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Konsum oder Kirche?: Sind verkaufsoffene Sonntage die Zukunft - oder shoppen eh alle im Netz?

Shopping am Sonntag: Kunden und Händler freuen sich über den weiteren Einkaufstag. Kirchen, Gewerkschaft und Gerichte sehen das anders. Aber: Müssen wir wirklich auch noch sonntags shoppen? Oder ist der gesetzlich verordnete Ruhetag sogar hilfreich?

Verkaufsoffener Sonntag in Köln

Verkaufsoffener Sonntag in Köln: Shopping am Feiertag

Es ist noch nicht mal zwölf Uhr, doch auf dem Parkplatz von Möbel Höffner, einem großen Möbelhaus vor den Toren Hamburgs, wird es schon langsam eng. Drinnen drängen sich Kunden zwischen Sofas und Pfannen, Betten, Spültischen und Teppichen durch die Gänge. Und der Möbelmarkt hat aufgefahren: Eine riesige Hüpfburg erwartet Kinder direkt am Eingang. Nur ein paar Meter weiter bekommen die Eltern Sekt serviert. Ein Stockwerk darüber schleudern Kinder Eisstöcke über eine Spielbahn, im Restaurant serviert Höffner heute Ente mit Rotkohl und Klößen für 4,90 Euro. Falls man sich bei dem Gedränge überhaupt bis dorthin vorarbeiten kann. Dabei wurde das Geschäft erst vor einer Stunde eröffnet - ganz so, wie es die Ladenöffnungsregelungen zum verkaufsoffenen Sonntag vorschreiben. 

Verkaufsoffene Sonntage sind Ländersache

Keine Frage, an einem Sonntag die Tore zu einem Möbelhaus zu öffnen, scheint sich zu lohnen. An vier Sonntagen im Jahr dürfen Händler in den meisten Bundesländern öffnen. Allerdings müssen sie sich genau an die jeweils ausgelobten Daten halten, Alleingänge gibt es nicht. Die Regeln sind streng - und deutschlandweit vollkommen unübersichtlich. Denn der verkaufsoffene Sonntag ist Ländersache. Und so klammern viele Länder Feiertage, wie Oster- und Adventssonntage aus, aber eben nicht alle. In Berlin darf es bis zu acht Sonntage mit geöffneten Läden geben, in Nordrhein-Westfalen nur vier. Allerdings dürfen einzelne Stadtteile häufiger die Ladentüren öffnen. 

Für Verbraucher ist es daher schwierig, bei dem Chaos durchzusteigen. In dem Möbelhaus bei Hamburg setzte man auf aggressive Radiowerbung. Das Problem: Während in Hamburg alle Geschäfte geschlossen hatten, war in Schleswig-Holstein verkaufsoffener Sonntag. Doch die Städter, die die nahegelegenen Händler gerne anlocken wollen, bekommen davon herzlich wenig mit. 

Immer wieder sonntags ... kommt der Einkaufsbummel

Gehen Sie an verkaufsoffenen Sonntagen zum Shoppen?

Gewerkschaft schmettert Sonntagsverkäufe ab

Doch auch für Händler gibt es kaum eine verlässliche Aussage. Und das liegt an der mächtigen Lobby gegen die Sonntagsöffnung aus Kirche und Gewerkschaft. So kippte ein Gericht die Öffnung im niedersächsischen Nordhorn am Freitag davor. Die Gewerkschaft Verdi hatte sich per Eilantrag gegen die Öffnungszeiten gestemmt - mit Erfolg. Der verkaufsoffene Sonntag sei verfassungswidrig, urteilte das Verwaltungsgericht in Osnabrück. Denn: Ohne besonderen Anlass gibt es kein grünes Licht für die Ladenöffnung. Die Richter hielten wirtschaftliche Interesse oder gar "Shopping-Interesse" der Käufer nicht für ausreichende Argumente und kippte die Sonntagsöffnung, berichtet die "Nordwest-Zeitung". Ähnlich erging es erst kürzlich Mühlheim. Auch dort hatte ein Gericht den verkaufsoffenen Sonntag gestoppt. 

Deutschland shoppt im Netz - auch sonntags

Das Problem von Deutschlands Einzelhändlern: Sonntag ist längst zum Shoppingtag Nummer 1 in Deutschland geworden. Allerdings nicht im der Fußgängerzone oder in der Einkaufspassage, sondern auf dem heimischen Sofa. Sonntag ist für Onlinehändler einer stärksten Verkaufstage. Im Netz können Kunden ohne Öffnungszeiten shoppen. 

Und das tun sie auch: Bei Büchern oder auch Elektronik (Smartphones, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik) liegt der Anteil der Netzeinkäufe schon bei rund 60 Prozent. Bei Lebensmitteln, Wein und Delikatessen haben die Einzelhändler die Nase vorn. Nicht einmal sieben Prozent davon werden bislang im Netz geshoppt. Auch bei Heimwerkerbedarf, Gartenzubehör und Möbeln tun sich die Kunden mit Online-Angeboten noch schwer. Nur gut 21 Prozent der Möbel wird im Netz gekauft, bei Werkzeug und Gartenutensilien sind es nur rund 15 Prozent.

"Wir schlagen vor: Bundesweit zehn verkaufsoffene Sonntage mit Öffnungszeiten von 13 bis 18 Uhr, ohne dass es dafür einen besonderen Anlass geben muss", sagte der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir wollen unbedingt die Wettbewerbsgleichheit in allen Kanälen haben."

Das sagen die Kunden

Die Frage ist: Wollen das auch die Kunden? Laut der Gesellschaft für Konsumforschung, die 2014 Verbraucher zu dem Thema befragte, nutzen 63 Prozent der Befragten die Sonntagsangebote der Händler. Allerdings ist nur eine Minderheit von ihnen interessiert an einer generellen Aufhebung des Verkaufsverbots an Sonntagen.

Für Verbraucher bleibt so die Unsicherheit, ob es überhaupt zu verkaufsoffenen Sonntagen kommt, denn Verdi verschickt von Flensburg bis zum Bodensee Eilanträge an Gerichte. Der Flickenteppich der Länder bietet aber auch Händlern wenig Planbarkeit. Eigentlich müsste eine bundeseinheitliche Regelung her. Doch bis sich die 16 Bundesländer auf eine für Mitarbeiter, Kunden und Händler vertretbare Lösung einigen können, wird es dauern.

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