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Sicherheit: Wie prüft der TÜV Atomkraftwerke?

Nicht nur Autos müssen zum TÜV, sondern auch Atomkraftwerke. Aber wie gehen die Gutachter genau vor? Und welche Rolle spielten sie bei der Panne im Kraftwerk Krümmel? Im stern.de-Interview erläutert der TÜV-Experte Rudolf Wieland, wo in der Branche der Sachverstand fehlt.

Herr Wieland, in einem Artikel aus dem Jahr 2003 haben Sie geschrieben, dass der Atomausstieg die Berufsperspektiven der Kernkraftexperten "grundlegend verändert" hat. Hat die TÜV Nord Gruppe heute überhaupt noch genügen Experten, die Kernkraftwerke überprüfen können?

Die TÜV Nord Gruppe hat noch genügend Experten, weil wir schon vor vielen Jahren damit begonnen haben, eine eigene Ausbildung zu organisieren. Das Problem ist, dass an den Universitäten Kerntechnik nur an wenigen Stellen mit wenigen Studenten studiert wird. Wir haben es geschafft, eine Zusatzausbildung "Kerntechnik" anzubieten, mit der man zum Beispiel auf einem Physik- oder einem Maschinenbaustudium aufbauen kann. So haben wir in den letzten Jahren rund 250 Mitarbeiter gewonnen.

Gibt es in Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern, die die Kerntechnik stärker nutzen, einen Kompetenzverlust?

In frühen Jahrgängen der 70er und 80er Jahre hatten wir noch die komplette Kompetenz in Deutschland. Tatsächlich ist uns einige Kompetenz im Laufe der Jahre verloren gegangen, vor allem jedoch bei den Herstellern. Das sieht man daran, dass der Konzern "Areva", in dem eine Sparte von Siemens aufgegangen ist, heute erhebliche Probleme hat, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Bei den Betreibern ist das weniger ein Problem, weil im Betrieb befindliche Anlagen immer wieder Nachwuchs erzeugt haben. Auch die Gutachter haben die Kompetenz erhalten.

Aber der Kompetenzverlust bei den Herstellern ist ja nicht weiter tragisch: In Deutschland werden ohnehin keine Kraftwerke mehr gebaut ...

Nein. Aber "Areva" baut ein Atomkraftwerk in Finnland. Allein in Deutschland hat der Konzern deshalb mehr als 300 neue Mitarbeiter gesucht - und da war es eben schwer, qualifizierte Kräfte zu finden.

Der TÜV kann damit beauftragt werden, die Sicherheit von Kernkraftwerken - wie etwa von dem Werk in Krümmel - zu überprüfen? Wie läuft so eine Prüfung ab?

Insgesamt haben wir in Deutschland rund 1000 Sachverständige. Die Aufsichtsbehörde, etwa das Sozialministerium in Schleswig-Holstein, beauftragt den TÜV, bestimmte Prüfungen wahrzunehmen. Dazu gehören typische wiederkehrende Prüfungen auf der Anlage, bei denen Systeme getestet werden. Eine zweite Aufgabe ist die Ereignisbewertung, wenn es etwa einen Vorfall gegeben hat. Dann muss man bewerten, welche sicherheitstechnische Bedeutung der Vorfall hatte, in welchem Zustand die Anlagen sind, ob die geplanten Abhilfemaßnahmen wirksam sind. Alle zehn Jahre wird die Anlage von vorne bis hinten begutachtet.

Wie viele Mitarbeiter sind bei Prüfungen vor Ort?

Während des jährlichen Anlagenstillstandes eines Kraftwerkes sind rund 50 bis 60 Mitarbeiter auf der Anlage, während der normalen Laufzeiten im Schnitt zwei bis drei Gutachter. Die sind dann auch Ansprechpartner für die Aufsichtsbehörde.

Wo fängt man bei so einer Überprüfung an?

Bei den Sicherheitssystemen, die zum Abschalten nötig sind, zur Nachwärmeabfuhr, zur Begrenzung des Druckes und zum Einschluss radioaktiver Stoffe. Diese Systeme werden mindestens einmal im Jahr überprüft, manche alle vier Wochen, andere in noch kürzeren Abständen. Bei diesen Prüfungen sind wir überwiegend anwesend. Wichtig ist auch die Integrität von Komponenten, sodass keine radioaktiven Stoffe entweichen können. Das wird in der Regel in den Revisionszeiten gemacht, weil die Anlage für diese Prüfung still stehen muss.

Haben Sie auch so etwas wie eine Sondereingreiftruppe, die im Notfall schnell reagieren kann?

Wenn ein Ereignis bei uns gemeldet wird, werden zu normalen Arbeitszeiten unsere vor Ort tätigen Mitarbeiter innerhalb von Minuten eingebunden, nachts gibt es eine Bereitschaft. Die erste Frage lautet dann: Ist die Anlage in einem sicheren Zustand? Bei einem "normalen" Ereignis geben wir binnen 24 Stunden auch eine erste Empfehlung an die Behörde ab, was jetzt zu tun ist. Bei gravierenden Ereignissen sind wir dauernd im Kontakt.

Schaden Pannen wie jetzt im Atomkraftwerk Krümmel dem Ansehen der Gutachter?

Meines Erachtens nicht. Zum einen haben in Krümmel die Sicherheitssysteme, die auch wir prüfen, funktioniert. Zum anderen haben wir auf die aufgetretenen Vorfälle sofort reagiert und unsere Überprüfungen vorgenommen. Ich habe bei den Pressekonferenzen und im Landtag feststellen können, dass unsere Expertise hoch anerkannt wird.

Interview: Florian Güßgen