Postbank-Deal Ackermanns Coup


Fast ein Jahr musste der Chef der Deutschen Bank um den Einstieg bei der Postbank kämpfen. Noch vor einer Woche drohte alles zu platzen. Doch nun hat sich Josef Ackermann sein Denkmal errichtet - und seinem Nachfolger einiges aufgehalst.
Von Tim Bartz, Christine Mai und Ulf Brychcy

Eigentlich sollte er gar nicht hier sein. Europas Finanzminister haben ihn zu ihrem Herbsttreffen nach Nizza eingeladen. "Doch da hab ich mich entschuldigt", sagt Josef Ackermann grinsend. Es mag ja schön sein, mit der Polit-Elite ein paar wichtige Gespräche zu führen und sich dabei die Mittelmeersonne auf die Nase scheinen lassen - das hier aber ist doch etwas Größeres: Die Deutsche Bank hat sich den Zugriff auf die Postbank gesichert, und Ackermann kann den gläsernen Postturm in Bonn erklimmen, kann sich fotografieren und feiern und befragen lassen, lässig, die rechte Hand in der Tasche.

Er hat es geschafft. Nach langen, schweren Verhandlungen. Neben dem Investmentbanking steigt die Deutsche Bank nun auch im Massenkundengeschäft zu einer Größe auf. Der große Abgang Ackermanns ist damit gesichert. Mit den Nickligkeiten des Deals darf sich dann in zwei Jahren sein Nachfolger herumschlagen.

Höhepunkt eines Fusionsfeuerwerkes

Der Einstieg bei den Bonnern ist der Höhepunkt eines Fusionsfeuerwerks. Lange wurde nur darüber geredet, dass sich die privaten Banken vergrößern, vereinigen müssen. Jetzt wird gehandelt: Im Juli hat sich die französische Crédit Mutuel die deutsche Citibank geschnappt. Vor zwei Wochen die Commerzbank den Rivalen Dresdner. Und nun steigt die Deutsche Bank bei der Postbank ein, kauft erst mal knapp 30 Prozent des Hauses, der Rest wird wohl folgen.

Auch bei der Citibank und Dresdner hatte Ackermann ein wenig mitgemischt. Doch das war nur Geplänkel. "Die hatten von Anfang an voll auf die Postbank gesetzt", sagt ein Berater. "Hätten sie die Citibank wirklich haben wollen, wäre das kein Problem gewesen." Das Gleiche gilt für die Dresdner. Lange bietet Ackermann mit. Letztlich aber ist ihm das Risiko zu groß.

Hochattraktiv in Krisenzeiten

Da strahlt die Postbank einen ganz anderen Charme aus. Sie bietet etwas, das in Krisenzeiten hochattraktiv ist: Kundeneinlagen in dreistelliger Milliardenhöhe, ein Kapitalpolster also. Hinzu kommt die Vertriebsmacht der Postbank mit ihren 14 Millionen Kunden. Und: Das stabile Privatkundengeschäft der Bonner mindert die Abhängigkeit der Deutschen Bank vom Investmentbanking, das in der Finanzkrise Milliarden verbrannt hat. Bei diesen Fakten gingen auch Anshu Jain, dem Chef des Wertpapierhandels, die Gegenargumente aus. Er war immer gegen den Kauf der drögen Postbank mit dem Billig-und-bieder-Image.

Der Anstoß für den Deal kommt im November 2007 vom damaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel. "Wir glauben in diesem Moment, dass wir die besten Eigentümer für die Postbank sind", sagt er. Warum nur "in diesem Moment"? Nach Zumwinkels Worten springt die Postbank-Aktie um 17 Prozent in die Höhe und klettert auf rund 67 Euro Ende Februar. Eine Übernahme wird unwahrscheinlich, jeder Euro, den die Aktie zulegt, macht den Deal schwieriger.

Zumwinkel will sein Lebenswerk krönen

Zumwinkel lässt sich nicht beirren. Er schaltet die Investmentbank Morgan Stanley ein. Die Postbank wird von der UBS beraten. In der zweiten Jahreshälfte 2008 soll ein Deal stehen, dann läuft Zumwinkels Vertrag aus, er will sein Lebenswerk krönen. Angesprochen wird die Hautevolee der europäischen Bankenlandschaft: Deutsche Bank, ING, Santander, Intesa, Lloyds TSB, BNP Paribas - und die Commerzbank.

Rasch macht das Wort von einer "Dreierlösung" die Runde: der Fusion von Commerzbank, Dresdner und Postbank. Geboren werden soll ein zweiter "nationaler Champion" neben der Deutschen Bank. Ein Wunsch auch der Bundesregierung, die sogar ein Druckmittel in der Hand hat: Sie kann bis Ende 2008 ihr Veto gegen den Verkauf der Postbank einlegen. Zwar schaltet sich Berlin bis zum Ende der Verhandlungen nicht direkt ein. Klar ist aber, dass der Verkäufer Post stets damit rechnen muss.

Bald wird die Dreierfusion verworfen: "Sie war von Anfang an eine reine Kopfgeburt von Allianz-Vorstand Paul Achleitner und Commerzbank-Chef Martin Blessing. Irgendwann im Frühsommer haben die sich dann gesagt, dass eine Fusion nur von Commerzbank und Dresdner viel einfacher ist", sagt ein Investmentbanker.

