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Reifennachfrage: China gibt Gummi

Die boomende chinesische Wirtschaft benötigt Reifen - leider zu viele. Die Reifenhersteller kommen nicht mit der Produktion hinterher. Folge: Erst einmal Holz statt Reifen.

Baumaschinenhersteller stöhnen: Die boomende chinesische Wirtschaft heizt nicht nur die Nachfrage nach Öl und Stahl an. Auch der Bedarf an Reifen ist extrem gestiegen. Während die Autofahrer noch keine Probleme haben, stöhnen die Hersteller von Bau- und Industriemaschinen. Sie klagen über erhebliche Lieferengpässe der großen Reifenkonzerne. Die Reifenproduzenten kommen wegen begrenzter Produktionskapazitäten kaum nach. Bestellungen von Bau- und Industriemaschinen, wie Radlader und Bagger, können teilweise nicht ausgeführt werden, weil keine Reifen verfügbar sind. "Wir haben sogar schon Maschinen ohne Reifen ausgeliefert", berichtet der für Zentraleuropa zuständige Vertriebschef des Baumaschinenherstellers Komatsu, Uwe Herber.

Betroffen sind alle Bereiche: klassische Baumaschinen, Maschinen für die Rohstoffindustrie, den Landschafts- und Gartenbau und Materialtransport. Der Reifenhersteller Goodyear beispielsweise habe mitgeteilt, dass er bis zum Jahresende keine Reifen mehr für Maschinen liefern könne, die in Steinbrüchen eingesetzt werden, sagt Herber. Volker Aßmann, Verkaufs- und Marketingleiter Deutschland für OTR-Reifen bei Goodyear, bestätigt, dass die Nachfrage nach Industriereifen die Produktionskapazitäten bei den großen Herstellern deutlich übersteigt. "Die Nachfrage ist durch den Asien-Effekt stark gestiegen."

"Der Weltmarkt für Baumaschinen könnte stärker wachsen"

Zwar klettern die Kosten wegen der Verzögerungen, doch diese "können wir nicht an Kunden weitergeben", erklärt Herber. Die Preise für die Maschinen seien in diesem Jahr bereits wegen der gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten zwischen drei und vier Prozent angehoben worden. Bei den deutschen Baumaschinenherstellern wachse das Exportgeschäft in diesem Jahr mit zweistelligen Raten, berichtet Joachim Schmid, Geschäftsführer des Branchenverbandes im VDMA. "Der Mangel behindert das Geschäft. Viele Kunden reagieren mit Unverständnis."

Komatsu testet inzwischen auch andere Reifenhersteller als die drei Großen Goodyear, Michelin und Bridgestone. Darunter sind auch Continental und verschiedene asiatische Produzenten. Ein Manager des Baumaschinen-Bereichs des schwedischen Herstellers Volvo: "Es kommt öfter vor, dass wir Maschinen nicht mit Reifen ausstatten können, manchmal müssen sie auf Holzbandagen ausgeliefert werden." Bei großen Reifenhändlern müsse nachgekauft werden. Allerdings sei die Nachrüstung im Vergleich mit der Erstausstattung deutlich teurer. Ein Reifen könne auf diese Weise rund die Hälfte mehr kosten als beim Direktbezug vom Produzenten. Durch die Knappheit hätten sich die Preise für Spezialreifen teilweise bereits um 15 bis 20 Prozent erhöht.

"Der Weltmarkt für Baumaschinen könnte stärker wachsen, wenn die Reifen verfügbar wären", ist aus dem Volvo-Konzern zu hören. Das Weltmarktvolumen im Reifensektor belief sich nach Angaben des vom "European Rubber Journal" (ERJ) herausgegebenen Global Tyre Report im vergangenen Jahr auf rund 90 Milliarden Dollar (75 Milliarden Euro). Bezogen auf die drei größten Kategorien entfielen etwa 56 Prozent davon auf Autoreifen, etwa 30 Prozent auf Lkw-Reifen und annähernd sieben Prozent auf Industriereifen wie für die Bau- oder Rohstoffbranche.

"Wir müssen prüfen, wofür Reifen vorhanden sind"

Dem ERJ zufolge haben die Reifenhersteller - angeführt von Bridgestone - in den vergangenen zwölf Monaten Investitionsprojekte im Umfang von fast fünf Milliarden Dollar angeschoben, fast doppelt so viel wie im vorangegangenen Zeitraum. Der größte Teil entfällt davon auf Anlagen in Asien, vor allem China.

Hans-Joachim Erdmann, beim Baumaschinenhersteller CNH verantwortlich für den Vertrieb in Zentraleuropa, berichtet, es sei derzeit leider die Regel, dass fertige Baumaschinen nicht ausgeliefert werden könnten. "Wir müssen prüfen, wofür Reifen vorhanden sind." Normalerweise gebe es in der Produktion einen Vorlauf von drei Monaten, derzeit würden Reifen jedoch erst drei Monate nach der Bestellung produziert, hieß es aus der Branche. Die Hersteller hinkten demnach mit der Produktion sechs Monate hinterher. Um das Problem abzuschwächen, haben die Hersteller die Zahl ihrer Reifenvarianten schon drastisch reduziert.

Dörthe Hein und Birthe Blechschmidt/DPA