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US-Finanzmarkt: Sprengmeister der Wall Street

Späte Genugtuung: Jahrzehntelang wurde der ehemalige Fed-Chef Paul Volcker geschnitten. Er wurde verspottet, seine Ansichten belächelt. Jetzt soll der 82-Jährige für US-Präsident Obama an der Wall Street aufräumen. Er hat nichts zu verlieren.

Von Sebastian Bräuer, New York

Paul Volcker hat Warten gelernt. Er ist begeisterter Angler. Und sein Hobby erfordert vor allem eines: extreme Geduld. Oftmals beißt tagelang kein Fisch an. Dann heißt es Ruhe bewahren. Irgendwann wird er schon wieder einen Fisch an Land ziehen, vielleicht einen ganz dicken.

Das Warten hat sich gelohnt. Paul Volcker ist die Rückkehr ins Machtzentrum der Vereinigten Staaten gelungen. Nach mehr als zwei Jahrzehnten, in denen er manche Schmähung ertragen musste. Die Wiederauferstehung des 82-Jährigen ist mehr als ein persönlicher Triumph, es ist eine politische Zäsur. Sie markiert das endgültige Ende der Ära des Laissez-faire-Kapitalismus, eingeleitet von Ex-Präsident Ronald Reagan und Ex-Notenbankchef Alan Greenspan. Sie waren nur zwei der vielen politischen Gegner Volckers, der die US-Notenbank von 1979 bis 1987 leitete. Jahrelang hatten sie die Oberhand, heute sind sie Geschichte. Aber Volcker, der ist wieder da.

Sprengmeister der Wall-Street

Präsident Barack Obama will das Wall-Street-System in seiner jetzigen Form sprengen. Und Volcker ist sein Sprengmeister. Seit fast einem Jahr fordert Volcker eine Reform, die einer Wiederbelebung des Glass-Steagall Acts aus den 30er-Jahren gleichkäme. Damals, in der Großen Depression, hatte Präsident Franklin D. Roosevelt die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken angeordnet.

Auch Volckers Idealvorstellung ist die Zerschlagung des Bankensystems. Sein Plan: auf der einen Seite streng regulierte Geschäftsbanken, die Kredite vergeben. Auf der anderen Investmentbanken, die auf eigene Faust spekulieren dürfen, aber keine Sparanlagen verwalten - und bei einer Schieflage ihrem Schicksal überlassen werden. Obamas Plan, Banken den Eigenhandel zu verbieten, geht in diese Richtung: Die Wetten auf Zinsen, Währungen, Rohstoffe oder Aktien sind eine wesentliche Einkommensquelle für alle Großbanken. Vielen Instituten drohen schmerzliche Einschnitte, falls die Idee das politische Tauziehen im Kongress übersteht. Der Präsident spricht von der Volcker-Regel.

"Ihr macht mich noch alle verrückt"

Als Volcker vor gut drei Jahrzehnten zum Fed-Chef gewählt wird, sieht er sich mit der Stagflation der 70er-Jahre konfrontiert - und mit einer Schar von Experten, die sich berufen fühlen, ihm Ratschläge zu erteilen. Robert Auerbach erinnert sich an eine Party in den ersten Amtswochen Volckers. Dem mächtigsten Notenbanker der Welt sei bei dem Cocktailempfang der Kragen geplatzt, sagt Auerbach, damals Mitarbeiter eines Abgeordneten. "Verdammt noch mal, ihr macht mich noch alle verrückt", habe Volcker getobt. Er lässt sich schon damals nicht beirren.

Unter dem Widerspruch zahlreicher Ökonomen nimmt er drastische Maßnahmen vor, um die Inflation zu bekämpfen. 1980 hebt er den US-Leitzins auf schwindelerregende 20 Prozent. Der Preis ist hoch. "Volcker hat die Inflation in den Griff bekommen, aber damit einen Rückfall in die Rezession ausgelöst", sagt Brian Bethune, Finanz-Chefökonom bei IHS Global Insight. Er habe den Anstieg der Arbeitslosigkeit und die damalige Immobilienkrise zu verantworten. Die Fachwelt habe die Ereignisse ohnmächtig zur Kenntnis nehmen müssen: "Wenn er von einer Sache überzeugt war, hat er sie rigoros durchgezogen."

"Wir haben den Hurensohn"

Es sind raue Zeiten. Die Bricklayer Union, eine Maurergewerkschaft, schickt Volcker aus Protest Ziegelsteine ins Büro. Im Begleitschreiben steht, dass die Steine nun mangels Bauprojekten nicht mehr gebraucht werden. An diese Anekdote erinnert sich der Investor Henry Kaufman, ein alter Freund und Weggefährte Volckers.

Im Rückblick steigt die Bewunderung für den Mut des Währungshüters. Die Bekämpfung der Inflation sei alternativlos gewesen, sagt Auerbach, heute Notenbankexperte an der University of Texas. "Volcker war ein herausragender Chairman." Präsident Ronald Reagan sah das anders. Der republikanische Hardliner wollte die Wirtschaftsordnung in seinem Sinne neu gestalten. "Reagan mochte Volcker nicht, er stand bei der Deregulierungspolitik im Weg", sagt Auerbach.

