die des Baukonzerns, der zum Dienstleister wird. Nun ist Bilfinger der Baukonzern, der zum Dienstleister werden will, aber dem das Baugeschäft gerade um die Ohren fliegt.

"Ich sehe da keine Notwendigkeit, Konsequenzen zu ziehen"

Der Börsengang soll Bodners Projekt vollenden. Denn mit dem frischen Kapital will er weitere Baudienstleister hinzukaufen. Analysten taxieren den Wert von BBA auf 600 Millionen Euro, dazu kommen rund 800 Millionen Euro an Liquidität. Gelingt der Börsengang nicht, wäre der Bilfinger-Chef kurz vor dem Ziel mit einem zentralen Projekt gescheitert. Davon will Bodner natürlich nichts hören. "Unsere Australienpläne sind nicht beeinträchtigt", versichert der Manager. "An dem Börsengang oder einen Verkauf von BBA an einen Investor wird mit Volldampf gearbeitet."

Doch Firmenkenner wie Lampe-Analyst Gabriel schließen Auswirkungen auf den Verkaufskurs oder Verzögerungen nicht aus: "Je länger Bilfinger Berger in Deutschland in der Kritik steht, umso weniger Managementkapazitäten sind für Australien frei." Möglich auch, dass australische Interessenten die Tochter noch einmal genauer unter die Lupe nehmen, wenn es an anderen Stellen im Konzern kracht.

Hinzu kommt: Das Debakel in Köln birgt für Bodner selbst dann noch Gefahren, wenn der BBA-Verkauf glatt über die Bühne geht. Falls der Versicherungsschutz entgegen den Erwartungen des Konzerns nicht reicht, um die Kosten und mögliche Schäden zu decken, müsste Bilfinger selbst dafür aufkommen - was auf den Gewinn drückt.

Die voraussichtlich letzten Monate im Amt werden für Bodner, der auch Präsident des Bauhauptverbands ist, also zu einer seiner größten Herausforderungen. Im Juni 2011 läuft sein Vertrag aus, eine Verlängerung wäre in seinem Alter zumindest unüblich. Die Suche nach einem Nachfolger hat begonnen. Aber zu Ende bringen will Bodner die von ihm entworfene Konzernstruktur schon noch selbst. An einen Rücktritt denkt er nicht, wie er diese Woche selbstbewusst betonte: "Ich sehe da keine Notwendigkeit, Konsequenzen zu ziehen, weil ich der Meinung bin, in der Situation, mit der ich konfrontiert bin, zu jedem Zeitpunkt das Richtige gemacht zu haben."

FTD