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Tarifkonflikt bei der Bahn: Lokführer suchen die Balance

Der zweite Warnstreik bei der Bahn sollte ein Balanceakt werden. Es galt Macht zu demonstrieren ohne Pendler zu beeinträchtigen. Die Auswirkungen der dreistündigen Arbeitsniederlegung waren trotzdem massiv, auch wenn der Berufsverkehr bis 8:30 Uhr geschont wurde.

Es ist ein Balanceakt für den starken Mann der Lokführer-Gewerkschaft, GDL-Chef Claus Weselsky: Einerseits will er Härte demonstrieren, andererseits nicht alle Sympathien bei den Fahrgästen verspielen. "Wir wollen nicht die Pendler treffen. Eigentlich wollen wir die Fahrgäste gar nicht treffen", beteuert der Gewerkschafter am Freitagmorgen im eiskalten Frankfurter Hauptbahnhof.

In der Pendlerstadt strömen gerade die letzten Scharen von den Bahnsteigen, als die Lokführer um 08.30 Uhr ihre Arbeit niederlegen, die Motoren abstellen. Diesmal gleich für drei Stunden. "Es ist ein Unding, dass das auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen wird", schimpft eine Frau, die Richtung Ruhrgebiet fahren will. Jetzt hört sie von stundenlanger Verspätung - "vielleicht fällt der Zug auch ganz aus".

"Wir bestreiken die Deutsche Bahn und die G6", die sechs großen Konkurrenten der DB AG, beteuert Weselsky. Die Streikzeit zwischen 08.30 und 11.30 Uhr habe man bewusst gewählt, um die Pendler zu schonen und den Wochenendpendlern ab dem Mittag Reisen zu ermöglichen. Die GDL wolle die öffentliche Meinung nie so gegen sich aufbringen, "dass kein Verständnis für die Ziele da ist".

Zur selben Zeit bilden sich an vielen Serviceschaltern lange Schlangen, etwa im Stuttgarter Hauptbahnhof. Mittendrin steht Susanne Schmid, die am Wochenende verreisen will: "So ein Theater, dafür habe ich beim besten Willen kein Verständnis", sagt sie. Auch der heiße Kaffee der Bahn kann ihren Ärger nicht lindern, ebenso wenig die Auskünfte der Servicemitarbeiter: "Die sind zwar da, aber die wissen ja auch nichts." Gleichzeitig ist der große Bahnhof ungewöhnlich leer und still. Unbeleuchtete Züge stehen auf den Gleisen, an den Bahnsteigen herrscht gähnende Leere.

Auch an den Infoschaltern im Hauptbahnhof Hannover stehen Ratlose in langen Schlangen. Nicht einmal Schüler freuen sich darüber, zu spät in den Unterricht zu kommen: Sie säßen lieber im warmen Klassenzimmer, als in der Kälte zu stehen, versichern sie.

Ob die Bahn-Kunden nun Verständnis aufbringen oder nicht - gestreikt wird in der nächsten Woche wahrscheinlich wieder. Weitere Warnstreiks bis zum Ende der Urabstimmung am 7. März über einen "echten" Streik hat Weselsky schon angekündigt. Ein kleiner Trost: Die nächsten Aktionen würden voraussichtlich "relativ kurz" ausfallen.

Eines bleibt dem Gewerkschafts-Boss am Morgen erspart: Ein Radiosender will ihn mit frustrierten Fahrgästen konfrontieren. Doch es findet sich niemand, der dem Gewerkschaftsboss mal so richtig die Meinung geigen will. Zwei junge Frauen geben sich diplomatisch-verständnisvoll - und haben es kurz nach dem Interview plötzlich sehr eilig: Ihr ICE in Richtung Berlin fährt ab. Pünktlich auf die Minute.

cjf/Max-Morten Borgmann und Matthias Armborst, DPA / DPA