Im Laufe der Jahre gelingt es dem Präsidenten, mehrere Posten im Board of Governors der Notenbank in seinem Sinne zu besetzen. Im Februar 1986 wird Volcker von dem Gremium beim Versuch, eine Zinserhöhung vorzunehmen, überstimmt. Kurz darauf verzichtet er auf eine weitere Amtszeit. Reagans Finanzminister James Baker soll jubiliert haben: "Wir haben den Hurensohn." Es beginnt die lange Amtszeit von Volckers Nachfolger Alan Greenspan. Der überzeugte Deregulierer ist mit seiner Politik des billigen Geldes in der Bankenwelt deutlich beliebter als Volcker und wird schließlich ehrfürchtig "Maestro" genannt. Volcker stürzt sich unterdessen in Aufgaben, die viel Mühe bereiten, aber wenig Ruhm bringen: So leitet er die Aufarbeitung des "Oil for Food"-Skandals bei der Uno und untersucht die Herkunft nachrichtenloser Konten aus der Holocaust-Zeit in der Schweiz.

Ex-Maestro übernimmt Verantwortung

"Volcker und ich waren keine Freunde", schreibt Greenspan später in seinen Memoiren. Er lässt der Herablassung für den Vorgänger freien Lauf. Dieser sei introvertiert und verschlossen gewesen und habe weder Tennis noch Golf gespielt. "In Washington hatte er nur ein kleines Apartment, in das er mich einmal Anfang der 80er einlud, um über die mexikanische Schuldenkrise zu sprechen. Alles war voller Zeitungsberge und dem Durcheinander, das sonst noch zu einem Bachelor-Apartment gehört." Im Oktober 2008 macht Greenspan vor dem Kongress ein Bekenntnis von historischer Tragweite: Sein Weltbild habe teilweise auf falschen Annahmen beruht. Der einstige Maestro übernimmt eine Mitverantwortung für die Finanzkrise, die in jenen Wochen die Welt erschüttert.

Volcker fühlt sich von den dramatischen Ereignissen auf den Märkten dagegen bestätigt. Er hegt seit Langem ein tiefes Misstrauen gegen das Gebaren der Wall Street, von immer riskanteren Wetten bis zum Aufkommen exotischer Finanzinstrumente. Er unterstützt Obama im Wahlkampf. "Die größte Innovation der Finanzindustrie in den letzten 20 Jahren war der Geldautomat", lautet eine von Volckers Aussagen.

Geithner und Summers

Doch als sein Kandidat im Weißen Haus angekommen ist, folgt die nächste Ernüchterung: Seine Ratschläge finden kein Gehör. Zwar wird Volcker zum Chef einer Expertenkommission ernannt, dem "Economic Recovery Advisory Board". Doch in der Wirtschaftspolitik geben andere den Ton an: Finanzminister Timothy Geithner und Larry Summers, oberster Wirtschaftsberater im Weißen Haus. Beide sind für ihre Nähe zur Wall Street bekannt. Während die Großbanken bald schon wieder Milliardengewinne im Eigenhandel scheffeln, bleiben die Reformbemühungen von Geithner und Summers weit hinter Volckers Vorstellungen zurück. Vor allem Geithner mutiert in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr zu einem jungen Vertreter des Laissez-faire-Kapitalismus. Sein Vorschlag zur Vermeidung künftiger Krisen lautet im Wesentlichen, die Eigenkapitalregeln zu verschärfen. Allerdings hat er bis heute öffentlich keine konkreten Quoten genannt. Stattdessen ist er vollauf damit beschäftigt, die Kritik abzuwehren, er habe bei der Rettung des Versicherers AIG den Banken zu große Zugeständnisse gemacht.

Volcker überspielt seine Enttäuschung in dieser Zeit mit Selbstironie. Auf die Frage eines Reporters, ob er an Einfluss verloren habe, antwortet er: "Ich hatte noch nie welchen."

Das ändert sich bald. Als Ende des Jahres sogar Republikaner wie Obamas Wahlkampfgegner John McCain eine härtere Gangart gegen die Banken fordern, ruft der Präsident sein komplettes Wirtschaftsteam zum Krisentreffen zusammen. "Die Wahrnehmung, dass Summers und Geithner nicht genug für die Realwirtschaft tun, dürfte Obama beunruhigt haben", mutmaßt Martin Mayer, Autor Dutzender Finanzbücher. "Die Debatte um die AIG-Rettung, an der Geithner maßgeblich beteiligt war, störte ihn zusätzlich."

Too big to fail

Jetzt schlägt die Stunde von Volcker - und er wird sie nutzen. "Volcker hat noch weitere Vorschläge", sagt Mayer. Er unterhielt sich zuletzt im Herbst auf einer Party mit dem Mann, der sich damals noch beschwerte, nicht zurückgerufen zu werden. Schon die jetzigen Pläne dürften im Kongress auf heftigen Widerstand stoßen. Barney Frank, eigentlich ein Vertrauter des Präsidenten und dessen Parteifreund, hat das Tauziehen bereits eröffnet. Die Maßnahmen sollten erst in "drei bis fünf Jahren" in Kraft treten, fordert er. "Man sollte keine Unruhe stiften, wenn die Wirtschaft in Aufruhr ist." Politische Ränkespiele dieser Art könnten Volcker kaltlassen, sagt Notenbankexperte Auerbach: "Er muss sich um keinen Job mehr bewerben und kann rücksichtslos dafür eintreten, was er für richtig hält."

Der 82-Jährige strotzt vor Kraft. Erst vor wenigen Wochen hat er sich, elf Jahre nach dem Tod seiner Frau, wieder verlobt. Als Volcker am Donnerstag hinter Obama steht, bietet das ein ungewohntes Bild: Sogar der ehemalige Basketballer Obama sieht neben Volcker klein aus. Der misst stolze 2,03 Meter. Der strahlende Mann wirkt, als sei er das, was mancher Großbank nachgesagt wird: too big to fail.

FTD