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Statt Insolvenz: Der Aufstand der Fahrradmonteure

Vom Eigentümer aufgegeben wehren sich die Mitarbeiter der Thüringer BikeSystems gegen die Insolvenz ihres Unternehmens: Sie haben das Firmengelände besetzt - und stellen nun das "Strike Bike" in Eigenregie her.

Von Steffen Ermisch

Der Protest gegen die Heuschrecke hat drei Gänge, wiegt 17 Kilogramm und hat einen Nabendynamo. Mit dem "Strike-Bike" wollen die Mitarbeiter des Ende Juni stillgelegten Fahrradwerks Bike Systems zeigen: Wir können es doch! Ihr Werk im thüringischen Nordhausen fiel an den Finanzinvestor Lone Star, als der Ende 2005 die Biria-Gruppe erwarb. Obwohl der neue Eigentümer aus Texas nach eigenem Bekunden viele Millionen Euro in die Sanierung steckte, wurde im August ein Insolvenzantrag gestellt.

Von der "Heuschrecke" aufgegeben

Seitdem die Pläne Mitte Juli bekannt wurden, besetzen die 124 Arbeiter das Werk. Formell handelt es sich um sich um eine Betriebsversammlung. In Eigenregie entwickelten die Rebellen das 275 Euro teure "Strike-Bike". 1800 Bestellungen mit Bezahlung im Voraus mussten zusammenkommen, um ohne Verlust produzieren zu können. Jetzt melden die von ihrem Chef angeblich als "Bolschewistenschweine" beschimpften Rad-Arbeiter, die Soll-Zahl erfüllt zu haben. "Wir hatten sogar 200 Bestellungen aus dem Ausland", jubelt André Kegel vom Verein "Bikes in Nordhausen", zu dem sich die Mitarbeiter für die Produktion zusammengeschlossen haben.

In der übernächsten Woche sollen die Räder montiert werden. Die notwendigen Einzelteile mussten die Mitarbeiter erst bestellen, denn die Lager in Nordhausen hat Lone Star schon lange ausgeräumt. "Wir hatten hier einen Warenbestand von neun Millionen Artikeln", empört sich Kegel. "Dann hat Lone Star alles an die Mifa verkauft." Die Mifa AG in Sangerhausen ist der größte deutsche Fahrradhersteller. Die schärfste Konkurrentin war noch 2005 die Biria-Gruppe, zu der außer dem Werk in Nordhausen ein inzwischen geschlossener Standort im sächsischen Neukirch gehörte. Im Kampf um Aufträge von Super- und Baumarktketten hatten sich Biria und Mifa einen erbitterten Preiskampf geliefert. Dann übernahm Lone Star die Biria-Gruppe und schmiedete ausgerechnet einen Pakt mit der großen Konkurrentin.

Lagerbestände gingen an die Konkurrenz

Die börsennotierte Mifa AG spendierte dem texanischen Finanzinvestor Anfang des Jahres ein Aktienpaket. Im Gegenzug gab Lone Star der Aktiengesellschaft Materialvorräte und Kundenaufträge der Biria-Gruppe. "Tchibo war dabei, Aldi, Lidl, die Post, der RTL Shop", zählt Kegel auf. Er und seine Kollegen montierten zuletzt nur noch im Auftrag der einstigen Konkurrentin, die kürzlich einen Umsatzsprung vermeldet hat. Ein Arbeiter spricht aus, was viele in Nordhausen denken: "Mifa und Lone Star haben doch von langer Hand geplant, uns platt zu machen."

Dieser Darstellung widerspricht Lone Star in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber stern.de: "Es bestand zu keiner Zeit eine solche Absicht." Man habe in erheblichem Umfang in Restrukturierungsmaßnahmen investiert und das Management neu aufgestellt, um beide Standorte wettbewerbsfähig zu machen. "Eine glatte Lüge", sagt André Kegel. "Außer in neue Neon-Röhren haben die gar nichts investiert." Und auch die von Lone Star eingesetzten Geschäftsführer hätten sich für den laufenden Betrieb nicht wirklich interessiert.

Jetzt entscheidet der Insolvenzverwalter

Manager Marcus Brüning, den Lone Star nach der Übernahme der Biria-Gruppe zum Geschäftsführer machte, ist seit Mitte April Finanzvorstand bei der Mifa AG. Sein Nachfolger Frederik Müller hat sich nach Angaben der Belegschaft schon seit einem Monat nicht mehr im Werk blicken lassen. "Das Strike-Bike ist dem vollkommen egal", mutmaßt André Kegel. Der Finanzinvestor Lone Star, der infolge der Aktion mit einer Flut negativer Pressemeldungen überschwemmt wurde, gibt sich diplomatisch: "Die beabsichtigte Produktion eines Strike-Bikes unterstreicht, dass die Mitarbeiter grundsätzlich gut qualifiziert sind, Fahrräder zu produzieren." Welche Bedeutung die Eigeninitiative für die Zukunft von Bike Systems hat, will Lone Star nicht beurteilen. Das obliege dem vorläufigen Insolvenzverwalter Wolfgang Wutzke.

Der blickt wenig optimistisch in die Zukunft: "Das Strike-Bike kann das Insolvenzverfahren, das voraussichtlich Ende Oktober beginnt, nicht verhindern." Mit Beginn des Verfahrens müssen die Arbeiter das Werk räumen, weil sie auf dem Gelände dann ihre Betriebsversammlung nicht mehr abhalten dürfen. Laut Wutzke müssten monatlich 20.000 Rädern montiert werden, um den Betrieb dauerhaft fortführen zu können. Ein ernsthafter Investor sei nicht in Sicht. Die Mitarbeiter sprechen dagegen von zwei Interessenten. "Und denen beweisen wir, dass wir hier kostendeckend produzieren können", sagt Heiko Hieronymus vom Betriebsrat der Nordhausener. Auch wenn die aufmüpfigen Arbeiter die Insolvenz nicht mehr verhindern können - das knallrote Protest-Rad ist schon jetzt Kult. In Hamburg fand kürzlich sogar eine "Strike-Bike"-Party statt.