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Tabakindustrie: Vom Spaß, heutzutage Zigaretten zu verkaufen

Tabakhersteller Reemtsma klagt über das Regulierungsmonster EU, warnt vor Enteignung und steigert dennoch Umsatz und Gewinn. Wie kann das sein? Lagebericht zu einer geächteten Industrie.

Von Niels Kruse

Das Reemtsma-Bilanzpressefrühstück hat Tradition. Früher gab es am gemütlichen Firmensitz in Hamburg-Bahrenfeld Schnittchen, Kaffee und am Ende Gratis-Zigaretten plus ein Geschenk, das irgendwo im Bereich von minderschwerer Bestechung lag. Heute laden die "Cigarettenfabriken GmbH" in einen sterilen Konferenzraum in die Innenstadt, wo es zwar noch einen Imbiss gibt, aber schon längst keine Tabakwaren mehr. Rauchen ist so verpönt, dass selbst die Hersteller sich nicht mehr trauen, ihre eigenen Produkte auf ihrer eigenen Veranstaltung als, nun ja, Gastgeschenke zu verteilen.

Offenbar ist es sogar schon so weit, dass Nikotinabhängigkeit selbst für Tabakmanager nicht mehr zum Jobprofil gehört. Als Reemtsma-Vorstand Marcus T. R. Schmidt gerade dabei ist, die unerhörten Auflagen der EU in Sachen Schockbilder zu demonstrieren, fummelt er in seinem Sakko herum, findet aber leider nicht das, wonach er sucht und sagt kleinlaut: "Das ist ja jetzt unangenehm, dass ich keine Schachtel in meiner Tasche habe." Die schnelle Kippe zwischendurch scheint er nicht nötig zu haben. Aber wenn nicht einmal mehr der Chef raucht, wer denn dann?

Trotz Regulierung steigen Umsatz und Gewinn

Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob es überhaupt noch Spaß macht, für eine geächtete Industrie zu arbeiten, deren Produkte sich seit Jahren verlässlich immer weniger verkaufen. Seit 2002 verliert der Gesamtmarkt im Schnitt drei Prozent, aktuell werden in Deutschland rund 120 Milliarden Zigaretten jährlich geraucht. Schmidt sagt, was Chefs in solchen Situationen immer sagen: "Wenn es keinen Spaß machen würde, würde ich es ja nicht machen." Zumindest die Zahlen bestätigen ihn: Das Hamburger Unternehmen konnte zuletzt seinen Umsatz steigern und den Gewinn ebenfalls. "Es wäre ja auch ein Affront gegenüber den Eigentümern, wenn wir keine positiven Ergebnisse liefern würden", murmelt er eher unbestimmt in die Runde.

Der Affront kommt, natürlich, aus einer anderen Richtung. Vom Westen her, aus Brüssel, wo das "Regulierungsmonstrum sitzt, dass Jahr für Jahr die Auflagen erhöht und dabei ist, die Tabakindustrie zu enteignen". Enteignung ist ein starkes Wort, Schmidt benutzt es oft und was er damit meint, dafür hätte er gerne eine Packung Zigaretten, obwohl direkt hinter ihm ein riesiges Modell steht, dass nach den Vorstellungen der EU gestaltet ist, die er jetzt anprangern will.

"Enteignung unserer legalen Produkte"

Zu mehr als zwei Drittel soll die Schachtel aus Warnhinweisen bestehen, sprich aus den jetzt schon bekannten Texten wie "Rauchen verursacht tödlichen Lungenkrebs" und, das ist neu, aus unappetitlichen Bildern, auf denen allerlei fürchterlich zugerichtete Organe zu sehen sind. Den Rest der Verpackung dürfen dann die Hersteller für ihr Logo verwenden. Und damit haben die Zigarettenhersteller ein Problem: Wenn alle Packungen selbst auf den zweiten Blick gleich aussehen, wie sollen sie da noch die Kunden mit ihren Marken erreichen? "Enteignung unserer legalen Produkte durch die Hintertür", sagt Schmidts Assistentin rechts neben ihm kämpferisch.

So gesehen mag es verständlich sein, dass die Tabaklobbyisten in lautes Jammern verfallen. Wobei sie den Beweis, dass die Warnhinweise tatsächlich so ruinös sein werden, wie sie behaupten, noch nicht erbracht haben. Im Gegenteil. Denn es gibt Restriktionen wie Schockbilder bereits in anderen Ländern, etwa in Australien. Die dortige Regierung ist sogar noch weiter gegangen, als es Brüssel plant. Schmidt tut sich aber schwer mit der Antwort auf Frage, was denn dort nach der Einführung geschehen sei. Bis er irgendwann den interessanten Satz sagt: "Ich kann keine Details berichten, aber was die dortigen Kollegen an Ergebnissen abgeliefert haben, war besser denn je."

Sterbehilfe für eine dem Tod geweihte Branche

Aha, besser denn je. Warum dann das Wehklagen? Auch die Bilanzen der Reemtsma-Konkurrenten Philip Morris (Marlboro) und British American Tobacco (Lucky Strikes) weisen Gewinne aus, selbst in raucherfeindlichen Umgebungen wie Europa und Kanada. Aber die Branche weiß auch, dass ihr Geschäft auf dem absteigenden Ast ist. Dass ihr vielleicht noch ein paar Jahre bleiben, um mit der Sucht von Millionen gutes Geld zu machen, und wenn es super läuft, dann stagnieren die Zigarettenabsätze vielleicht sogar noch eine Zeit lang. Aber irgendwann wird auch damit Schluss sein. Dann ist Schluss mit lustig, und ob es wirklich Spaß macht, Sterbehilfe für eine dem Tod geweihte Branche zu leisten, nimmt man Marcus T. R. Schmidt trotz aller gegenteiligen Beteuerungen nicht so richtig ab.

Was bleibt ist die Märtyrerpose. "Wir sind der Präzedenzfall für eine Reihe anderer Produkte", hebt der Tabakmanager an. "Die größte Restriktionswelle trifft uns gerade, doch wir alle wissen, dass in Brüssel schon massive Regulierungen für andere Bereichen in den Schubladen liegen: Alkohol, Süßwaren, Fastfood." Schmidt will das als Warnung verstanden wissen. Und Mahnung dafür, was den Verbraucher künftig noch alles erwartet an Entmündigung und Gängelung. Es klingt natürlich selbstloser als es ist. Und als Chef einer Firma, die trotz alledem immer noch eine halbe Milliarde Euro Vorsteuergewinn eingefahren hat, lebt es sich vermutlich ganz gut in der Opferrolle.