US-Finanzkrise Wen kümmern arbeitslose Spekulanten


Ruhe bewahren und durchatmen! Bei der Finanzmarktkrise handelt es sich bislang lediglich um eine gesunde und notwendige Korrektur. Dass dabei einige gut bezahlte Investmentbanker ihren Job verlieren, ist weder sozial noch volkswirtschaftlich ein Problem.
Ein Kommentar von Sebastian Dullien

An der Wall Street scheint diese Tage der Himmel einzustürzen: Innerhalb weniger Tage sind zwei der größten US-Investmentbanken als unabhängige Institute verschwunden. Von jenen fünf großen Investmentbanken, die noch Anfang des Jahres um das Geld ihrer Kunden buhlten, existieren heute nur noch zwei, Morgan Stanley und Goldman Sachs. Kommentatoren warnen schon vor einer ähnlich gefährlichen Finanzkrise wie nach dem Börsencrash 1929, als die Weltwirtschaft in eine jahrelange Depression rutschte. In den Schreckenszenarien ist die Pleite von Lehman Brothers erst der erste Dominostein, der in den kommenden Wochen und Monaten immer mehr Banken mitreißt und am Ende zu einem weitgehenden Zusammenbruch des US-Finanzsystems führt - wie in der großen Depression, als innerhalb von wenigen Jahren fast die Hälfte der US-Banken unterging.

Eine gesunde Korrektur

Tatsächlich scheinen diese Befürchtungen aber trotz der dramatischen Ereignisse der vergangenen Tage übertrieben. Es stimmt zwar, dass der Finanzwelt der USA große Veränderungen bevorstehen. Mit dem Ende der Verbriefungen von Hypotheken im großen Stil, das in den vergangenen Jahren den Investmentbanken Rekordumsätze und Profite beschert hat, wird es für die Institute eng. Andere Banken haben sich mit Risiken verschätzt, und stehen nun vor der Pleite. Am Ende der Krise wird der US-Finanzsektor ein ganzes Stück kleiner sein als heute, viele einst hoch angesehene Namen werden von der Bildfläche verschwunden sein. Gut möglich, dass sogar keine einzige der Investmentbanken als unabhängiges Institut übersteht.

Zumindest zum Teil ist dies aber eine gesunde Korrektur der Übertreibungen der vergangenen Jahre. Der Finanzsektor hat sich seit der Jahrtausendwende ein immer größeres Stück der Wertschöpfung angeeignet. Sechsstellige Boni auch für einfache Mitarbeiter waren in einigen Instituten an der Tagesordnung. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Sektor Gewinne von 430 Milliarden Dollar - rund ein Drittel der gesamten Unternehmensgewinne der USA, obwohl die Finanzinstitutionen nur gerade einmal fünf Prozent der US-Arbeitskräfte beschäftigen.

Dieser Trend konnte nicht weitergehen, zumal ein Gutteil dieser Profite nur dadurch zustande kam, dass die Institute immer höhere Risiken eingingen. Dass einige gut bezahlte Investmentbanker nun ihren Job los sind, ist weder volkswirtschaftlich noch sozial ein Problem.

Natürlich ist dieser Schrumpfungsprozess auch für den Rest der Wirtschaft mit negativen Folgen verbunden. Die Krise am US-Immobilienmarkt ist noch lange nicht vorbei. Hauspreise dürften noch weiter fallen. Mit der Krise im Finanzsektor wird es tendenziell für Unternehmen schwieriger, neue Kredite für Investitionen zu bekommen. Eine Rezession ist nicht ausgeschlossen. Auch Deutschland und Europa sind davon betroffen, weil unsere Exporteure weniger Bestellungen aus den USA erhalten.

Keine Depression, keine tiefe Rezession

Allerdings muss das alles weder zu einem Totalzusammenbruch des US-Finanzsystems noch zu einem Abrutschen der Wirtschaft in eine Depression oder auch nur eine tiefe Rezession führen. Seit der großen Depression haben Notenbanker und Wirtschaftspolitiker gelernt, wie man den ganz großen Knall vermeiden kann. Zentral ist zu verhindern, dass die Krise im Finanzsektor die Realwirtschaft, also die produzierenden Unternehmen, ihre Investitionen, den Hausbau oder den Konsum der breiten Masse beeinträchtigt und sich eine selbst verstärkende Abwärtsspirale entwickelt.

US-Finanzminister Hank Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke haben gezeigt, dass ihnen diese Logik wohl bewusst ist: Bei den systemwichtigen Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac organisierte Paulson eine staatliche Auffanglösung, bei dem aus seiner Sicht entbehrlichen Geldhaus Lehman Brothers ließ er die Banker und ihre Aktionäre fallen. Paulson wird mit Sicherheit auch wieder mit Steuergeldern eingreifen, wenn er eine Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems sieht.

Und auch die Folgen auf das Wirtschaftswachstum können mit der richtigen Politik begrenzt werden: Notenbankchef Bernanke hat seit Beginn der Krise bereits entschieden die Zinsen gesenkt, Beobachter rechnen mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik. Die Politik in Washington hat den US-Bürgern Steuerrückzahlungen per Scheck nach Hause geschickt. Das Ergebnis: Bislang ist die US-Wirtschaft trotz der bereits ein Jahr andauernden Krise noch nicht geschrumpft. Und um weitere Folgen abzumildern, plant der Kongress bereits die nächsten Entlastungen.

Klar: Eine Finanzkrise ist nie harmlos. Wenn die Politik aber entschieden und richtig reagiert, muss aus der Finanzmarktkrise keine Wirtschaftskatastrophe werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker