René Obermann Leitung gestört


Zum ersten Mal wird die Deutsche Telekom bestreikt. Es geht um viel mehr als die Wahrung von Besitzständen: Der neue Chef René Obermann hat den Rückhalt der Belegschaft verloren. Ist der Konzern überhaupt noch zu retten?
Von Johannes Röhrig

René Obermann wollte ein Zeichen setzen. Im November vergangenen Jahres rückte er an die Spitze der Deutschen Telekom. Sofort ließ er im Vorstandsflur in der 5. Etage die Gemälde abhängen. Stattdessen bestellte er großformatige Fotos lächelnder Telekom-Beschäftigter. Ein neuer Chef, dem die Mitarbeiter und ihre Jobs am Herzen liegen. Dafür sollten die Bilder ein Symbol ein. Ein halbes Jahr später lächelt kaum noch ein Mitarbeiter - zumindest dann nicht, wenn er an René Obermann denkt. Selten ist in einem Großkonzern in so kurzer Zeit eine so große Kluft zwischen Management und Belegschaft entstanden. Zwölf Jahre nach der Privatisierung befindet sich die Telekom im Ausnahmezustand. Wie konnte es dazu kommen? Auf der einen Seite steht der gerade 44-jährige Vorstandschef. Er sieht das Unternehmen in einer schweren Krise. Der Kurs der Aktie dümpelt unter dem Ausgabepreis, die Kosten sind höher als bei der Konkurrenz, und die Kunden laufen weg. Logisch, dass da die Mitarbeiter Opfer bringen müssen - findet Obermann. Seine Vertrauten, die er in den Vorstand holte, bestärken ihn, den harten Kurs durchzuhalten.

Kein Ende des Jobabbaus in Sicht

Auf der anderen Seite stehen fast 100.000 Beschäftigte, die sich bei der Telekom noch um das traditionelle Telefongeschäft in Deutschland kümmern. Seit 1995 haben sie 16 Umstrukturierungen hinter sich, wie der Betriebsrat aufzählt. Rund 120.000 Stellen sind schon weggefallen. Ein Ende des Jobabbaus ist nicht in Sicht. Ab Juli sollen nun 50.000 Angestellte und Beamte in eine neue Service-Gesellschaft ausgelagert werden. Sie sollen länger arbeiten und dabei weniger verdienen. Ihnen sitzt die Angst im Nacken, dass die neue Firma ganz oder in Teilen bald verkauft wird und sie so vollends abgeschoben werden. Seit Freitag streiken die betroffenen Angestellten, eine überwältigende Mehrheit sprach sich für den Ausstand aus. Die Beamten, von denen auch heute noch viele bei der Telekom arbeiten, machen aus Solidarität "Dienst nach Vorschrift". Dass es in diesem Arbeitskampf Gewinner geben kann, ist mehr als zweifelhaft. Denn am Ende könnte das Unternehmen noch tiefer in die Krise rutschen.

Viele Bürger zeigen Verständnis für die Streikenden, wie eine Umfrage des stern zeigt. Andere sehen sich in ihren Vorurteilen bestätigt. In Internetforen wird böser denn je über die Telekom gelästert. Lange Wartezeiten, verpasste Termine, fehlende Geräte - der schlechte Service der Telekom ist legendär. Und nun auch noch ein Streik, der ausgerechnet die Betreuung der Kunden durch Callcenter und die Beseitigung von Störungen betrifft. Die Gewerkschaft Verdi, die im vergangenen Jahr schon die Müllmänner in einen Arbeitskampf führte, so schreibt zum Beispiel ein Diskutant, habe die Zeichen der Zeit wohl nicht erkannt: "Bewegt eure faulen Ärsche, wir leben in 2007!" Aber sind hier tatsächlich nur unverbesserliche Besitzstandswahrer am Werk? Wer verstehen will, warum heute die gesamte Belegschaft ihrer Unternehmensführung misstraut, muss die Kapriolen nachvollziehen, die der Konzern in den vergangenen Jahren geschlagen hat.

