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Überwachungsaffäre: Spitzel auch bei Plus und Edeka

Erst Lidl, jetzt Plus und Edeka: Nach Enthüllung der Stasi-Methoden bei Lidl liegen stern.de nun brisante Protokolle über ähnliche Methoden bei zwei weiteren Supermärkten vor. Detailliert wird auch bei Plus und Edeka über die Arbeitsleistung und das Privatleben der Angestellten berichtet.

Von Malte Arnsperger und Markus Grill

Der stern und stern.de enthüllten jüngst, wie der Discounter Lidl Angestellte in seinen Filialen systematisch überwachen und ausspionieren ließ. Nun zeigt sich, dass Lidl offenbar kein Einzelfall ist. Auch einige Konkurrenten bedienen sich vergleichbarer Methoden. stern.de liegen Protokolle eines Sicherheitsunternehmens vor, das für den Discounter Plus und die Supermarktkette Edeka gearbeitet hat. Auch in diesen Protokollen wird detailliert über private Angelegenheiten von Mitarbeitern in den Filialen berichtet. Einziger Unterschied zum Stasi-Fall bei Lidl: Die Zahl der vorliegenden Protokolle ist geringer.

Wie bei Lidl traten die Spitzel in den Märkten offiziell als Ladendetektive auf, tatsächlich beschäftigten sie sich aber nicht nur mit Ladendieben, sondern auch mit dem Ausspähen der Mitarbeiter. Jeweils eine Woche lang waren die Detektive in den Filialen unterwegs, ihre Beobachtungen vermerkten sie minutiös in seitenlangen Berichten. Und wie bei Lidl auch wurden bei Plus und Edeka versteckte Mini-Kameras angebracht, mit denen jeder Winkel der jeweiligen Läden überwacht werden konnte.

So heißt es in einem der Protokolle über eine Plus-Filiale im Norden Deutschlands aus dem Juli 2006: "Bei einem privaten Gespräch mit Frau C. erfahre ich dass sie viele Neider hat, da sie und ihr Mann sich jetzt ein Haus gekauft hätten, zwei Autos und ein Motorrad fahren, sowie öfter in den USA Urlaub machen. Ihr größter Wunsch wäre es, in die USA auszuwandern. Immerhin würde sie als stellvertretende Marktleiterin gutes Geld verdienen und könnte sich den Lebensstil leisten."

Pikante Details aus dem Privatleben

Finanziell geht es der Plus-Mitarbeiterin C. also gut. Pikanter sind da schon andere Details über das Privatleben von Frau C. So berichtet der Detektiv an die Plus-Regionalleitung in der Nähe von Hannover: "Hier gab es eine anonyme Anzeige, da Frau C. sich angeblich zu wenig um ihre 8-jährige Tochter kümmern würde und das Kind während der Arbeitszeit am Nachmittag zu einer Freundin abgeschoben wird. Frau C. hat diesbezüglich heute um 17 Uhr ein Gespräch mit dem Jugendamt."

Sieht so eine "vertrauensvolle" Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern aus? Diese kündigt Plus zumindest auf seiner Homepage an: "In der Management-Philosophie von Plus spielt der Mitarbeiter die zentrale Rolle. Mit einer offenen Feedback-Kultur gestaltet sich die Zusammenarbeit auf allen Hierarchieebenen vertrauensvoll. Den Erfolg dieser Philosophie bestätigen unsere Mitarbeiter: Eine Plus-interne Umfrage hat ergeben, dass diese sehr motiviert sind und Freude an der Arbeit in einem jungen und dynamischen Team haben." Mit diesen Worten wirbt der Discounter um neue Mitarbeiter. Schließlich sind diese "ganz entscheidend für den Erfolg unseres Unternehmens". So weit die Eigeneinschätzung.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Seitenweise werden in den Berichten die Arbeitsabläufe in den Filialen beschrieben, es werden private Unterhaltungen von Mitarbeitern protokolliert oder ihre Arbeitsleistung bewertet. Da erfahren die Plus-Bosse etwa, dass die Angestellte E. gut mit ihrer Kollegin W. befreundet ist und "diese beiden sogar untereinander im gleichen Haus wohnen". Auch weiß der Arbeitgeber nun, wie Frau C. über Frau T. denkt: Diese sei "überfordert" und "nicht das hellste Kind". So sagte es ihm Frau C., berichtet der Detektiv pflichtbewusst. Datum seiner Beobachtung: Dienstag,17.40 Uhr.

Datenschutzbeauftragter kritisiert Schnüffelei

Diese Art der Schnüffelei hatten sowohl der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar als auch der Arbeitsrechtler Klaus Müller-Knapp im stern scharf kritisiert. Schaar sagte, es sei dem Arbeitgeber verboten, seine Mitarbeiter heimlich zu überwachen, das verstoße gegen das Datenschutzgesetz. Müller-Knapp sieht außerdem einen Verstoß gegen Artikel zwei des Grundgesetzes, der die freie Entfaltung der Persönlichkeit schützt. Mitarbeiter könnten zivilrechtlich gegen solche Observationen vorgehen.

