HOME

Renteninfo: Alles Schnee von gestern

Was die Rentenversicherer noch 2002 oder 2003 vorrechneten, ist überholt. Die optimistischen Prognosen werden in den Renteninformationen 2004 deutlich nach unten korrigiert.

Im Laufe dieses Jahres werden es viele der über 40 Millionen Rentenversicherten schwarz auf weiß sehen: Ihr staatliches Altersruhegeld wird wohl nicht so hoch ausfallen, wie sie vor kurzem vielleicht noch dachten. Was ihr Rentenversicherer noch 2002 oder 2003 als denkbare, künftige Monatszahlung vorrechnete, ist bereits überholt. Die bislang optimistischen Prognosen müssen schon in den Renteninformationen 2004 nach unten korrigiert werden. Verbraucherschützer raten, die alten wie neuen Prognosen mit Vorsicht zu genießen. Als bare Münze sind sie kaum tauglich.

Seit Mitte 2002 sind die gesetzlichen Rentenkassen dabei, Post an ihre Versicherten zwischen 27 und 53 Jahren zu verschicken. Darin wird den Arbeitnehmern vorgerechnet, mit wie viel Geld im Monat sie ganz persönlich ab 65 einmal rechnen können. Ziel: Die Bürger auf Versorgungslücken im Alter aufmerksam zu machen und sie zu mehr privater Vorsorge zu animieren.

Die Lage wird schön gerechnet

Doch die bisherigen Berechnungen spiegelten offenbar nicht realistisch genug die Zukunftsaussichten wider. Die Lage werde in den Renteninfos schön gerechnet, warnt Peter Grieble, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die bisherigen Hochrechnungen "sind sicher ein bisschen zu hoch" ausgefallen, räumt Ulrich Theil, Sprecher der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) ein. In diesem Jahr würden die Prozentsätze für die Prognosen gesenkt. Details seien noch nicht spruchreif. Außerdem soll den Bürgern jetzt stärker klar gemacht werden, dass die ausgewiesenen Beträge nur modellhafte Hochrechnungen sind.

Unrealistische Steigerungen zugrunde gelegt

Drei Szenarien werden den Versicherten unter anderem aufgemacht: eine Hochrechnung ohne Rentensteigerung, eine Prognose mit 1,5 prozentiger Erhöhung pro Jahr und eine mit 3,5 Prozent Rentensteigerung jährlich. Weil statt mehr Geld für die Rentner auf absehbare Zeit nur Einschnitte auszumachen sind, kritisieren Experten und Verbraucherschützer die vorläufigen Bescheide schon seit längerem als irreführend und realitätsfern. Jetzt wird nachgebessert.

"Vielleicht liegen die Prognosen dann etwas weniger weit weg von der Realität", meint Grieble. Klartext werde aber nach wie vor nicht geredet. Selbst Hochrechnungen mit 2 Prozent Rentensteigerung seien viel zu optimistisch. Von einer ungeschminkten Vorhersage auf die mageren Renten der Zukunft könne keine Rede sein, solange die Bürger nicht auch eine "Schlechtannahme", also den schlimmsten Fall vorgerechnet bekämen. Der Kaufkraftverlust werde auch nach der Korrektur nicht einbezogen. "Bisher wird mit Millionen Euros nur viel Aufwand betrieben, die gesetzliche Rentenversicherung im tollen Licht dastehen zu lassen," kritisiert der Stuttgarter Experte.

Weniger Rente für alle

Die Summen in den Bescheiden sollten lediglich als grobe Orientierung begriffen werden, empfiehlt auch Rentenexperte Theo Pischke von "Finanztest". Wegen immer neuer Eingriffe in die Rente könne niemand genau voraussagen, wie viel Geld vom Staat einmal in 10, 20 oder 30 Jahren zu erwarten sei. Garantiert sei ohnehin kein Betrag, unterstreicht Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und ist überzeugt: "Je weiter die Rente noch weg ist, desto unsinniger sind die Hochrechnungen."

Renteninfos hin oder her: Die harte Zukunft hat schon längst begonnen. Denen, die schon in Rente sind, wird in diesem Jahr eine Nullrunde verordnet. Außerdem müssen sie ab April mehr für die Pflegeversicherung zahlen. Ein Ruheständler, der 1.000 Euro im Monat kriegt, hat dann 14,20 Euro weniger im Portemonnaie, wie "Finanztest" berechnete. Betriebs- und freiwillig versicherte Rentner müssen noch dazu höhere Krankenkassenbeiträge berappen.

Kein Ende des Streichkonzerts

Ab 2005 soll das Streichkonzert nahtlos weitergehen - und nicht nur bereits laufende Altersbezüge, sondern auch die Rentner in spe treffen. So wird wohl die Anrechnung von Schul- und Studiumszeiten Schritt für Schritt abgeschafft. Jeder fünfte Versicherte wird allein von diesem Einschnitt dann betroffen sein. Wer eine hohe Rente bekommt, soll ab nächstem Jahr mehr Steuern zahlen. Ab 2040 soll die gesamte Rente steuerpflichtig sein.

"Nachhaltige Rente" bedeutet weniger Rente

Gleichzeitig wird ein so genannter Nachhaltigkeitsfaktor in die Formel zur Rentenberechnung eingeführt. Das bedeutet: Gibt es mehr Rentner und weniger Beitragszahler - wie zurzeit - fallen die Renten geringer aus. Absehbare Konsequenz für die Zukunft: "nachhaltig weniger Rente" für alle, so der düstere Ausblick von "Finanztest".

"Den Bürgern bleibt nur eins übrig: fürs Alter zusätzlich sparen, sparen, sparen", lautet das Fazit Griebles.

Berrit Gräber/AP