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Russland: Allein in der Steppe

Spannende Projekte und lukrative Geschäfte warten nicht nur in der boomenden Hauptstadt Moskau auf deutsche Unternehmen. Auch die russische Provinz hat ihren Reiz.

Am schönsten findet Johannes Egbert die südrussische Steppe im Frühsommer. Blumen in allen Farben bedecken die weite Ebene, die Luft ist würzig. "Man kann die gesunde Wirkung förmlich riechen", schwärmt der deutsche Agraringenieur. Seit fast zwei Jahren lebt Egbert (42) in der Steppe auf einem russischen Gestüt - als einziger Ausländer weit und breit. Rostow am Don als nächste Großstadt ist 140 Kilometer entfernt, und von dort sind es wiederum 1000 Kilometer bis in die Hauptstadt Moskau.

Die deutsche Exportförderung hat Egbert in die russische Provinz verschlagen. Auf dem Trakehner-Gestüt 'Kirow' in Woronowo ist 2001 eine 'NRW-Musterfarm' eingerichtet worden. Sechs Firmen aus Nordrhein-Westfalen lieferten dafür die ganze Bandbreite an modernen Landmaschinen.

Dazu zahlt das Wirtschaftsministerium in Düsseldorf Egberts Arbeit als Berater. Er erprobt den bestmöglichen Einsatz der Technik, organisiert 'Feldtage' mit Vorführungen, knüpft Kontakte zu regionalen Firmen und Behörden. "Außerdem halte ich Vorträge an der Universität von Nowotscherkassk", sagt Egbert. Dort werden russische Agraringenieure ausgebildet.

"Ich habe nie gedacht, mal nach Russland zu kommen", sagt der bodenständige Westfale. Doch die Verpflanzung in die Steppe, die Heimat der Don-Kosaken, scheint gelungen. "Schon am dritten Tag war ich zur ersten Hochzeit eingeladen", erzählt Egbert. Er lebt im Gästehaus des Betriebs, für den die Trakehnerzucht eher ein Nebenerwerb ist. Wichtiger ist der Landbau mit Getreide und Sonnenblumen auf 30 000 Hektar Fläche. Ein Dorf mit 6000 Menschen hängt von dem Betrieb ab. Diese ganze neugierige Gemeinschaft passt auf den Gast aus Deutschland auf. "Es wissen immer alle, wo ich bin."

Der Schritt deutscher Exporteure in die russische Provinz ist nicht zufällig. Zwar lässt sich das meiste Geld immer noch in der boomenden Hauptstadt Moskau verdienen, doch die Regionen holen wirtschaftlich auf. St. Petersburg, Nowgorod oder Nowosibirsk in Sibirien ziehen Investitionen an. Im Süden in den fruchtbaren Ebenen an Don und Wolga haben riesige Agrar-Holdings mit intensiver Bewirtschaftung die Kolchos-Landwirtschaft abgelöst.

Außerdem ist die Stadt Rostow mit einer Million Einwohnern ein wichtiger Industriestandort. Hier produziert unter anderem die größte Mähdrescher-Fabrik in Russland. Nordrhein-Westfalen als Partner des Gebiets Rostow unterhält neben der Musterfarm auch andere Projekte zur Exportförderung. Seit 2000 existiert ein NRW-Firmenpool, dem zurzeit fünf mittelständische Unternehmen angehören. Der Pool hilft ihnen organisatorisch und juristisch beim Weg auf den südrussischen Markt, sagt Projektleiterin Elena Matekina vom 'Russland Support Center' des NRW-Wirtschaftsministeriums.

Für die Landmaschinenfirmen hat sich das Projekt 'Musterfarm' nach Einschätzung von Egbert gelohnt. "Der Bekanntheitsgrad der Firmen ist sehr hoch." Es gab auch weitere Bestellungen deutscher Technik. Als erster westlicher Landtechnikhersteller unterzeichnete die Firma Claas (Harsewinkel) Mitte Mai den Vertrag über den Bau einer eigenen Fertigungsanlange ihrer Mähdrescher im Nachbargebiet Krasnodar.

Friedemann Kohler / DPA