Alles lag auf Eis

Mitte Februar taucht ein neues Hindernis auf: Zumwinkel soll Steuern hinterzogen haben, er muss gehen. "Das war ein ganz schwieriger Moment für den Verkauf. Da lag erst mal alles auf Eis", sagen Eingeweihte. Zumwinkels Nachfolger Frank Appel stellt klar, dass ein Verkauf der Postbank kein Dogma ist. Reine Taktik? Nur wenn der Preis fällt, ist ein Verkauf möglich. Im Sommer drückt auch die Finanzkrise nochmals den Kurs. "Langsam wurde klar: Sobald der Durchschnittskurs unter 50 Euro rutscht, fliegt der Deal", sagt ein Banker. Mitte August liegt er bei 40 Euro.

Die heiße Phase beginnt. Ein Interessent nach dem anderen springt ab - bis auf die Deutsche Bank und die spanische Santander. Beide Angebote liegen finanziell gleichauf. Während die Spanier das gesamte Postbank-Paket der Post von 50 Prozent plus eine Aktie kaufen und dann die restlichen Aktionäre ansprechen wollen, signalisiert die Deutsche Bank Anfang September, vorerst mit knapp 30 Prozent zufrieden zu sein.

Die Hartnäckigkeit der Deutschbanker beeindruckt

Den Ausschlag für die Deutsche Bank gibt letztlich die Zusage, Filialnetz und Belegschaft erst mal nicht anzurühren. Auch die Hartnäckigkeit der Deutschbanker beeindruckt: "Die haben stoisch immer weitergemacht und die Postbank mit großen Teams analysiert, das war richtig deutsch", heißt es in Frankfurt anerkennend. Die Spanier dagegen sind zeitweise abgelenkt, liebäugeln bis zuletzt auch mit der Citibank und der Dresdner. Dennoch hätte es bis zuletzt schiefgehen können. Der Grund: die Finanzkrise. "Wenn Lehman Brothers letzte Woche umgefallen wäre, wäre wohl alles geplatzt", sagt ein Banker.

Doch es geht glatt. Gegen 9 Uhr kommt der Aufsichtsrat am Freitagmorgen zusammen, im Konferenzzentrum neben dem Posttower. Appel präsentiert ohne große Vorrede die Offerten. Santander ist nur noch Zählkandidat. Ihr Angebot sei längst nicht ausgereift gewesen, heißt es in Post-Kreisen. Nun gibt es für die Deutsche Bank nur noch ein Hindernis: die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die einen starken Einfluss bei der Post hat, ist gegen den Verkauf. Es folgt eine heftige Diskussion. Appel gelingt es nicht, die Gegner zu überzeugen - sie stimmen gegen das Geschäft. Post-Aufsichtsratschef Jürgen Weber hebt das Patt mit seiner doppelten Stimme auf.

Beim Umsatz lässt sich viel herausholen

Der Erfolg des Deals hängt nun vor allem von zwei Leuten ab: Postbank-Chef Wolfgang Klein und Rainer Neske, dem Privatkundenvorstand der Deutschen Bank. "Das ist kein kostengetriebener Zusammenschluss wie der von Commerzbank und Dresdner. Hier gibt es nicht viel einzusparen, weil beide Banken zu unterschiedlich sind. Aber beim Umsatz lässt sich viel herausholen, vor allem durch Cross-Selling", sagt ein Banker. Postbank-Kunden werden in den kommenden Monaten mit Angeboten der Deutschen Bank überflutet werden: Investmentfonds, Zertifikate. Umgekehrt werden die Kunden der "Blauen" mit Baufinanzierungen der Postbank beglückt.

Die Männer, die das umsetzen müssen, sind zwei grundverschiedene Typen. "Klein ist ein Verkäufer. Der stellt sich auch mal vor seine Vertriebsleute und hält eine flammende Rede", sagt einer, der ihn kennt. Neske dagegen gilt als der ruhige Typ. Schon wird in Frankfurt spekuliert: Kommt die Integration - frühestens 2010 -, braucht man keine zwei Chefs für das Privatkundengeschäft. Klein könnte durchaus seine Chance bekommen. Er mache bei der Postbank einen guten Job, lobt Ackermann und fügt hinzu, er hoffe sehr, dass Klein bleibe. Wenn Klein die neuen Aufgaben bewältigt, könnte er Neske, sollte die Deutsche Bank die Postbank ganz übernehmen, als Privatkundenvorstand ablösen - und Neske Josef Ackermann beerben, der 2010 in Rente geht.

"Solange ich Chef bin"

Dann wird Neske wohl unpopuläre Stellenstreichungen schultern müssen - allen Beteuerungen zum Trotz. Die Stadt Bonn kann sich schon mal auf den Verlust einer Unternehmenszentrale einstellen. Die stellvertretende Verdi-Bundesvorsitzende Andrea Kocsis ahnt: "Ich freue mich zwar, dass Herr Ackermann sagt, dass es bei der Postbank bleibt, wie es ist. Allein es fehlt mir der Glaube." Wohlweislich schränkt Ackermann seine Aussagen denn auch mit einem "solange ich Chef bin" ein.

An der Spitze der Bank könnte also nach ihm wieder ein Deutscher stehen, der bis dahin vielleicht sein Meisterstück abgeliefert hat: das Haus zu Deutschlands größter und profitabelster Massenkundenadresse zu machen. Bleiben die gebremsten Investmentbanker um Jain. Keiner weiß, ob sie Neske als Chef akzeptieren würden. Vielleicht aber lautet ihre Devise auch einfach: Mir doch egal, wer unter mir Chef ist.

FTD

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