32.000 müssen den Konzern verlassen

Da war zuerst Ron Sommer, Chef von 1995 bis 2002. Er brachte die T-Aktie an die Börse, kaufte Beteiligungen zusammen und finanzierte die Expansion zu großen Teilen auf Pump. Interimsboss Helmut Sihlers einzige Mission war, möglichst schnell einen Nachfolger zu finden. Dann kam Kai-Uwe Ricke. Er warf das Ruder herum. Rückzug aus Märkten und Schuldenabbau waren nun angesagt. Die Folge: sparen, sparen, sparen. Ricke vereinbarte mit Verdi vor gerade drei Jahren einen Beschäftigungspakt. Die Arbeitszeit wurde bei teilweisem Lohnverzicht auf 34 Stunden verkürzt. Die Ansage war, es gebe nicht genügend Arbeit mehr für alle. Jetzt ist Obermann am Drücker. Er verlangt plötzlich wieder längere Arbeitszeiten bei weiterem Gehaltsverzicht. Jetzt soll es auf einmal genug Arbeit geben, sie sei nur zu teuer, predigt der Chef. Dabei müssen 32.000 Menschen bis Ende 2008 ohnehin den Konzern verlassen - allerdings sozialverträglich abgefedert.

Gleichzeitig zahlt die Telekom nahezu ihre kompletten Nettoeinnahmen von gut 3,1 Milliarden Euro als Dividende aus, um die Anteilseigner zu bedienen und den Aktienkurs zu stützen. So etwas machen sonst nur Unternehmen, in denen Heuschrecken- Fonds das Sagen haben. Wer soll das alles verstehen? Eine seriöse, langfristige Strategie jedenfalls sieht anders aus. T-Boss Obermann hatte bei seinem Amtsantritt schonungslos die Schwächen des Konzerns selbst benannt. "Erreichbarkeit, Termintreue und Problemlösung" seien schlicht "unbefriedigend", schrieb er auch an seine Mitarbeiter. "Wir sind ein bevorzugtes Gesprächsthema in den Kneipen der Republik. Es ist seit geraumer Zeit in Mode, sich über uns lustig zu machen." Obermann setzt seine Hoffnung auf einen verbesserten Service und mehr mobile Datendienste. Wohin genau er aber eine schlankere Telekom führen will, hat er bis heute nicht verraten. Das kritisieren mittlerweile auch die Anteilseigner. "Obermann hat in vielem recht, was er sagt", sagt ein Insider beim Telekom-Großaktionär Bund, "aber er hat leider noch nicht viel richtig gemacht."

Seinen ersten Fehler machte Obermann gleich bei seinem Amtsantritt. Er kam von der Handysparte T-Mobile, wo die Geschäfte lange Zeit sehr gut liefen - anders als im traditionellen Telefon-Business. "Bullshit Castle" nannten die jungen Wilden um Obermann die Konzernzentrale auf der anderen Rheinseite in Bonn. Wenn es um neue Produkte ging, die Handy, Festnetz und Internet verbinden sollten, stellte sich der Mobile-Manager Obermann regelmäßig quer. Zwischen den Bereichsverantwortlichen herrschte ein rüder Ton, bei Sitzungen schrie man sich bisweilen nur noch an. Als Obermann Mitte November seine Gefolgsleute in die Zentrale nachholte, habe dies "einer Machtübernahme" geglichen, erzählt ein ehemaliger Telekom-Manager: "Die kamen über den Rhein und haben sich benommen, als würden hier nur Idioten arbeiten." Obermann-Intimus Timotheus Höttges, der heute im Vorstand das gesamte Deutschlandgeschäft leitet, hatte bei T-Mobile zuvor noch eine kleine Ansprache gehalten - nach dem Motto: "Jetzt zeigen wir es denen da drüben mal." Seitdem ist das Klima in der Konzernzentrale vergiftet.

Obermann fehlt diplomatisches Geschick

Auch Obermanns PR-Strategie ging nach hinten los. Er malte Untergangsszenarien ("Wir segeln knapp über Grund"), um seine Sparpläne intern besser begründen zu können. Doch die Mitarbeiter empfanden das als mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit. Und die Kunden wollten auch nicht bei einem Unternehmen bleiben, das vom eigenen Chef so negativ dargestellt wurde. Allein im ersten, traditionell starken Quartal des Jahres verlor die Telekom 588.000 Anschlüsse. "Wer bleibt schon gern beim Verlierer", sagt ein Branchenexperte, "das ist so, als würde sich ein Mercedes-Chef hinstellen und sagen, bei uns fliegen in der nächsten Zeit leider alle Autos aus der Kurve." Ein Unternehmen wie die Telekom zu lenken erfordert diplomatisches Geschick. Das fehlt Obermann offensichtlich. Der Bund, mit 31,7 Prozent immer noch der größte Aktionär, erwartet politische Rücksichtnahme. Die Kunden wollen niedrige Preise und einen besseren Service. Die Aktionäre wünschen sich Kursgewinne und höhere Dividenden. Und die Arbeitnehmer möchten einen sicheren Job. Das alles ist kaum unter einen Hut zu bringen - aber Obermann scheint es noch nicht einmal zu versuchen.

