Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson Pannenserie und Verbraucherfrust


Vattenfall am Pranger: Immer häufiger werden Vorwürfe laut, dass es in den deutschen Atomkraftwerken mit der Sicherheit nicht so genau genommen wird. Konzern-Chef Josefsson muss nun kräftig für das Image rudern.

Eigentlich wollte er Bauer werden. Doch die Karriere von Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson verlief anders - und steiler: Der heute 56-jährige Manager ging in die schwedische Rüstungsindustrie und wurde vor sieben Jahren Chef des staatlichen Energieriesen, den er zu einem europäischen Champion ausbaute. Jetzt muss Josefsson aufpassen, dass die Pannenserie in den Atommeilern Krümmel und Brunsbüttel das Image des Konzerns im wichtigen deutschen Markt nicht dauerhaft ramponiert.

Weltweit hat sich der grauhaarige, freundliche Schwede als Öko- Botschafter einen Namen gemacht, obwohl Vattenfall viele Milliarden Kronen mit Atomstrom und in Ostdeutschland mit dem Klimakiller Braunkohle verdient. Josefsson erkannte früh die Herausforderungen des Klimawandels. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ernannte ihn zum Berater in der Energiepolitik. Die Kommunikationspolitik des eigenen Unternehmens wirft aber die Frage auf, ob Josefsson, der fließend Deutsch spricht, die Probleme im Atomgeschäft unterschätzt hat.

Verfall der Sicherheitskultur

Die Vorwürfe, die Schweden, die gemeinsam mit E.ON die drei Atommeiler Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf betreiben, nähmen es mit der Sicherheit nicht so genau und führten die Öffentlichkeit an der Nase herum, sind nicht neu. Vor fast genau einem Jahr geriet der Vattenfall-Reaktor im schwedischen Forsmark beinahe außer Kontrolle. Nach einem Stromausfall sprangen damals Notaggregate zur Reaktorkühlung nicht an, im Kontrollraum fielen die Computer aus.

Einzelne Experten sagten, eine Kernschmelze wie in Tschernobyl sei möglich gewesen. Die schwedische Atomaufsicht und Vattenfall wiesen das zurück. In einer internen Analyse kamen Vattenfall-Fachleute aber zu dem schonungslosen Fazit: "Leider kann man den Störfall als Höhepunkt eines langfristigen Verfalls der Sicherheitskultur sehen." Es passte ins Bild, dass es bei einer Kontrolle von 25 Forsmark- Mitarbeitern drei positive Alkoholproben gegeben habe.

In diesem Februar kam dann heraus, dass der 27 Jahre alte Siedewasserreaktor 150 Kilometer nördlich von Stockholm wegen Schlampereien sieben Monate mit einer defekten Gummidichtung gelaufen war. Josefsson reagierte und verkündete auf der Bilanzpressekonferenz neben Rekordgewinnen die Auswechslung der Forsmark-Werksleitung.

Plakate mit idyllischen Fotos

So einfach wird der Vattenfall-Boss die deutschen Atomgegner kaum besänftigen können. Sie wittern ihre Chance, die Verbraucher aufzurütteln und den Kampagnen der Atomkonzerne etwas entgegenzusetzen. Seit Monaten trommeln Vattenfall, E.ON, RWE und EnBW für die nahezu CO2-freie Kernenergie, ohne die Merkels Klimaschutzziele unerreichbar seien. Wende sich Deutschland von der Atomkraft ab, würden 500.000 Jobs verloren gehen. Auf Plakatwänden und in Anzeigen wirbt die Industrie mit idyllischen Fotos für "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer". Dunkle Rauchwolken und Feuerwehrleute am AKW Krümmel passen schlecht in dieses Bild.

Unterstützt wird die Atomlobby von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der ebenfalls verhindern will, dass - wie im rot-grünen Atomkonsens mit der Wirtschaft vereinbart - ältere Meiler wie Biblis A und B, Neckarwestheim und Brunsbüttel bis 2009 abgeschaltet werden müssen. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will sich nicht weich kochen lassen und alle Anträge auf längere Laufzeiten ablehnen.

An der Verbraucherfront ist es für Vattenfall, die 1,7 Millionen Stromkunden in Berlin und 900.000 in Hamburg versorgen, ebenfalls ungemütlich geworden. Die Preiserhöhungen zum 1. Juli trieben tausende Kunden in die Arme der Konkurrenz. Gleichzeitig musste das Unternehmen 650.000 Kundenbriefe einstampfen lassen, weil die Tarifübersicht unvollständig war. Dies kann Konzernchef Josefsson verschmerzen. Ein Entzug der Betriebsgenehmigungen für Krümmel und Brunsbüttel wäre für den erfolgsverwöhnten Schweden aber ein persönlicher GAU.

Tim Braune/DPA DPA

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