HOME

Prominenter Steuersünder: Herr Würth schraubt sich die Welt zurecht

Erst kürzlich wurde er in einer Steuersache verurteilt, kam aber mit einem blauen Auge davon. Seitdem ist der Milliardär Reinhold Würth vorbestraft. Doch der Schraubenkönig ist sich keiner Schuld bewusst, wie er jetzt bei seinem Vortrag über "soziale Verantwortung von Unternehmen" zeigte.

Von Peter Meuer, Stuttgart

Reinhold Würth begrüßt das Publikum: "Ich bin ein Gauner, Gangster und Ganove", sagt er süffisant. "Meine Damen und Herren - vor Ihnen steht ein Krimineller." Einige Besucher des Vortrages lachen und nicken. Ihre Blicke sagen: "Schon okay, alter Halunke."

Reinhold Würth ist an diesem Abend in das Stuttgarter Literaturhaus gekommen, um über die "gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen" zu sprechen - auf Einladung des örtlichen Wirtschaftsclubs. Aber er sagt erst einmal ein paar Worte in Sachen eigener Steueraffäre. Würth ist der Patriarch des gleichnamigen Schraubenkonzerns, das Oberhaupt über 65.000 Angestellte in 86 Ländern. Er ist 73 Jahre alt, einer der reichsten Deutschen - und seit Mai offiziell vorbestraft.

Unterlagen "lastwagenweise" weggefahren

"Ich schüttele den Kopf über diese Absurdität", sagt er und bewegt tatsächlich sein Haupt dazu. "Lastwagenweise" seien die Unterlagen von der Steuerfahndung weggefahren worden. Dabei: "Ich habe eigentlich nur ans falsche Finanzamt bezahlt." Das Steuerrecht sei eben komplex. "Ich bin schlecht beraten worden."

Die Firma Würth soll Kosten verschiedener Konzernteile bei einer ausländischen Tochterfirma gewinnmindernd verbucht haben, um Steuern zu sparen. Im Mai verhängte das Amtsgericht Heilbronn daher einen Strafbefehl gegen Reinhold Würth und zwei weitere Manager, außerdem musste der Konzern nachzahlen. "Ich habe um des Friedens Willen akzeptiert und um das Unternehmen zu schützen", sagt Reinhold Würth. Nachsichtig klingt er dabei. Doch wenn er zehn Jahre jünger wäre? "Dann hätte ich bis zum obersten Gericht prozessiert."

Sein Ruf blieb unbeschadet

Seinem Ruf in den besten Kreisen hat die Affäre wohl ohnehin nicht geschadet. Erst an diesem Morgen ist Reinhold Würth nach Sizilien geflogen, traf dort den italienischen Senatspräsidenten und die deutsche Generalkonsulin. Sie tranken ein paar Gläschen und besuchten die Kapelle "Palatina" in Palermo, deren Restaurierung Würth unterstützt. Nachmittags flog der 73-jährige dann zurück. "Ich saß aber nicht mehr selbst am Steuer", sagt er. "Auch wenn ich kriminell bin - mit Alkohol fliege ich nicht." Applaus und Gelächter aus dem Publikum.

Dann setzt sich die Reinwaschung fort: An die 106 Millionen Euro hat sein Konzern in letzter Zeit gespendet, erzählt Reinhold Würth. Für die "Res Publica", so nennt er Staat und Gesellschaft. Erst heute Nachmittag im Flugzeug habe er Briefe beantwortet, in denen er um Unterstützung gefragt wurde. "Zweimal 5000 Euro". Zuweilen habe das Unternehmen auch auf staatliche Subventionen verzichtet, auf die es eigentlich einen Anspruch hätte. "Wer will mir da unterstellen, bewusst Steuern zu hinterziehen", fragt Reinhold Würth rhetorisch. Wieder Applaus.

Schule und Presse sind schuld

Dann die Fragerunde: Warum sich die Bevölkerung von der Wirtschaft entfremde, will ein Besucher wissen. Reinhold Würth sieht da zwei Ursachen: Zum einen wenig entsprechender Unterricht in der Schule. Und zum anderen - natürlich - die negative Berichterstattung in der Presse über Firmen und Wirtschaftsbosse. Die Zeitungen mag er wegen der jüngsten Berichte sowieso nicht mehr besonders. "Die vierte Gewalt ist zu mächtig geworden", behauptet Reinhold Würth, jetzt ganz Opfer. Und stellt die Frage in den Raum, ob die Politik noch regiere oder schon die Medien. "Ich habe die große Sorge, dass die Presse sich ihrer Verantwortung für unsere Gemeinwesen nicht mehr bewusst ist." Er sieht gar eine "Gefahr für die Demokratie". Im Zeitraffer vom Täter zum Opfer. Reinhold Würth legt diesen Prozess binnen weniger Minuten hin - ein Alleskönner eben.

Die Journalistin und Autorin Lerke von Saalfeld sitzt neben Würth und moderiert. Sie erträgt die Medienkritik klaglos. Ein weiterer Besucher sagt gar: "Medien und Justiz sind mafiös strukturiert" und fordert Reinhold Würth auf, eine Initiative auf die Beine zu stellen, um die "haarsträubenden Justizgrotesken" in Baden-Württemberg aufzudecken.

Es war die angeblich "mafiös strukturierte" Baden-Württembergische Staatsanwaltschaft, die gegen Reinhold Würths Steuervergehen vorgegangen ist. Der Unternehmer lächelt auf die Bitte und sagt: "Ich nehme das zur Kenntnis, gebe aber keinen Kommentar ab."

Nach zwei Stunden Vortrag und Diskussion verabschiedet sich Reinhold Würth. Er überlegt kurz, windet sich. Dann sagt er doch noch: "Es ist wohl alles nicht ganz sauber gelaufen." Nach der Veranstaltung antwortet die Moderatorin Lerke von Saalfeld mit einem Grinsen doch noch auf die Medienschelte: "Auch Unternehmer können mafiös sein."