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Siemens-Hauptversammlung: Der heiße Stuhl

Auf seinem Platz in der Münchner Olympiahalle wird es für Klaus Kleinfeld heute unbequem: Der Siemens-Konzernchef wird sich harsche Kritik von den Anlegern anhören müssen. Wegen der Schmiergeldaffäre drohen sie damit, den Vorstand nicht zu entlasten.

Dem Siemens-Konzern steht heute nach der Schmiergeldaffäre und der Pleite des ehemaligen Handygeschäfts BenQ Mobile eine turbulente Hauptversammlung bevor. Auf dem Aktionärstreffen in der Münchner Olympiahalle wird mit heftiger Kritik am Management gerechnet. Aktionärsschützer machen die Siemens-Führung auch für den Image-Schaden durch die Hiobsbotschaften mit verantwortlich. Erst am Mittwoch war bekannt geworden, dass Siemens wegen Preisabsprachen bei Schaltsystemen für Stromnetze eine Rekord-Strafe von mehr als 400 Millionen Euro an die EU zahlen soll. Zu der Hauptversammlung haben sich rund 30.000 Aktionäre angemeldet.

Kleinfeld verspricht Aufkärung

Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hat den Aktionären zum Auftakt der Hauptversammlung eine vollständige Aufklärung der Schmiergeldaffäre zugesagt. Einzelne aktive und ehemalige Siemens-Mitarbeiter hätten sich ungesetzlich verhalten, sagte Kleinfeld laut Redetext. "Als ich davon erfahren habe, war ich zunächst fassungslos." Für unsaubere Geschäftspraktiken gebe es keinen Platz bei Siemens. Der Konzern wolle nun die Krise als Chance nutzen und zum Vorbild werden. Siemens geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren bis zu 420 Millionen Euro in schwarze Kassen geflossen sind. Siemens-Aufsichtsrats-Chef Heinrich von Pierer sagte zur öffentlichen Kritik an der 30-Prozent-Gehaltserhöhung für den Vorstand: "Wir werden in Zukunft Gehaltssprünge in dieser Dimension vermeiden."

Entlastung des Vorstandes fraglich

Ein einflussreicher US-Berater institutioneller Investoren hat seinen Kunden einem Zeitungsbericht zufolge empfohlen, gegen die Entlastung der Konzernspitze zu stimmen. Die Großanleger sollen wegen der Schwarzgeld-Affäre sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat nicht entlasten, berichtete das "Handelsblatt" vorab. Der Institutional Shareholder Service (ISS) begründet die ablehnende Haltung gegenüber der Siemens-Führung dem Bericht zufolge damit, dass das Management zu spät auf den Korruptionsskandal reagiert und damit seine Pflichten vernachlässigt habe. Auch die deutschen Privatanleger-Verbände SdK und DSW haben bereits angekündigt, der Siemens-Spitze die Entlastung zu verweigern. ISS war zunächst nicht zu einer Stellungnahme bereit.

Kleinanleger rebellieren

"Bei Siemens ist gewaltig der Wurm drin", sagte Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) dem Tagesspiegel. "Die schlechte Produktivität des Konzerns mit Mitteln wie Korruption und Kartellverstößen zu kompensieren, ist nicht statthaft." Das könnten die Aktionäre nicht akzeptieren. "Wir halten den Vorstand von Siemens für verantwortlich, ungesetzliche Dinge zugelassen zu haben", sagte Bender weiter. "Die Gewinne, die daraus entstehen, sind unmoralisch." Bender forderte, die verantwortlichen Manager zur Rechenschaft zu ziehen.

Wichtige Entscheidungen kurz vor Hauptversammlung

Kurz vor der Hauptversammlung überrascht der Konzern mit zwei Meldungen. Der Siemens-Bereich Automation and Drives (A&D) hat den amerikanischen Softwarehersteller UGS für 3,5 Milliarden US- Dollar (rund 2,7 Milliarden Euro) gekauft. Die teilte das Unternehmen am frühen Donnerstagmorgen in München mit. Die Transaktion stehe unter dem Vorbehalt der Zustimmung der zuständigen Behörden. Zugleich verkündete der Konzern, dass der Autozulieferer Siemens VDO mit zuletzt rund zehn Milliarden Euro Umsatz an die Börse gebracht werden soll. Die Mehrheit will Siemens aber behalten. "Wir wollen diese Dynamik beibehalten", sagte Vorstandschef Klaus Kleinfeld mit Blick auf die zahlreichen Veränderungen.

Siemens macht mitten in der Krise zumindest operativ Fortschritte. Im ersten Quartal 2006/07 (30. September) stieg das operative Ergebnis der Bereiche um 51 Prozent auf gut 1,6 Milliarden Euro gestiegen, teilte Siemens am Donnerstag vor der Hauptversammlung mit. Der Gewinn nach Steuern sank wegen der Belastungen in Höhe von 423 Millionen Euro daher im ersten Quartal um 16 Prozent auf 788 Millionen Euro.

Image hat stark gelitten

Die Schmiergeldaffäre und die Pleite der früheren Handysparte BenQ Mobile haben das Image von Deutschlands größtem Elektrokonzern Siemens nach Einschätzung von Experten schwer beschädigt. "Das Wunderkind Siemens hat Glanz verloren", sagt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Laut einer aktuellen Studie ist das Medienimage so schlecht wie seit Jahren nicht mehr, die negativen Nachrichten überwiegen die positiven. Die insgesamt erfolgreiche geschäftliche Entwicklung des Konzerns gerät dabei sehr zum Verdruss von Konzernchef Kleinfeld in den Hintergrund. Daran dürfte auch die Veröffentlichung guter Quartalszahlen am Donnerstag vor Beginn der Hauptversammlung nichts ändern.

DPA/Reuters/Mai / DPA / Reuters