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Chaos bei Steinhoff: Wie der Poco-Konzern in Sekunden mehr als 60 Prozent seines Börsenwertes verlor

Der Mutterkonzern der Poco-Einrichtungshäuser Steinhoff ist Europas zweitgrößter Möbelkonzern - und steckt tief in der Krise. Die Gerüchte um mutmaßliche Bilanzfälschungen sorgten dafür, dass der Konzern binnen Sekunden 60 Prozent an der Börse verlor.

Poco-Konzern rutscht ins Chaos

Der Poco-Eigner rutscht ins Chaos - Daniela Katzenberger war das Werbegesicht für die Einrichtungsfirma.

Boxspringbetten für unter 700 Euro, Regale für nicht mal 25 Euro: Die Einrichtungskette Poco setzt auf günstige und Deko-Klimbim für die Wohnung. Und hatte sich fünf Jahre lang das TV-Sternchen mit der schrillen Stimme Daniela Katzenberger als Testimonial gesichert. Seit Anfang des Jahres ist "die Katze" bei Poco raus. Doch das ist nicht der Grund, warum 2017 für das Unternehmen zum Schicksalsjahr werden könnte.

Vielmehr versinkt Steinhoff, der Konzern hinter Poco, im Chaos. Dubiose Machenschaften und mutmaßliche Bilanzfälschungen sorgten am Mittwoch dafür, dass die Aktie im MDAX binnen von Sekunden 60 Prozent verlor. Sieben Milliarden Euro waren futsch. Quasi über Nacht war der Kurs erodiert. Als am Mittwochmorgen die Börse eröffnete, gab es einen enormen Kursrutsch. Bis zum Mittag war die Aktie weiter im freien Fall. Und der Abwärtstrend geht auch am Donnerstag weiter, Investoren stoßen die Aktien ab. Kostete das Papier am 1. Dezember noch rund 3,40 Euro, notiert sie derzeit bei weniger als 0,80 Euro. Auch die Anleihe von Steinhoff ist eingebrochen.

Wie konnte das passieren? Am Dienstag trennte sich Europas zweitgrößter Möbelkonzern von seinem Chef Markus Jooste, der die Geschäfte zwei Jahrzehnte geführt hatte. Auch der Chef der Afrika-Tochter Star Ben La Grange musste seinen Posten räumen. Der Vorwurf: Unregelmäßigkeiten in den Büchern. Der Schritt gleicht einer Notbremse, denn eigentlich wollte der Steinhoff-Konzern am Mittwoch dieser Woche seine Jahresbilanz vorstellen. Die ist nun auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Wirtschaftsprüfer von PwC sollen nun eine unabhängige Untersuchung durchführen und die Bücher checken - und zwar nicht nur die des im September abgelaufenen Geschäftsjahres, sondern auch der früheren Jahre. Zudem prüft die Börsenaufsicht in Südafrika (dort hat Steinhoff sein operatives Hauptquartier) mögliche Fälle von Insiderhandel.


Finger weg von Steinhoff

Andreas Riemann, Analyst bei der Commerzbank, warnt vor Investitionen in Steinhoff - auch wenn die Kurse gerade verlockend sind. Investoren sollten ihre Finger von dem Wertpapier lassen, schrieb der Analyst am Mittwochmorgen. Die Untersuchungen seien eine schlechte Nachricht und würden ein großes Fragezeichen hinter die Ergebnisse der vergangenen Jahre stellen.

Das Unternehmen hatten Bruno Steinhoff 1965 im niedersächsischen bei Bremen gegründet, 1996 kam es zur Fusion mit der Textilfirma Claas Daun. Zwei Jahre später ging das Unternehmen als Steinhoff International an die Börse - im südafrikanischen Johannisburg.

Vorwurf von "windige Bilanzen" gegen Poco-Eigner

Im Dezember 2015 verlegte Steinhoff die Börsennotierung nach Frankfurt. Das Geschäft in Europa sei wichtiger geworden, so die Begründung. Inzwischen ist Steinhoff zur Nummer 2 in Europa hinter Ikea aufgestiegen. Schon damals kamen erste Gerüchte auf, dass es bei dem Konzern Unregelmäßigkeiten gegeben habe. Im Sommer 2017 hatte das "Manager Magazin" über "windige Bilanzen, dubiose Geschäfte und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft" bei Steinhoff berichtet. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte zuvor bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen Manager eines Möbelkonzerns aufgenommen hat. Namen wurden damals nicht genannt. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft teilte schriftlich mit, dass "vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche eines Konzerns, zu dem unter anderem ein Möbelhandel-Unternehmen in Westerstede gehört, wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung in Bilanzen. Hierdurch könnte gegebenenfalls auch der Bilanzwert des Konzerns zu hoch dargestellt worden sein." Der Konzern wies die Vorwürfe umgehend zurück. "Wesentliche Fakten und Vorwürfe sind falsch oder irreführend", erklärte Steinhoff im August 2017.