Allerdings macht es ihm auch die Bundesregierung ziemlich schwer. Die Priorität von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) ist längst das Geldverdienen - eine Milliarde Euro Dividende fließt in seine Kasse. Deshalb verbündete sich der Bund bei der Telekom mit der amerikanischen Investmentfirma Blackstone - mit einem Unternehmen also, das Steinbrücks Parteifreund Franz Müntefering mit Heuschrecken verglichen hatte. Blackstone, das von Ex-Telekomchef Ron Sommer beraten wird, hält 4,5 Prozent der T-Aktien. Im Aufsichtsrat stimmten der Bund und die Investmentfirma gemeinsam für die Auslagerungspläne Obermanns - gegen die zehn Gewerkschaftsund Betriebsratsvertreter. Und auch ein neuer Personalvorstand wurde kürzlich gegen den Widerstand der Arbeitnehmerbank durchgesetzt. Ein Vorgang, der bei der Telekom den jahrzehntelangen Gepflogenheiten der Mitbestimmung widerspricht und der auch in Dax-Konzernen unüblich ist. Verdi- Bundesvorstand und Telekom-Aufsichtsrat Lothar Schröder sagt: "Der Kooperationskurs ist der Konfrontation gewichen."

Für Verdi steht viel auf dem Spiel

Im aktuellen Konflikt steht für Verdi viel auf dem Spiel. Wenn es der Telekom gelingt, Zehntausende in schlechter bezahlte Jobs abzuschieben, dann würden andere Konzerne folgen. Zudem sorgte die Gewerkschaft selbst für ein Dilemma: Sogar innerhalb der Telekom gelten unterschiedliche Tarife - beispielsweise für rund 3000 Callcenter-Mitarbeiter bei T-Mobile. Vor einem Jahr war mit dem Verkauf der Callcenter gedroht worden, Verdi lenkte ein. Das hat nun Folgen für die Streikenden, denn die niedrigeren Maßstäbe bei T-Mobile legt Obermann nun auch für die 50.000 Mitarbeiter an, die in die neue T-Service zwangsversetzt werden sollen. Aber auch Unternehmenschef Obermann steht mächtig unter Druck. Ihm läuft die Zeit davon. Es hilft ihm wenig, nur beim Personal zu sparen. Er muss auch die Abwanderung der Kunden zur billigeren Konkurrenz stoppen und dem ganzen Konzern wieder neue Fantasie einhauchen.

Interessante Pläne dafür liegen seit Längerem in der Schublade. Die Telekom könnte erstmals einen schnellen Internetanschluss inklusive Telefon über das Netz zum Preis von 39,90 Euro anbieten, intern "IP One" genannt. Doch bisher scheute Obermann sich, ein solches Billigangebot einzuführen: Der Preis würde wohl wieder Kunden locken, gleichzeitig aber auf die Gewinne drücken. Für den Chef ist das ein großes Risiko. Wenn die Telekom nach zwei Gewinnwarnungen im August und Januar nun erneut die Prognosen senken müsse, dann koste dies Obermann den Job, meint ein Insider beim Großaktionär Bund: "Das weiß er auch. Entscheidend ist, wie die Telekom im Herbst dasteht."

17 Umstrukturierungen in 13 Jahren

Gut möglich, dass Obermann deswegen schon bald die Flucht nach vorn, genauer ins Ausland antritt. Eine große Akquisition, so wird es in seinem Beraterzirkel diskutiert, könne dem Unternehmenschef Luft verschaffen: Der Sprung der Telekom in einen der neuen Boom-Märkte Asiens etwa oder der Kauf eines europäischen Schwergewichts. Schon seit mehr als einem Jahr wird in der Konzernzentrale in Bonn immer wieder gerechnet: Wie viel würde ein Einstieg in Indien kosten, was der Kauf der British Telecom? Indien wurde bisher als zu kompliziert verworfen, der ehemalige britische Monopolist als zu teuer eingeschätzt. Jetzt wird neu geprüft. Ein Coup in der Ferne würde die Probleme zu Hause überstrahlen. Für Obermann könnte es die Rettung bedeuten - für die Telekom-Mitarbeiter die nächste Umstrukturierung. Es wäre die 17. in 13 Jahren.

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