Plus bestätigt die Existenz solcher Protokolle. Auf Anfrage von stern.de teilt Plus-Sprecherin Nicole Dinter aber per Fax mit: "Die Notizen des externen Mitarbeiters haben wir nicht explizit beauftragt und weder ausgewertet noch weiter genutzt." Außerdem: "Einen konkreten Grund, warum die Mitarbeiteraussagen im Bericht aufgeführt sind, können wir nicht erkennen." Nach Angaben der Sprecherin wurde aufgrund der stern.de-Recherchen veranlasst, derartige Berichte künftig nicht mehr zu akzeptieren.

Welche seltsamen Ausmaße diese Art der Überwachung haben kann, zeigen auch Aufzeichnungen bei Edeka. In Protokollen aus zwei Filialen in Nordrhein-Westfalen, die stern.de vorliegen, wird ebenfalls in der Privatsphäre der Mitarbeiter herumgestochert. Einen dieser Märkte leitet Herr M., Herr Z. ist sein Stellvertreter. Diesen beiden Männern gilt eine Woche im Herbst 2006 die volle Aufmerksamkeit des fleißigen Detektivs. So berichtet er über ein Gespräch mit Herrn M: "Herr M. erwähnt, dass er fast ausschließlich mit dem Fahrrad in den Markt kommt, manchmal sogar zu Fuß, da er nahe wohnt. Privat fährt er einen Volvo." Über Herrn Z. merkt der Spitzel an, dieser wirke sichtlich "nervös und unsicher" und mache "sehr oft eine Raucherpause". Natürlich werden die beiden Herren auch während ihrer Pausen nicht unbeobachtet gelassen. Der Eintrag um 9 Uhr lautet: "Herr M. und Herr Z. sitzen, rauchen und lesen die Tageszeitung."

Auch in anderen Edeka-Filialen spioniert

Ähnliche Beobachtungen macht der Detektiv eine Woche zuvor in einer anderen Edeka-Filiale. Auch hier gilt sein Interesse vor allem dem Marktleiter, in diesem Falle Herrn J., und seiner Vertretung, Herrn B. am Montag, den 11. September 2006, berichtet er um 15 Uhr: "Herr B. hat von einem Vertreter einen Tankgutschein in Höhe von sechs Euro erhalten und beschwert sich, dass es früher Tankgutscheine über zehn Euro gab."

Natürlich sind auch in diesem Geschäft persönliche Animositäten zwischen den einzelnen Angestellten zu beobachten. Also schreibt der Detektiv, eine Reinigungskraft hätte ihm gesagt, dass "Herr B. von der Belegschaft nicht akzeptiert wird und er kein Durchsetzungsvermögen hat. Zu Herrn J. erwähnt sie, dass dieser insbesondere zu den Kunden sehr unfreundlich ist." Überhaupt kommt dieser Herr J. nicht besonders gut weg. In seinem Fazit bemerkt der Schnüffler: "Herr J. scheint sich den ganzen Tag um das Überarbeiten von Obst und Gemüse zu kümmern und wird selten bei anderen Aktivitäten gesehen."

Edeka bestätigt Existenz der Protokolle

Auch Edeka bestätigt die Existenz dieser Protokolle: "Diese Details wurden uns von der Sicherheitsfirma über den Auftrag hinaus angeboten", sagt Rüdiger Heß, Geschäftsführer des für die beiden Filialen verantwortlichen Edeka-Subunternehmens WEZ, zu stern.de. "Die Informationen interessieren uns aber nicht." Seit 1996 sei die Sicherheitsfirma in seinen Filialen tätig gewesen, bis 2006 aber lediglich mit Testkäufern, um die Aufmerksamkeit der Kassiererinnen zu überprüfen. Dreimal seien dann im Jahr 2006 Detektive mit Wissen der Mitarbeiter für die Ladendiebstahlkontrolle eingesetzt worden. "Danach haben wir die Zusammenarbeit mit der Sicherheitsfirma gestoppt", beteuerte Heß. "Es ging darüber hinaus, was wir wollten, und zudem blieb der Erfolg bei der Ladendiebstahlkontrolle aus."

Ähnlich äußerte sich die Edeka-Zentrale: Diese Art der Überwachung von Mitarbeitern sei "gesetzeswidrig" und nicht zu tolerieren. "Das ist bei uns nicht üblich", sagte Unternehmenssprecherin Marliese Kalthoff. Aufgeschreckt von den stern.de-Recherchen hat die Edeka-Regionalgesellschaft Minden-Hannover die Zusammenarbeit mit der Sicherheitsfirma nach eigenen Angaben vorerst gestoppt. Trotzdem ist die Detektei nach wie vor für einige der insgesamt sieben deutschen Edeka-Regionalgesellschaften tätig, sagte Marliese Kalthoff . Denn: "Wir können keiner unserer Regionalgesellschaften den Kontakt mit dieser Sicherheitsfirma verbieten."