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Schwangere neue Yahoo-Chefin Mayer: Yes, she can

Sie ist jung. Sie ist qualifiziert. Und, tja, sie ist schwanger. Trotzdem hat der angeschlagene Tech-Riese Yahoo Google-Managerin Marissa Mayer zur Chefin gemacht. Wie konnte das passieren?

Von Florian Güßgen

Was für ein Aufschlag. Erster Tweet am Montag: "Ich bin wahnsinnig aufgeregt, dass ich morgen meine neue Rolle bei Yahoo übernehme." Bam. Marissa Mayer, eine Top-Managerin von Google, geht zur angeschlagenen Konkurrenz. Eine Nachricht für Insider. Die Tech-Blogs, die Wirtschaftsmagazine und -seiten. Aber dann, nur wenige Stunden später, bam, der zweite Tweet an die rund 170.000 Follower. "Und noch eine gute Nachricht heute: @zackbogue und ich erwarten einen Jungen" - und ein Link auf einen Bericht von "Fortune"-Journalistin Patricia Sellers. Mit @zackbogue war ihr Mann, der Anwalt und Investor Zachary Bogue gemeint. Das Baby solle am 7. Oktober auf die Welt kommen, stand da. Und: "Er ist super aktiv. Er bewegt sich viel. Die Ärzte sagen, dass er nach den Eltern gerät."

Spätestens mit dem zweiten Tweet ist die 37-Jährige Marissa Mayer auch für die Nicht-Tech-Welt interessant. Sicher, die Frau ist jung, qualifiziert. Aber sie ist eben auch im siebten Monat schwanger. Und ein großes US-Unternehmen hat sie dennoch als Chefin angeheuert. Was heißt das? Was bedeutet das? Wofür steht das? Bricht sie gar diese Glasdecke, an der Karrieren von Frauen regelmäßig scheitern?

Rache an Google?

Mayer, die an der Elite-Universität Stanford Computerwissenschaften studiert hat, ist ein Google-Gewächs der ersten Stunde. Sie war die erste Entwicklerin der Firma, Mitarbeiterin Nummer 20. Seit Jahren gehört sie zum Top-Management des Suchkonzerns, war zuletzt für das Geschäft mit Landkarten zuständig - Google Maps, Google Earth und Zagat. Im Silicon Valley gehört sie definitiv zu den Großen, vor allem zu den wichtigen Frauen. Zu ihrer aktuellen Rolle im Unternehmen gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Ob sie an Einfluss verloren hat oder nicht, lässt sich nur schwer sagen. In einer lesenswerten Analyse zum unternehmerischen Hintergrund zitiert Spiegel Online einen Tweet des Bloggers Dustin Curtis, der Mayers Wechsel definitiv als einen Akt gegen Google wertet: Das Leben der Marissa Mayer: Akt I: Google. Akt II: Rache." Verwaltungsratschef Eric Schmidt versicherte laut Reuters vorsorglich, dass Mayer nicht an den Rand gedrängt worden sei.

Aber einerlei. Für das angeschlagene Yahoo ist Mayers Verpflichtung in jedem Fall ein großer Fang. Das Unternehmen verschliss zuletzt Chef um Chef, drei binnen eines Jahres, mit Carol Bartz war auch eine Frau an der Spitze darunter. Insofern ist es für den Konzern eine blendende Idee, eine frische und prominente Figur wie Mayer anzuheuern. "Es ist das erste Mal seit Jahren, dass viele Leute wieder darüber nachgedacht haben, wieder bei Yahoo zu arbeiten", zitiert "Techcrunch" einen anonymen ehemaligen Yahoo-Mitarbeiter, um eine Art Mayer-Effekt zu belegen. Am Montag war sie noch Google-Mitarbeiterin, am Dienstag fängt sie schon bei Yahoo an.

Und? Was heißt das jetzt?

Das Besondere an der Personalie ist auch, dass Mayers Schwangerschaft offenbar für den Yahoo-Verwaltungsrat nichts Besonderes war. In dem Sellers-Bericht wird beschrieben, wie die Verpflichtung genau ablief. Demnach erhielt Mayer am 18. Juni einen Anruf von einem Headhunter, der sie im Auftrag von Yahoo kontaktierte. Schon zu einem frühen Zeitpunkt eröffnete sie ihren Gesprächspartnern, dass sie schwanger ist. Das war offenbar kein Hinderungsgrund für das Findungsgremium und den Verwaltungsrat. Ein paar Tage später erhielt Mayer das Jobangebot.

Ihre Schwangerschaft könnte eine ganze Reihe von Debatten befeuern. Ist Yahoo nun unversehens Vorreiter bei der wichtigen Gleichstellung von Frauen in Führungspositionen geworden - dank des starken Signals, dass selbst eine Schwangerschaft eine Frau nicht daran hindern sollte, Top-Jobs zu bekommen? Hat Mayer nun unvermittelt Zeichen gesetzt für all jene Frauen, die sich scheuen, wegen einer Schwangerschaft im Job weiter Karriereansprüche zu stellen? Oder ist der Fall Mayer ein Einzelfall, mehr noch: ein Zufall, einem verzweifelten Unternehmen geschuldet, das um jeden Preis eine Top-Managerin aus dem Metier haben wollte, sogar um den Preis einer schwangeren Top-Managerin?

Mayer, Sandberg und Slaughter

Gut möglich, dass der Fall Mayer auch eine zweite Debatte beeinflusst. Nämlich jene, die Anne-Marie Slaughter vor einigen Wochen in den USA angestoßen hat. Slaughter, eine Super-Professorin und bis zum vergangenen Jahr Planungschefin in Hillary Clintons Außenministerium, hatte in einem weithin rezipierten Essay in "The Atlantic" behauptet, dass Frauen nicht alles haben können, dass es schlicht nicht machbar ist, Top-Jobs und Familie in Einklang zu bringen, dass frau sich also entscheiden muss - solange sich an den gesellschaftlichen Umständen nichts geändert habe.

Ihr könnt nicht alles haben, lautete die These der Feministin - die bei anderen Feministinnen selbstredend auf Widerstand stieß. Die orientierten sich lieber an dem Modell und dem Erfolg einer anderen Tech-Managerin: Sheryl Sandberg. Facebooks Nummer zwei hat Familie und rief unter anderem bei einer viel beachteten Rede vor College-Absolventinnen dazu auf, dass Frauen nur den Mut haben müssten, sich zu nehmen, was ihnen zustünde. Sie müssten nur gut sein.

Das ist wohl die Variante, für die sich auch Mayer entschieden hat. In dem Fortune-Bericht sagte sie, dass sie sich nach der Geburt nur eine kurze Auszeit nehmen werde. "Ich mag im Rhythmus bleiben", sagte sie. "Meine Zeit im Mutterschutz wird ein paar Wochen lang sein, und ich werde währenddessen arbeiten." Sicher ist, Mayer wird künftig nicht nur als Yahoo-Chefin unter Beobachtung stehen, sondern auch als Mutter. Am Dienstagabend will Yahoo nach Börsenschluss erst einmal Zahlen präsentieren - offenbar noch ohne Mayer.